Everyday Masterpiece

Fiat 500

Ein Essay von Stephanie Bretz

 

Was haben ein Bic-Feuerzeug, ein roter Lippenstift, ein orange-blauer Radiergummi, Soya-Soße, ein Thermometer, ein Chupa Chups-Lolli, Murmeln, ein Kronkorken, ein Schneebesen, ein Radio, bunte Reißzwecken, Essstäbchen, eine Zündkerze, eine Schere, ein Teebeutel, ein Baseball, ein Rechenschieber, ein Sparschäler, ein iPod-Shuffle, ein doppelt angespitzter zweifarbiger Buntstift und ein Schweizer Taschenmesser miteinander zu schaffen? Wie stehen sie in Beziehung zu einem Fußball, einem Reißverschluss, einem Kugelschreiber, einem Streichholz, einer Armbanduhr, einem Strohhalm, zwei roten Würfeln, einer Büroklammer, einem Fächer, einer Glühbirne, einer Lakritzschnecke, einer CD, einem Abreißkalender mit italienischer Beschriftung und einem Boomerang? Warum gehören rote Flipflops, eine Eiswaffel, eine Sicherheitsnadel, zwei Domino-Spielsteine, ein Pflaster, eine Flasche Tabasco, ein Zauberwürfel, ein Kugellager, Spaghetti, ein Moleskine-Notizbuch, ein Tischtennisschläger, eine Papiertüte und ein Plektron ins Paradigma der genannten Gegenstände?

Sie alle, 48 an der Zahl, werden im Werbespot „Everyday Masterpieces" des italienischen Automobilherstellers Fiat aus dem Jahr 2008, ausgestrahlt in ganz Europa, verwendet. Beworben wird das neue Modell des Fiat 500, auf dem Markt seit Ende 2007. Vor weißem Hintergrund werden die Gegenstände für die Dauer weniger Sekunden nacheinander eingeblendet, hinterlegt ist der Spot mit dem Song „21" des italienischen DJs Tiziano Lamberti, der eigens für den Werbespot produziert wurde. Der Spot hat eine Laufzeit von 31 Sekunden; bereits nach 4 Sekunden wird zum ersten Mal ein Bild des neuen Fiat 500 eingeblendet, weitere Darstellungen des Autos aus den unterschiedlichsten Perspektiven folgen im weiteren Verlauf. Sechs Sekunden nach Beginn des Spots wird der Titel „Everyday Masterpieces" in schwarzen Großbuchstaben eingeblendet. Sechs Sekunden später beginnt, immer unterbrochen durch weitere Gegenstände, Wort für Wort die Einblendung des Satzes „Some little things are magic", wieder in schwarzen Großbuchstaben vor dem weißen Hintergrund. Zum Ende des Spots wird zunächst der Autoschlüssel des neuen Fiat in verschiedenen Farben abgebildet, dann folgt mehrmals das Logo „Car of the Year 2008", der Fiat in Allround-Ansicht in verschiedenen Zoom-Stufen, das neue Marken-Logo „500", und der Fiat fährt aus dem Bild heraus, um für den Link zu seiner Homepage Platz zu schaffen. Zum Schluss bleiben das Fiat-Firmenlogo und der Slogan „you are, we car" stehen.

Die Aufzählung der dargestellten Gegenstände oben folgt einer ähnlich willkürlichen Reihenfolge, in der der Werbespot sie zu präsentieren scheint. Dennoch lassen sie sich in verschiedene Kategorien einteilen: Essen und Trinken, Genuss, Musik, Technik, Sport und Spiel, Intelligenz, Büro, Marken und Design, Schminke, Schmuck, Mode und Unterhaltung. Alle Gegenstände begleiten uns also in den unterschiedlichsten Bereichen unseres täglichen Lebens – ein Leben, das von den Rahmenbedingungen einer Welt von Mode, Werbung & Design geprägt ist. Alle Gegenstände sind Konsumgüter, die uns in dieser Welt täglich zur Verfügung stehen. Sie sind dabei so klein („little things"), dass sie uns im Alltagsgebrauch oft gar nicht bewusst auffallen.

