Ein Dandy von Gottes Gnaden

Auf den Tod Ludwigs II. von Bayern

Es war ein schwüler Sommernachmittag, an dem Ludwig II. von Bayern zu Grabe getragen wurde. In der Hauptstadt München hatte sich bereits am Morgen des 19. Juni 1886 eine ungeheure Menschenmenge versammelt, um an der Beisetzung des Monarchen teilzunehmen. Doch der von offizieller Seite befürchtete Skandal blieb aus; es gab kein Geschrei, keine Banner, die entrollt wurden, geschweige denn Angriffe auf die Polizei.

Das mit zeremoniösem Pomp veranstaltete, königliche Leichenbegräbnis fand in „größter Ruhe und Ordnung" statt. Erst als der Sarg des Märchenkönigs in der Gruft versenkt worden war, „fuhr angesichts der hocherschreckten Menge auf der Straße eine mächtige Feuergarbe, ein Blitz herab auf die St.-Michaelis-Kirche, dem ein entsetzlicher Donnerschlag folgte. Der Blitz hatte nicht gezündet, nur einige Leute an die Mauer der Kirche geschleudert". „Das", so „Das bayerische Vaterland", „war das himmlische Finale zu dem irdischen Trauerakte". Mochte Gott auch zürnen und der Trauergemeinde drohen, die liberale Öffentlichkeit, das Kabinett Lutz und das Haus Wittelsbach konnte zufrieden sein. Der König war tot, der König blieb tot, und die Empörung des Volks hielt sich in Grenzen. „Revolution machen sie ja doch nicht", hatte Ludwig über seine Untertanen gesagt, und er sollte recht behalten.

Seit die Nachricht vom Tod des Königs publik war, kursierten nicht nur in München, sondern in ganz Bayern die wildesten Gerüchte. Bis heute ist nicht wirklich geklärt, was sich am Abend des 13. Juni 1886, an dem Ludwig II. am Ufer des Starnberger Sees den Tod fand, abgespielt hat. Gewiss ist, dass auf Initiative des Minister Lutz ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag gegeben worden war, ein wenig dubios zwar, da man sich nur auf Aktenmaterial und Zeugenaussagen stützen konnte, aber eindeutig im Ergebnis: „Paranoia", lautete das über den Geisteszustand des Monarchen verhängte Urteil. Grund genug, den König als Person entmündigen und auf Lebenszeit für regierungsunfähig erklären zu lassen. Das Haus Wittelsbach zeigte sich einverstanden, zumal der Vorsitzende der Untersuchungskommission Dr. Gudden dienstbeflissen versichert hatte: „Die geistigen Kräfte Seiner Majestät sind bereits dermaßen zerrüttet, daß alle und jede Einsicht fehlt, das Denken mit der Wirklichkeit im vollen Widerspruch sich befindet, das Handeln ein unfreies ist und Allerhöchstdieselben im Wahne absoluter Machtfülle, vereinsamt durch eigene Isolation, wie ein Blinder ohne Führer am Rande des Abgrundes stehen." Wer wie Ludwig das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster hinauswirft, als König die Spielregeln bürgerlich-parlamentarischer Politik missachtet und als Mensch Attitüden an den Tag legt, die mehr als seltsam anmuten, bei dem kann es sich, so der psychiatrische Befund, nur um einen Fall „primärer" oder „originärer Verrücktheit" handeln.

Merkwürdig zwar, dass seine Majestät selbst, der königliche Paranoiker, konfrontiert mit der Diagnose, noch in der Lage gewesen sein soll, dem Psychiater zu entgegnen: „Wie können Sie mich für geisteskrank erklären, Sie haben mich ja vorher gar nicht angesehen und untersucht?" Allein, es half nichts. Unter Bewachung wurde er – wie ein Irrer – in das zur geschlossenen Anstalt hergerichtete Schloß Berg transportiert. „Man schleudert mich von der höchsten Höhe in das Nichts, man vernichtet mein Leben, man erklärt mich lebend für tot, das halte ich nicht aus. Wenn man mir die Krone aberkannt hätte, das würde ich ertragen haben. Aber daß man mir den Verstand aberkennt, mir die Freiheit nimmt ..., nein, das ertrage ich nicht, ich will diesem Schicksal entgehen, man treibt mich in den Tod." Was sich in Berg daraufhin abspielte, ist aberwitzig und schrecklich zugleich. Als Gudden auf einem abendlichen Spaziergang am Ufer des Starnberger Sees seinen todestrunkenen Patienten plötzlich ins Wasser stürzen sieht, versucht er alles in seiner Macht Stehende, diesen vom Freitod abzuhalten. Er folgt ihm, hält ihn fest, sucht ihn zu beruhigen. Da aber erwachen des Königs „Zorns Dämonen". Hält man sich an die Spuren und Indizien, die am Tatort sichergestellt wurden, dann muss Ludwig wie ein gereiztes Raubtier über seinen Arzt hergefallen sein. Man fand den Leichnam Guddens übel zugerichtet und knietief im morastigen Ufergelände steckend, als habe Ludwig ihn, bevor er sich in die kühlen Fluten des Todes warf, als Signalfahne seines letzten Gefechtes eigens hier aufpflanzen wollen.

Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Als der junge Prinz 1864 zum König von Bayern proklamiert worden war, waren ihm die Herzen der Untertanen gleich in Scharen zugeflogen: Ovationsstürme brausten auf, wann immer und wo immer er sich in der Öffentlichkeit zeigte. Man liebte und vergötterte den jungen schönen Monarchen, nicht wenige schwärmten von seinen „ausdrucksvollen Augen"; es schien, als ob mit ihm ein König auf den Thron gelangt wäre, wie er sonst nur im Märchen zu finden war. Als die Staatskommission ihn 22 Jahre später abholen kam, um ihn auf Neuschwanstein in psychiatrischen Gewahrsam zu nehmen, fand sie ihn zurückgezogen und einsam auf seiner „Gralsburg" zu einem Phantom seiner selbst geworden, zu einem Rätsel für sich und andere. Alt sah er aus, stark aufgedunsen und mit dunklen Augenrändern, ein Mann um die vierzig, dem die Zähne ausfielen und die Spuren nächtlicher Exzesse im Gesicht standen. Abseits der Welt, jenseits von Politik und Kommerz hatte Ludwig sich niedergelassen, um hier, in seinen künstlichen Paradiesen, das zu sein, was Gegenwart und Geschichte ihm zu sein verweigerten: ein Souverän von Gottes Gnaden. Am Ende, so scheint es, blieb ihm nichts als diese seine Souveränität dadurch zu behaupten, dass er aus freien Stücken aus dem Leben schied.

 

Im Banne Wagners

„Man muß es nur verstehen, seinen Geist auf einen einzigen Punkt zu konzentrieren und sich genügend zu vertiefen, um die Halluzination herbeizuführen, und den Traum von der Wirklichkeit der Wirklichkeit selbst unterschieben zu können." Auf dieses, vom Herzog des Esseintes in Huysmans' Décadence-Brevier „A rebours" formulierte dandyistische Programm hat Ludwig sich zeit seines Lebens instinktiv verstanden. Träumerisch veranlagt und ein wenig melancholisch, war ihm alles verhasst, schal, widerwärtig und ekelhaft, was nur im entferntesten an die Realität erinnerte, schön, heilig und erhaben dagegen, was ihm die Flucht aus der Wirklichkeit erlaubte, insbesondere die Kunst, war sie es doch, die ihm die Möglichkeit verschaffte, sich ein ums andere Mal ins Reich der Träume oder ins Irreale hineinzukatapultieren. „O, es ist notwendig sich solche Paradiese zu schaffen, solche poetischen Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann." Ludwig II. war ein Träumer mit Kalkül, „le seul vrai roi de ce siècle", wie Paul Verlaine ihn apostrophierte; schillernd, durchtrieben und bizarr, mitunter allerdings auch ein wenig peinlich wirkt, was dieser Fürst der europäischen Décadence als Dilettant und Dandy auf dem Thron an Spuren hinterlassen hat.

Anfangs war es die Magie Richard Wagners, in dessen Schlingen sich die Seele Ludwigs verfing. Schon als Jüngling hatte er sich in die Werke des Spätromantikers vertieft, ja sie als Mythopoeme und Welterlösungsmysterien regelrecht verschlungen. Als er, zum allerhöchsten Förderer und Freund des sächsischen Hexenmeisters avanciert, in einer Privatvorführung Gelegenheit bekam, Ausschnitte von dessen in Arbeit befindlichen Opernkompositionen zu hören, versetzte die Musik ihn in nervöse Zuckungen, sie elektrisierte ihn geradezu; wie alle unmusikalischen Naturen war er hingerissen und begeistert vom pathetisch-suggestiven Zauber der im Unendlichen ausschwingenden Melodien Wagners.

