Eurokrätze

Eine Art Pastiche

Nun erst verstehe ich, woher der Ärger und Unmut stammt, der mich seit geraumer Zeit quält, unfähig auch nur die kleinste Kleinigkeit, auf die ich stoße, halbwegs gelassen zu ertragen. Eine Bagatelle reicht, und ich könnte an die Decke gehen. Die Baustelle vor unserem Haus zum Beispiel. Nichts gegen Baustellen, die müssen sein, heißt es. Aber diese, ich weiß nicht. Mal befindet sie sich direkt vor dem Haus, mal hundert Meter weiter links, mal hundert Meter weiter rechts die Strasse runter; gerade beginnt man, an eben der Stelle, an der vor Wochen bereits eine Grube ausgehoben und wieder verschlossen wurde, erneut damit, das Pflaster aufzureissen. Meine Nerven liegen blank. Sobald ich das Wort Baustelle nur höre, beginnt der linke Fuß unwillkürlich zu zucken, ich schüttle den Kopf und kann nicht anders, als mich wieder und wieder unter den Achselhöhlen zu kratzen.

Jetzt begreife ich den Überdruss, der sich wie Mehltau auf meine Seele gelegt hat. Die einzige Lust, die ich noch verspüre, ist die Lust, mich zu kratzen, und das unaufhörlich, stundenlang. Unter der Achselhöhle, wie gesagt. Ansonsten gibt es nichts, was mir Spaß macht, was mich juckt, reizt oder stimuliert. Mein Herz erstickt vor Langeweile. Dabei gibt es kaum weniger Delikatessen, ebenso viele Frauenlippen, Festivals, Sonnenuntergänge, Demonstrationen, Abenteuerromane und Kreuzfahrten wie sonst. Ich glaub, ich krieg die Krätze, nein, ich hab die Krätze, die europäische Krankheit, die Eurokrätze.

Nur auf den alten Wegen, mit alten Büchern, alten Sachen, alten Menschen lebe ich noch, schaut es so aus, als ob ich da wäre, existierte –, in Wahrheit aber bin ich fertig, erledigt, mausetot. Ich beisse mir in die Kuppe des Zeigefingers und spüre nichts. – Superjumbos, Gebilde aus Carbon, Lithium-Ionen-Akkumulatoren und Kerosin, durchfurchen den Himmel über mir, und die Sinne ertragen es. Myriaden unsichtbarer Strahlen durchdringen meinen Körper, die Organe funktionieren trotzdem. Gegenüber Hochtechnologie und Metaphysik sind wir gefeit.

Ganz Europa ist mit Krätzmilben vollgesogen, so viel steht fest, da riecht es nach Milben, da regnet es Krätzmilben. Sie haben sich in die Haut der Menschen und in ihre Augen eingefressen, nicht zu reden vom Genitalbereich und den Achselhöhlen. Das letzte Zeichen ist eingetreten, das letzte Stadium der Zivilisation erreicht: die Seele, das Gewissen, der Instinkt und das Bild Gottes sind vor Zeiten bereits gemeinsam den Bach runtergegangen. Dagegen helfen auch die gleissenden Fassaden der Hochhäuser nichts, hinter denen Broker und Staatssekretäre mit verdrehten Augen gebannt auf die Schirme von Hochleistungsrechnern stieren, als ob sich aus der Zukunft noch Kapital schlagen liesse. Nein, die Milben haben sich längst in die Sehnen, Nerven und feinsten Gehirnwindungen der Menschheit inkrustiert. – Kontore der Verschwendung, Büros des Großmuts, Kabinette der Aufrichtigkeit, Agenturen für Nachhaltigkeit, Vertriebsstellen des schlechten Gewissens und guten Willens sind hier ins Handelsregister eingetragen. Auf den Laufbändern der Klein- und Großbildschirme tauchen jeden Tag die Namen frisch aus dem Hut gezogener Einrichtungen, Ausschüsse und Massnahmen auf: Committee of European Securities Regulators (CESR). – European Council of Economics and Finance Ministers (ECOFIN). – European Economic Recovery Plan (EERP). – European Financial Stability Facility (EFSF). – European Stability Mechanism (ESM). – Financial Stability Board (FSB). – European System of Central Banks (ESCB). – Stability and Growth Pact (SGP). – Task Force on Finance Statistics (TFFS).

 

Eurokrätze

Krätzmilbe, eingefärbt

 

In jedem Stockwerk dieser Häuser, in jedem Büro, in jedem Zimmer, in jedem Schrank, in jeder Haushaltsbilanz hat sich die Eurokrätze eingenistet. Es scheint nur ein einziges Mittel, wenn auch nur zur Betäubung, nicht zur Heilung der Krankheit zu geben. Die Notenpresse anwerfen, Geld drucken und unter die Leute bringen. Geld wirkt besänftigend wie Aspirin. Es erlaubt den Menschen, sich über die Verheerung der seelischen Krankheit mit Louis Vuitton, iPads und einem Mercedes hinwegzutäuschen. Die Frauen schminken sich die Lippen und das Haar mit Diamantenstaub, die Männer lassen sich angefressene Gliedmaßen kurzerhand durch solche aus Platin ersetzen. Aber der Kenner durchschaut den Schwindel. Er sieht das aufgeklebte Lächeln auf den Gesichtern blutjunger Greise, die falschen Zähne, eingeschnürten Hüften und die geheuchelte Weltläufigkeit.

So wandle ich als Aussätziger über diesen ruinierten, sich selbst zum Gespenst gewordenen Kontinent. Und kann nicht anders, als mich unaufhörlich, in einem fort unter den Achselhöhlen zu kratzen. Wozu Nichtraucherschutzgesetze, Glühbirnenverbote und das Recht auf öffentliche Bedürfnisanstalten für Transsexuelle! Ein Sieb bin ich, in dem kein Tropfen hängen bleibt; ich bin ein Mensch aus Glas –, ohne Blut, ohne Seele, durch den die Sonne glatt hindurch scheint. Wie durch nichts. Es juckt allerdings, fortlaufend, wie gesagt. Ich trag in mir die Schuld einer blutrünstigen, über tausendjährigen Geschichte: ich bin ein Verbrecher unter lauter Verbrechern, ein Blinder unter Blinden. Und doch sind sie im Grunde harmlose Kinder, diese Gesellschaftsmenschen, die in ihren Wohn-, Arbeits- und Amüsiervierteln mit den blinkenden Puppen des Fortschritts, mit silberweißen Maschinen voll summender Elektrizität spielen, sie mit dem Daumen streicheln und stolz auf sie sind, ohne auch nur das geringste von ihnen zu verstehen.

Mitten unter dem Dreck und Unrat, der die Strassen säumt, ein Smartphone mit einem matt glänzenden Touchscreen und dem Versprechen, mich unverzüglich mit Gott und der Welt zu verbinden. Kein Samsung Galaxy S4, kein Sony Xperia SP oder ein HTC One, auch kein Fairphone made in Holland, ein iPhone vielmehr, eines aus der Baureihe 5. Die pompösen Worte bleiben den Erzeugnissen aus der zweiten Reihe vorbehalten. Als ich auf den Knopf drücke, um das Gerät aus dem Schlummerzustand zu wecken, höre ich eine Stimme leise krächzen: No battery charge! No battery ...! No ...! Nicht nur die Genies und Götter, auch die Gadgets sind bei uns ihres absoluten Werts beraubt. Die Eurokrätze zerfrisst alles.

 

[Prä- oder Subtext: Iwan Goll: Die Eurokokke, Berlin 1927, S. 110-114]

 

tado ink | 03.07.2013 | Stichijows Papiere
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