Der britische Anthropologe Daniel Miller würde diese Gegenstände des alltäglichen Lebens als „stuff" bezeichnen, ohne diesen Begriff jedoch genauer zu definieren. Nach Miller sind es nicht nur die Menschen, die die Dinge – stuff – herstellen, sondern auch die Dinge wirken sich in einem dialektischen Prozess bestimmend auf die Menschen selbst aus: „objects make people" (Miller: Stuff, 53). Dieses Wechselspiel im Umgang mit den Dingen ist für Miller eine existenziell grundlegende anthropologische Konstante, die sich durch alle Kulturen erstreckt. Menschen stellen stuff her, und über ihren täglichen Umgang mit dem stuff, indem sie täglich von stuff umgeben sind, wird dieser zu einem wichtigen Bestandteil des Selbstverständnisses des Menschen in der Gesellschaft. Dies ist jedoch kein bewusster Prozess; die Dinge als stuff umgeben den Menschen bei seinen alltäglichen Handlungen und fungieren als Rahmen für gesellschaftliche Praktiken. Miller bezeichnet diese Eigenschaft des stuff als „humility of things" (ebd., 50). Der Mensch, so Miller, objektifiziert und entfremdet sich damit von sich selbst. Doch indem er Eigenschaften seiner selbst in der Herstellung von stuff veräußerlicht, macht er diese sich selbst erst zum Gegenstand und kann somit eine neue Erkenntnis über sich selbst gewinnen. Auch der (Aus-)Tausch von stuff in einer Gesellschaft ist eine wichtige Komponente; er führt dazu, dass zwischenmenschliche und intersoziale Beziehungen sowie Kategorisierungen der Objekte selbst aufgebaut und definiert werden können. Millers Fazit: „the key operator in making us characteristic of our own society is stuff" (ebd., 52). An anderer Stelle schreibt Miller gar: „Wir interessieren uns deshalb so sehr für die materielle Kultur, weil die Gegenstände Schöpfer der Menschen sind, nicht umgekehrt. Die Ordnung, die den Beziehungen zu und zwischen den Objekten zugrunde liegt, formt [...] das Individuum, das wir dann in soziale Kategorien [...] einordnen" (Miller: Der Trost der Dinge, 208).

Miller würde den Werbespot „Everyday Masterpieces" als Manifestation seiner Theorie von der materiellen Kultur betrachten. In der Einführung eines Objektes, des neuen Fiat 500, als stuff macht der Spot den sonst unbewusst vorhandenen Bedeutungszusammenhang der Gegenstände explizit. Dazu wird der Fiat 500 in seiner Beziehung zu anderen Gegenständen dargestellt. Indem er sie als Meisterwerke des Alltags bezeichnet, rückt der Werbespot Dinge ins Zentrum, die wir im alltäglichen Kontext benutzen, ohne uns ihrer eigentlichen (magischen) Bedeutung bewusst zu sein – wie zum Beispiel die Schere, den Radiergummi, die Glühbirne und die CD. Durch den abschließenden Slogan „you are, we car" wird der Fiat als Auto („car") und damit als Gegenstand auf die existentielle Ebene des menschlichen Daseins verschoben – unsere gemeinsame Weise des Existierens ist „car".

Nach einer Miller'schen Lesart erfährt der Werbe-Konsument (wie der Anthropologe) bei der Betrachtung des Spots in einem selbstreflexiven Moment ein Aha-Erlebnis, das ihn erkennen lässt, wie wichtig die kleinen Gegenstände des täglichen Lebens sind und dass sie trotz ihrer Bescheidenheit („humility of things") zu „Masterpieces" erklärt zu werden verdienen. Wir brauchen und gebrauchen sie in alltäglichen Kontexten, wir haben sie (als Menschen, als Angehörige einer Kultur) hergestellt, und sie machen uns zu dem, was wir sind. Denn ohne sie wären wir nicht, wie wir sind; wir wären keine Menschen des 21. Jahrhunderts. Wer könnte ohne seinen iPod Bahn fahren? Wer könnte sich ohne Flipflops im Sommer wirklich „cool" fühlen? Wer könnte ohne Tabasco ein scharfes Essen kochen? Welche Frau ohne roten Lippenstift könnte sich wirklich als „Frau" fühlen? Und vor allem: Wer könnte sich ohne den Fiat 500 wirklich als „Mensch" bezeichnen? Der Fiat ist für uns genauso wichtig und unentbehrlich, bereitet uns genauso viel Genuss und Vergnügen wie der Reißverschluss, die Lakritzschnecke, der Kugelschreiber, das Feuerzeug, der Fußball und die Eiswaffel; schließlich ist er genauso klein und genauso magisch wie sie, er gehört ins Paradigma der „Everyday Masterpieces", er ist stuff.