„Geliebter! Einziger! O wie ich glücklich bin! – Wo bin ich? ... Ich sehe Walhalls Wonnen: o zu Siegfried, zu Brünhilde! – Welcher Strahlenglanz über Tristans Leiche! ... himmlisches Leben - zu ihnen zu schweben! ... Wonne=Weben! ... Und dort der Gottgesandte ... Lohengrin! ... Vom Himmel naht alljährlich eine Taube...! Tannhäuser, befreit von allem Irdischen. Die Liebe erlöst den Sünder! – O, sie kann alles! – Hinauf zu Euch! – / Dank Geliebter, Dank, Dank! – Bald wiederzusehen! – / Bis in den Tod/den 1.Febr. 1865/Ludwig. / Das Wort ist arm, kann nichts schildern! – O so kann ich nur schreiben: In Dir Alles, außer Dir – Nichts! schal und öde!"

Hocherfreut, aber wohl auch ein wenig beängstigt stand Wagner der erotischen Inbrunst gegenüber, mit der Ludwig sich den von seiner Kunst genährten Obsessionen ergab. Er ahnte wohl, dass die Ausschließlichkeit der frenetisch vollzogenen und religiös verbrämten Hingabe an das Schöne und Erhabene den König über kurz oder lang in folgenschwere Konflikte mit den konkreten Aufgaben und Verpflichtungen stürzen musste, die das Amt eines Monarchen mit sich brachte. Besorgt registrierte er Ludwigs „Widerwillen gegen ernstliche Beschäftigung mit Staatsinteressen". Immerhin stand mit der Stellung Ludwigs als König die eigene Existenz auf dem Spiel. Wagner fackelte nicht lang. Klug wie er war, machte er sich daran, die beim jungen Monarchen von Beginn an äußerst labile, zur Schräglage tendierende Balance von Ästhetik und Politik zu stabilisieren, ihr durch Instruktionen und Vorkehrungen Halt zu verschaffen. Er schrieb „Über Staat und Religion", um des Königs Weltekel und Menschenverachtung in die rechte, ihm wohlgefällige Bahn zu lenken – schließlich ging es Wagner um mehr als nur die Frage der Erlösung, allein mit tat- und finanzkräftiger Unterstützung Ludwigs II. bestand die Chance, das von ihm lang schon vorbereitete „Kunstwerk der Zukunft" zu realisieren. Doch Wagners Initiative schlug fehl, das von ihm propagierte „Mysterium des königlichen Ideals" erwies sich als viel zu schwach, um den Unbilden der Zeit zu trotzen. Statt Ludwig als Schild im Kampf mit den politischen Kräften und historischen Mächten zu dienen, führte Wagners Lehre am Ende nur dazu, Ludwig in seiner Abneigung gegenüber dem, was das politische Geschäft ausmacht, zu befördern.

„Unbeugsame Gerechtgkeit, stets bereite Gnade –", an diese legalistisch fundierten Eckpfeiler monarchischer Tradition hatte Wagner Ludwig erinnert, ein ausgewogenes Verhältnis von konsequenter Real-Politik und kontinuierlicher Förderung der Kunst hatte er ihm als zu realisierendes Ideal vor Augen geführt und ihm versichert, dass solches nur aus der Religion des Pessimismus entspringen könne, aus dem mystischen Wissen von der Nichtigkeit allen irdischen Strebens. – Welch ein abenteuerliches, geradezu irrwitziges Programm. Während im übrigen Europa die neuen Cäsaren mit dem Bürgertum längst eine unheilige Allianz eingegangen waren und daraus ihren Profit zu ziehen wussten, rät Wagner dem von Weltekel und Menschenverachtung eh angefressenen bayrischen Monarchen allen Ernstes, sich an Schopenhauer zu halten und dessen Ethos als raison d'être wahrhaft politischen Handelns zu betrachten. Nur aus dem „unermeßlich erhabenen Wonnegefühl der Weltüberwindung" heraus, so Wagner, könne Ludwig zu dem werden, der er immer schon sein wollte, ein König des Heils, eine Wiedergeburt des Heiligen Georgs gewissermaßen, ein Ritter, der beherzt in den Kampf zieht und dazu bestimmt ist, alles Böse, das es auf Erden gibt, im Handstreich den Garaus zu bereiten. Einem solchen Ritter und König gegenüber, so Wagner, erscheine „das eitle Behagen des Welteroberers geradezu kindisch-nichtig". Ludwig war entzückt und nahm die ihm zugewiesene Aufgabe augenblicklich an: „denn ich bin, der ich war von Anbeginn. Gott hat mich erkoren".