 

 

Na fein, das passt ja alles wunderbar zusammen. Aber: Wer Roland Barthes gelesen hat, weiß, dass man als Mythologe immer genau dann besonders misstrauisch werden sollte, wenn alles ganz wunderbar fein zusammenpasst. Durch die Barthes'sche Brille betrachtet, lässt sich die Rhetorik des Fiat-Werbespots neu beschreiben; er erscheint als ein mehrfach verschobenes semiologisches System (1). Die Abbildungen einer Lakritzschnecke, einer Glühbirne, eines Plektrons, sind zunächst als einfache Bildzeichen bestimmter (sprachlicher) Begriffe zu verstehen; im Werbespot werden sie zu einem Set von Gegenständen kombiniert, das mit den Attributen „Meisterwerke des Alltags" („Everyday Masterpieces") und „Magie" („Some little things are magic") eindeutig bezeichnet wird. Das Bild vom pinken Lolli verweist dann nicht mehr nur auf eine klebrige Süßigkeit oder die Marke Chupa Chups; gleichzeitig bedeutet es nun „Meisterwerk des Alltags" und „Objekt mit magischen Fähigkeiten". Dem Set der magischen Gegenstände wird der Fiat gleichsam untergejubelt. Das Bild des Fiat als beworbenes Produkt (Signifikant) wird in der Aneinanderreihung der Gegenstände mit dem gleichen Begriff (Signifikat) verknüpft und erhält somit die gleiche Bedeutung (Zeichen), wie die übrigen dargestellten Gegenstände: „Meisterwerk des Alltags" und „magisches Objekt". Hier findet also eine erste semiologische Verschiebung statt: Ein „fertiges" Zeichen, eine Einheit von Signifikant und Signifikat („Das ist eine Büroklammer") wird als Form zum Signifikant eines neuen Zeichens umgedeutet („Das ist ein Meisterwerk des Alltags mit magischen Eigenschaften"). Dem Konsumenten wird im Spot der Begriff, mit dem die dargestellten Bildzeichen, allen voran das des neuen Fiat, verknüpft werden sollen, klar vorgeschrieben; er vollzieht ihre Zusammenfügung zwar selbstständig, folgt dabei aber den Vorschriften des Spots. Die Eindeutigkeit, mit der die Identifizierung der dargestellten Gegenstände als „Everyday Masterpieces" erfolgt, ist konstruiert; sie ist Ergebnis eines eindeutigen Beschriftungsvorgangs.

Zahlreiche Gegenstände aus dem Set der „Everyday Masterpieces" rufen nun zusätzlich spezifische Konnotationen auf, die wiederum vom sekundären semiologischen System „Fiat als Meisterwerk des Alltags mit magischen Eigenschaften" gekapert werden: der iPod hat Kultstatus als Design-Objekt, Soja-Soße ist ein exotischer Genuss, den die globalisierte Konsumwelt massenhaft verfügbar gemacht hat, das Moleskine-Notizbuch ist Sinnbild für Kreativität, der Zauberwürfel für Intelligenz, der rote Lippenstift für Sinnlichkeit, das Kugellager für den technischen Fortschritt der Menschheit und der Zivilisation, die CD für die Mediengesellschaft und so fort. Der Fiat-Werbespot macht sich diese Gegenstände mit ihren Konnotationen zu eigen; er schrumpft sie auf die gleiche Größe (alle Gegenstände sind „little things", die Flipflops sind so klein wie die Glühbirne wie der Reißverschluss wie die Schere wie der Boomerang wie der Fiat), er unterwirft ihre Darstellung dem Takt des ihm unterliegenden Songs, er bestimmt ihre Reihenfolge, er nimmt eine Selektion vor, ihm allein obliegt die Deutungsmacht, die Gegenstände zu „Everyday Masterpieces" zu erklären. Dies jedoch verschweigt der Werbespot; er gibt vor, abzubilden statt herzustellen.

Der Fiat-Werbespot erzeugt also neue Bedeutungen für die dargestellten Gegenstände, die in sich aber schon jeweils mit (einer oder mehreren) bestimmten Konnotationen verbunden sind. Diese werden wiederum benutzt, um eine Aussage über den Fiat 500 als beworbenes Produkt zu treffen. Der Fiat ist „Everyday Masterpiece" und „magic"; er ist ebenso Kult, Zivilisation, verfügbares Konsumgut, Design, Genuss, Kreativität, Intelligenz, technischer Fortschritt, Sex, Medium, Mode, Sport, Trend, etc. Im Werbespot werden bildliche Zeichen erborgt und als Signifikanten (Formen) mit neuen Begriffen intentional zu neuen Zeichen kombiniert. Indem der Werbespot vorgibt, eine Realität zu reproduzieren statt die Reproduktion einer vorgeblichen Realität herzustellen, lässt sich die ihm unterliegende Rhetorik als eine Rhetorik der Naturalisierung entlarven. Im Erborgen von Zeichen und in der Verbindung von Sinn und Konnotationen der dargestellten Bildzeichen mit neuen Begriffen entsteht eine neue Bedeutung, ein neues Zeichen, das sich von der Arbitrarität in der Verknüpfung von Signifikant und Signifikat der grundlegenden bildlichen Zeichen (sowie sprachlicher Zeichen überhaupt) durch die ihm eigene Intentionalität deutlich unterscheidet. Denn ein solches motiviertes Zeichen ist das Gegenteil einer arbiträren Verbindung von Signifikant und Signifikat im sprachlichen Zeichen, die per definitionem nicht naturgegeben ist.

Besonders die Bezeichnung der „Everyday Masterpieces" als „magisch" im Fiat-Werbespot ist in Bezug auf die naturalisierende Funktion der mythischen Sprache hervorzuheben. Denn Barthes bezeichnet ein naturalisiertes Objekt als „ein magisches Objekt, das vor mir auftaucht ohne irgendeine Spur der Geschichte, die es hervorgebracht hat" (Barthes: Mythen des Alltags, 272). Die „Everyday Masterpieces" sind „magisch": Sie sind als naturalisierte Objekte, denen jede Geschichtlichkeit entzogen worden ist, gleichsam vom Himmel gefallen. (Vgl. Barthes' Beschreibung der „Déesse": „Der neue Citroën", in: Mythen des Alltags, 196-198). Die „Everyday Masterpieces" werden folglich sogar von einer profanen auf eine sakrale Bedeutungsebene verschoben: Als „Masterpieces" verweisen sie auf ihren Schöpfer, den „Master" – Gott. (2)

In der intentionalen Verbindung von Form (als erborgtes Zeichen, als verfügbar gemachter Sinn) und Begriff gaukelt der Fiat-Werbespot seinem Konsumenten eine natürliche und damit geschichtslose Gegebenheit der von ihm produzierten Wahrheit vor: „Alle hier dargestellten Gegenstände sind aus sich heraus magische (sakrale) Meisterwerke des Alltags; der Fiat auch und ganz besonders, denn er vereinigt aus sich heraus – auf natürliche Weise – die Eigenschaften der übrigen Gegenstände in sich." Ihm liegt eine in sich mehrfach verschobene mythische Zeichenstruktur zugrunde, er ist gleichsam ein Doppel- und Dreifach-Mythos.

So ist denn auch der Konsument, den der Werbespot sich wünscht, ein Mythenleser im Barthes'schen Sinne: Er fühlt sich im dargestellten Zeichensystem wohl, er sieht den Spot als Bestätigung und Aktualisierung der natürlichen Beschaffenheit der Konsumwelt von Mode, Werbung & Design, in der er zu Hause ist; gerne ist er bereit, den neuen Fiat 500 in den Katalog der magischen Meisterwerke des Alltags, die es immer schon gab und immer geben wird (der Werbespot hat es ja schließlich gezeigt!), zu integrieren, ihn sogar an dessen Spitze zu setzen.