Als Thronerbe hatte er davon geträumt, die Gralsritterschaft zu erneuern, um an ihrer Spitze in den Heiligen Krieg zu ziehen, 1871 aber, als Bismarck das Deutsche Reich unter der Führung der Hohenzollern ausrief, fand Ludwig sich auf verlorenem Posten wieder: ein „Schattenkönig" nurmehr, eine Marionette auf dem Thron, eine Art Scharnier, das in Gefahr stand, zwischen der von Bismarck preußisch betriebenen Reichspolitik und den Interessen und Ambitionen nationalliberaler Kreise in Bayern zerschlissen zu werden. Für die Umsetzung spätromantischer, auf die Erneuerung des Königtums im messianischen Sinne abzielender Träume blieb da wenig Raum. Immerhin war Ludwig klug genug, das zu begreifen. Er kapitulierte stillschweigend –, während Wagner zur gleichen Zeit keine Scheu trug, das Lager zu wechseln, indem er dem preußischen König und zukünftigen Kaiser des Deutschen Reiches einen Marsch dedizierte.

Von ferne erinnert das Schicksal Ludwigs ein wenig an das des Don Quijote. Wie der Ritter von der traurigen Gestalt – den Kopf voller Abenteuerromane – ausgezogen war, um in einer unheroischen Zeit noch einmal den ritterlichen Helden zu spielen, allen Windmühlen dieser Welt zum Trotz –, so war auch Ludwig – enthusiasmiert von den historisch kolportierten Sagen und Legenden des Mittelalters – angetreten, einem obsolet gewordenen Ideal zu huldigen; unter den Klängen der Wagnerschen Musik wollte er der Idee des Königtums eine neue und glanzvolle Gestalt verleihen. Aber was ist eine Idee, die kein fundamentum in re besitzt? Ein Phantasma, ein Trugbild! Die Kollision war vorprogrammiert, die Katastrophe nur eine Frage der Zeit.

 

Fluchtpunkt Neuschwanstein

Als Ludwig II. sich mit der Integration Bayerns in das heilige preußische Reich deutscher Nation der Souveränität als Monarch beraubt sieht, erlischt der politische Messianismus, auf den Wagner ihn einzuschwören versucht hatte. Stillschweigend kapituliert er als Regent und unterzeichnet für eine nicht geringe Summe an Geld den von Bismarck aufgesetzten Kaiserbrief. Fortan wird er wie ein Dandy von Gottes Gnaden leben und keine Gelegenheit auslassen, seine politisch belanglos gewordene, aber mit majestätischen Mitteln ausgestattete Existenz solipsistisch zu zelebrieren. Er erklärt sich zum Hohepriester des im Zerfall befindlichen Königtums, begreift sich als Sachwalter der Monarchie in Zeiten der Dekadenz. Programmatisch geradezu kündigt er Wagner 1871 an: „Ich will mich der verdammten Höllendämmerung, die mich beständig in ihren qualmenden Dunstkreis reißen will, entziehen, um selig zu sein in der Götterdämmerung, der erhabenen Bergeseinsamkeit, fern von dem ‚Tage', dem verhaßten Feind, fern von der Tages-Sonne sengendem Schein!" Und in Konsequenz dieses Programms beginnt er, sein eigenes Projekt in Angriff zu nehmen: das einer ästhetischen oder architektonischen Apotheose der Monarchie.

Die aus politischen Gründen notwendigen Aufenthalte in dem „so namenlos ungern ... bewohnten München" werden auf ein Minimum reduziert, ebenso wie die Auftritte in der Öffentlichkeit. In dem „gräßlichen Stadtgetriebe" wähnt Ludwig sich wie in einer Gruft lebendig begraben: „wie schön es wäre, wenn man das verfluchte Nest an allen Ecken anzünden könnte."; ähnlich der verehrten Cousine Elisabeth von Österreich war ihm die Vorstellung zuwider, sich als „Ovationsopfer" der Menge ausgeliefert zu sehen. „Ich verachte das Pack, das die Majorität ausmacht, diese Kreaturen, die nur dem Aussehen und dem Namen nach Menschen sind, – und doch", fügte er hinzu, „beschleicht mich manchmal das Gefühl, daß man ihnen ähnlicher sein müßte, um bequemer zu leben."

Die Verwicklungen einer „heillosen Politik" hatten ihm „das Schönste und Erhabenste auf Erden" vergällt, das „Herrscheramt", seine von Wehmut und Trauer durchtränkte Liebe zur „Poesie des Königtums" aber wollte er sich von niemanden nehmen lassen. In einer förmlichen Reaktion auf die militaristischen und plebiszitären Formen des real existierenden Königtums verweigert sich Ludwig der pragmatischen Politik und Öffentlichkeitsarbeit seiner Standesgenossen, um in einem Akt der Verausgabung seiner selbst und der ihm zur Verfügung stehenden Mittel und Möglichkeiten die ihm zur Obsession gewordene Idee des Königtums wenn nicht politisch, dann eben architektonisch aufzuführen und ästhetisch zu verklären.

Als Reverenz an das Geschlecht der Bourbonen nimmt Ludwig unter dem Decknamen „Meicost Ettal" (= L'état c'est moi) die Schlösser Linderhof und Herrenchiemsee in Angriff. Wurde das im recht abgelegenen Graswangtal situierte Linderhof als kapriziöses Lustschloss in Rokoko-Manier vollendet, so ist der auf der Herreninsel im Chiemsee gelegene, zum Andenken an Louis XIV. als Kopie Versailles in Angriff genommene „Tempel des Ruhms" Bruchstück geblieben, eine monumental angelegte und opulent ausgestattete Bauruine. Schlimmer noch erging es der gotischen Burg auf dem Falkenstein, dem byzantinischen Kaisersitz für das Graswangtal sowie dem chinesischen Sommerpalast am Plansee – sie alle gelangten über das Projektstadium nicht hinaus. Als weit fortgeschritten, aber alles andere als vollendet anzusehen ist schließlich jener Bau, der mit dem Namen und Schicksal Ludwigs II. zuerst und vor allem verbunden wird: die auf Entwürfe des Münchener Bühnenbildners Christian Jank zurückgehende, im „echten Styl der alten deutschen Ritterburgen", aber mit dem technisch avanciertesten Apparat des Industriezeitalters aufgeführte „Neue Burg Hohenschwangau" oder wie sie heute heißt: Neuschwanstein.

Wie ein bizarrer Kristall schießt die pseudoromanische Burganlage aus dem schmalen Felskegel am Fuße der Alpen hervor; glatt und steil ragt das mondesbleich schimmernde Mauerwerk in den Himmel hinein. Gekrönt von einem pittoresken Gewirr aus Türmen, Erkern und Zinnen scheint das Gebäude Festungsanlage und Puppenhaus in eins, verspielt und verschlossen, lockend und abweisend zugleich. Nach außen hin präsentiert die Burg sich in all ihrer Phantastik von einheitlicher Kontur, um im Innern desto schroffer den Kolportagecharakter des Historismus hervorzukehren. Neben den gotisch dekorierten Privatgemächern des Königs sowie dem darüber liegenden, an dem der Wartburg angelehnten Fest- und Sängersaal, birgt Neuschwanstein auch Antikes und Modernes: spätantik oder byzantinisch ist der nach dem Vorbild der Hagia Sophia gestaltete, opulent und sakral ausgestattete, goldglänzende Thronsaal, modern aber ist nicht nur die im Erdgeschoß liegende, funktional eingerichtete Küche, sondern mehr noch der wie eine Aussichtsplattform oder ein magisches Auge in die Nordwestfront der Burg eingelassene Wintergarten. In dem „wie ein Schwalbennest" in den freien Raum hinausgebauten, glasumschlossenen Gärtchen liegt nicht sowohl das Geheimnis Neuschwansteins, denn vielmehr das der Architekturphantasmagorien Ludwigs überhaupt beschlossen.

 

Ein Dandy von Gottes Gnaden

Neuschwanstein | Grotte vor dem Winterpalast

Der Wintergarten gibt wenn auch nicht faktisch, so doch auf imaginärer Ebene das Modell oder den Archetypus ab, in und durch den hindurch die Anlagen und Bauten Ludwigs eine Einheit bilden. Ob man an die im Geist des Historismus „stilecht" rekonstruierten Neubauten Neuschwanstein, Linderhof oder Herrenchiemsee denkt oder aber an jene kleineren Einrichtungen, wie sie sich insbesondere um Linderhof herum installiert finden, der Maurische Kiosk zum Beispiel, die künstliche Grotte, die Hundinghütte und Guermenanzklause –, stets noch, so der Verdacht, sieht man sich Kulissenbauten oder Schaubühnen konfrontiert, die als Installationen eine frappante Ähnlichkeit zu dem aufweisen, was in den Glas- und Kristallpalästen zu bestaunen war, die im 19. Jahrhundert für Furore sorgten. Als Ensemble betrachtet, wirken die Burgen und Schlösser Ludwigs, als ob sie zur Innenausstattung eines Sensations- und Erinnerungsareals gigantischen Ausmaßes gehörten, zum Themen- und Freizeitpark eines vereinsamten Königs. Ludwigs Neverland – vom Wintergarten als Bautypus inspiriert vom Königssee über das Graswangtal bis zum Chiemsee reichend: eine Kultstätte der Monarchie, wie gesagt.

Im Unterschied zu den in restaurativer Absicht in Auftrag gegebenen Bauten eines Louis Napoleon oder aber der Hohenzollern dienen die Schlösser, Burgen und Anlagen Ludwigs II. nicht eigentlich der Legitimierung einer historisch obsolet gewordenen Herrschaftsform; es handelt sich bei ihnen nicht um Repräsentationsbauten eines von Machtverlust bedrohten, sondern um melancholisch in Stein gesetzte Phantasmen eines politisch resignierten, nach ästhetischer Erlösung gierenden Königs. Ob Ludwig auf Herrenchiemsee mit seinem Namensvetter und Idol Louis XIV. und dessen Hofstaat imaginäre Feste und Empfänge veranstaltet, ob er sich in der Hundinghütte mit seinen Lakaien auf Bärenfellen lagert und „Metgelage im altgermanischen Stil" abhält oder aber als Lohengrin verkleidet auf einem Boot über den Teich der künstlichen Grotte im Garten von Linderhof gleitet, allemal fungieren die bühnenartig hergerichteten Räumlichkeiten zur Beförderung von Ludwigs eigener Phantasie, es sind Orte der Simulation, nicht aber öffentlichen oder repräsentativen Zwecken dienende Herrschaftsbauten.

Statt wie ein Bürgerkönig die Idee der Monarchie politisch zu instrumentalisieren und damit zu veräußern, verinnerlicht Ludwig diese, um sie abseits der Welt ein letztes Mal zu beschwören. Die Mythologie und Geschichte königlicher Herrschaft dient ihm dabei als Requisitenkammer, die Schlösser und Burgen als Bühnen oder Kultstätten, auf denen er sich qua Phantasie in Gesellschaft jener begibt, die er als seine wahren Ahnen begreift, Louis XV. insbesondere und Marie Antoinette. Aus dem Bewusstsein heraus, dass die Monarchie in der Moderne dem Untergang geweiht ist, ist so eine Traum- oder Gegenwelt entstanden, ein Wintergarten gigantischen Ausmasses, wie gesagt, in dem Ludwig die als äußerst schmerzhaft empfundene Agonie königlicher Macht auf imaginative Weise kompensierte und, wenn auch nur für Augenblicke, vergessen zu machen suchte.

 

Ein Wintergarten majestätischen Ausmasses

Wie unplanmässig, zufällig und willkürlich Ludwigs Bauten auch entstanden sein mögen, in ihrer Totalität sind sie als Manifestationen eines Projekts zu begreifen; sie sind Ausdruck des von einer Obsession und ihren Phantasmen umgetriebenen Willens Ludwigs, der im Zerfall begriffenen Monarchie in der oberbayerischen Bergwelt eine Kultstätte zu errichten. Man verkennt die einzigartige Signatur des königlichen Gesamtkunstwerks, wenn man es, wie Michael Petzet dies getan hat, als „Naturpark" bezeichnet und meint, es handle sich hier um einen Ableger des „mit verschiedenen ‚fabriques' ausgestatteten Landschaftsgarten des 18. Jahrhunderts". Weit mehr als dem ähnelt das Projekt Ludwigs jenem weitläufigen, aber bis ins kleinste Detail durchgearbeiteten Illusionsterrain, wie es von Edgar Allan Poe in der „Domäne von Arnheim" beschrieben worden ist, einem Terrain, das in sich Schönheit, Pracht und Fremdartigkeit vereint und wie von Engeln geschaffen erscheint. Näher betrachtet handelt es sich um ein Erzeugnis des an Unter- und Übergangsphänomenen reichen Fin de siècle. Während sich in der Anlage von Ludwigs künstlichen Paradiesen bereits die Themen- und Vergnügungsparks von heute abzeichnen, Disneyland, Las Vegas u.s.w., liegt ihr Ursprung und das Modell, an dem sie sich architektonisch orientiert, tief im neunzehnten Jahrhundert, in deren Traumstätte: dem Wintergarten.

Wie der Wintergarten, dieses Treibhaus bürgerlicher Illusionen, ohne die technischen Errungenschaften der Zeit nicht denkbar ist und in seiner utopischen Anlage ein naturnah-exotisches, zugleich aber komfortabel eingerichtetes Interieur zu realisieren sucht, so auch das von Ludwig anvisierte Ensemble königlicher Bauten und Gärten. In einer von der Zivilisation noch weitgehend unerschlossenen Gegend werden mit Unterstützung von Wissenschaft und Technik erlesene und opulent ausgestattete Monumente königlicher Herrschaftsarchitektur errichtet, Gebäude, die in der rauen und schroffen Bergwelt im Grunde deplaziert wirken. Durch dieses gewaltsame Arrangement von Natur und Kultur aber entsteht erst jenes exotisch-suggestive Air, das Ludwig schätzte und das schon seinem ersten Bauprojekt, der Erweiterung des auf einem Flügel der Münchener Residenz gelegenen Wintergartens, zu eigen gewesen sein muss. Maria de la Paz wenigstens, die Frau von Ludwigs Vetter Prinz Ludwig Ferdinand, empfand die im Münchener Wintergarten herrschende Atmosphäre als unvergleichlich suggestiv:

»Lächelnd hob der König den Vorhang zur Seite. Ich war verblüfft, denn ich sah einen riesigen, auf venezianische Art beleuchteten Garten mit Palmen, einen See, Brücken, Hütten und schloßartige Bauwerke. ‚Geh', sagte der König, und ich folgte ihm fasziniert, wie Dante Vergil ins Paradies. Ein Papagei schaukelte sich in einem goldenen Reif und schrie mir ‚Guten Abend' entgegen, während ein Pfau gravitätisch vorüberstolzierte. Wir gingen auf einer primitiven Holzbrücke über einen beleuchteten See und sahen zwischen Kastanienbäumen vor uns eine indische Stadt. Als eine verdeckte Militärmusik meine ‚Marcha de Infantes' anstimmte, sagte ich dem König mit Überzeugung, daß dies der Höhepunkt seiner Aufmerksamkeit sei ... Wir kamen zu einem blauseidenen, mit Rosen überdeckten Zelt. Darin war ein Stuhl, von zwei geschnitzten Elephanten getragen, und davor lag ein Löwenfell. Der König führte uns weiter auf einem schmalen Pfade zum See, worin sich ein künstlicher Mond spiegelte, Blumen und Wasserpflanzen magisch beleuchtend. An einen Baum war ein Boot gebunden, wie es die Troubadours in alter Zeit benützten. Wir kamen dann zu einer indischen Hütte. Fächer und Waffen dieses Landes hingen von der Decke herab. Mechanisch blieb ich stehen, bis der König wieder zum Weitergehen mahnte. Plötzlich glaubte ich mich in die Alhambra verzaubert. Ein kleines maurisches Zimmer mit einem Brunnen in der Mitte, von Blumen umgeben, versetzte mich in meine Heimat. An den Wänden zwei prächtige Divane. In einem anschließenden runden Pavillon hinter einem maurischen Bogen war das Abendessen gerichtet Der König wies mir den Mittelplatz an und klingelte leise mit einer Tischglocke. [...] Plötzlich war ein Regenbogen zu sehen. ‚Mein Gott', rief ich unwillkürlich aus, das ist doch ein Traum!' ‚Du wirst auch mein Schloß Chiemsee sehen', sagte der König. Ich träumte also nicht ..."

Vom Wintergarten aus fällt denn auch ein bezeichnendes Licht auf die überladenen, tropisch anmutenden Interieurs von Neuschwanstein oder Linderhof. Es ist nicht so sehr der dem Rokoko bereits attestierte Horror vacui, der als Grund für den Hang Ludwigs zum ornamentalen Exzess anzusehen ist, sondern das überhitzte Klima, das im Treibhaus herrscht. Dass des Königs Räume von uferlos wuchernden Dekors überzogen sind, mitunter floraler, mitunter muschelförmiger Art, erinnert jedenfalls ebenso an das Interieur zeitgenössischer Wintergärten wie die erlesene Kostbarkeit der verwendeten Materialien und die Bedeutung, die Ludwig Beleuchtungseffekten beimaß und dem Einsatz diverser, dem Anlass entsprechender Duftstoffe.

Wie die im Wintergarten kunstvoll zusammengestellten Gewächse und Kioske, Panoramabilder, Bassins und Sitzecken bloß Momente, Versatzstücke innerhalb eines äußerst fragilen und artifiziellen Arrangements sind, so auch die Gemälde, Dekors und Einrichtungsgegenstände der Interieurs Ludwigs. Es sind Module, die nur in ihrer Kombination mit anderen Modulen bedeutsam erscheinen, während sie für sich betrachtet recht banal wirken, hart an der Grenze zum Kitsch. Man denke zum Beispiel an Schloss Linderhof. „Nichts fehlte darin: weder Gobelinzimmer, das Lila-Kabinett, das Rosa-Kabinett, noch die „Salle de Conseil", ein riesengroßes Schlafzimmer mit schwerer Vergoldung und Putten an allen Ecken und Enden, eine Entführung der Europa, ein Spiegelsaal in Blau. Allüberall in verschwenderischer Fülle Elfenbein, afrikanischer Marmor, Kamine aus im Ural gewonnenen Lapislazulistücken, eingelegte Möbel aus Rosenholz, Meißner Porzellane, Schreibgeräte und Tafelaufsätze aus Malachit, Teppiche aus Straußfedern; die Wände bedeckt mit Porträts in Medaillonform, Persönlichkeiten vom Hofe Ludwigs XV. darstellend. Eine Büste Marie-Antoinettes beherrscht den Park. Und über dem Giebel der Hauptfassade des Schlosses trägt Atlas die Weltkugel, sie mit den Armen haltend, im Nacken." Als Elemente eines ornamentalen Arrangements betrachtet, ergibt dies die nahezu perfekte Illusion eines Lustschlosses aus der Zeit des französischen Rokoko, löst man einzelne Gegenstände allerdings aus ihrem Zusammenhang und betrachtet sie als solche, dann verlieren diese augenblicklich jegliches Eigengewicht. Kitsch nur, ästhetisch im Grunde belangloses Zeug.

Je „weiter ab ab vom wahrhaft Seienden, um so reiner, schöner besser ist es. Das Leben im Schein als Ziel". So der junge Nietzsche: „Das Leben ist nur möglich durch künstlerische Wahnbilder." Ludwig dürfte Nietzsche nicht gelesen haben, und doch scheint es, als ob er die von diesem formulierten Leitsätze einer anti-platonischen Ästhetik gleichsam instinktiv befolgt hätte. In den künstlichen Paradiesen, die er sich schuf, ist alle Erinnerung an die Gegenwart getilgt, die Realität scheint aufgehoben und in einen Traumzustand überführt: Die monarchische Ordnung der Dinge, zerspellt und im Zuge der Moderne außer Kraft gesetzt, hat bei ihm so noch einmal eine Wiederauferstehung erfahren, und zwar in Gestalt einer überhitzten, ornamental wuchernden Phantasmagorie vom Typ Wintergarten.

 

Schluss

Der Traum Ludwigs ist, wie angedeutet, unvollendet geblieben. Was er der Nachwelt hinterließ, ist nur ein Bruchstück dessen, was er anvisierte, eine Bauruine, kaum mehr. Wäre Ludwig nicht so plötzlich entmündigt und entmachtet worden, wer weiß, ob er nicht seinen Plan verwirklicht und die von ihm und für ihn geschaffene Architektur-Apotheose der Monarchie vom Totenbett aus in die Luft gesprengt hätte. So vermochte er nur noch eine letzte Ordre an den Kastellan von Neuschwanstein auszugeben: „Sticherl, leben Sie wohl, bewahren Sie diese Räume als Heiligtum, lassen Sie es nicht profanieren von Neugierigen, denn ich habe darin die bittersten Stunden meines Lebens durchgelebt. Ich komme nicht mehr hierher." Nicht einmal zwei Monate später standen bereits die ersten Besucher vor der Tür und verlangten die Räume des verstorbenen Königs zu besichtigen. Heute kommen jedes Jahr mehr als eine Millionen Touristen allein nach Neuschwanstein. Kein schlechtes Geschäft für die Nachfahren jener, die ihn seiner Zeit für heillos bankrott erklärten. Oder?

 

tado ink | 13.06.2011 | Kunstkammer
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