Dabei ist der Fiat 500 selbst schon mythologisch vorbelastet. Denn das Design des neuen Fiat 500 von 2007 lehnt sich an das Vorgängermodell Nuova 500 an, das zwischen 1957 und 1975 von Fiat produziert wurde. Nachdem das erste Modell der Baureihe, der sogenannte „Topolino" aus den 1920er und 30er-Jahren, als preiswerter Zweitwagen für die gesellschaftlichen Eliten lief, wurde der Nuova 500 in den Nachkriegsjahren zum Auto für jedermann. Ein Auto für die Masse, das in 18 Jahren fast 3,9 Millionen Mal gebaut wurde und den „kleinen Leuten" einer neuen mittelständischen Konsumschicht individuelle Mobilität und wirtschaftlichen Aufschwung bescherte:

„Das Auto als Quell familiärer Zusammengehörigkeit, als Symbol der Macht und der Geschwindigkeit, als Moment sportlicher Darstellung [...]. Die Mythologie des Autos [...] ist verbunden mit der Gleichsetzung von Fahrer und Auto [...] und der Möglichkeiten, sich über dieses Vehikel darzustellen [...].Diese Erzählung, die große Erzählung von der Erscheinung und der Funktion des Automobils hat [...] die [...] Kultur geformt. Man kann also behaupten, daß die Werbekampagnen unsere Mythologie geprägt haben, nämlich die eines mit der Verbreitung des Autos verbundenen Fortschritts" (Quintavalle: „Mythologien des Fortschritts", 26f.).

Der Nuova 500 ist heute Teil der Medien-, Konsum- und Popkultur geworden: Im Disney-Pixar-Animationsfilm Cars aus dem Jahr 2006 tritt ein gelber Nuova 500 mit Namen Luigi auf – der als Spielzeugzugabe im McDonald's Happy Meal erhältlich war –, der britische Starkoch Jamie Oliver präsentiert sich auf dem Cover seines Kochbuchs Genial italienisch mit dem „Cinquecento", und die Plakatwerbung eines französischen Zigarettenkonzerns nutzt das Auto als „Verpackung" für zehn knackige Blondinen.

Der Nuova 500 steht für Fortschritt, Zivilisation, Macht, Aufschwung, Freiheit, Konsum; er ist Trend, er ist Kult, er ist Design. All diese Konnotationen schwingen mit im Bild des neuen Fiat 500 und werden im Werbespot „Everyday Masterpieces" vom Mythos Fiat bereitwillig erborgt. Und die Firma Fiat scheint diese Verbindung des 500 mit der Welt der Marken und des Konsums selbst zu suchen; die Barbie-Edition mit Svarovski-Steinen, der 500 by Diesel oder der Abarth 500 sind nur einige Beispiele für die Kooperation mit großen Namen aus dieser Welt von Mode, Werbung & Design.

Die Auszeichnung zum „Car of the Year 2008" markiert den Erfolg dieser Strategie. Das Siegerlogo des Wettbewerbs ist ein weiteres Bildzeichen, das im Spot „Everyday Masterpieces" gezeigt wird. Der Fiat 500 ist damit Design (allen anderen Auswahlkriterien für die begehrteste Auszeichnung der Automobilbranche voran), Komfort, Sicherheit, Effizienz, Leistung, Funktionalität, Umweltverträglichkeit, Fahrspaß, Innovation. Wie der „red dot design award" in der Kategorie „communication design", verliehen 2008 an die Nürnberger Werbeagentur, die mit dem „Everyday Masterpieces-Magazin" die Markteinführung des neuen Fiat 500 in Deutschland begleitete, fungiert diese Auszeichnung als Gütesiegel und eigene Deutungsinstanz der Welt von Mode, Werbung & Design, hervorgebracht allerdings von dieser Welt selbst. Diese Welt sanktioniert und legitimiert sich selbst, ebenso wie der neue Fiat 500 als Produkt dieser Welt dies im Werbespot tut.

Mit der Kampagne „Everyday Masterpieces" dehnt der Fiat 500 seinen Wirkungsbereich aus diesen Sphären in den Bereich der Kunst aus. Das geschieht zunächst, indem die Alltagsgegenstände und der Fiat 500 selbst im Werbespot zu „Meisterwerken" – also zu Werken der Kunst – erklärt werden. Auch aktuelle Werbe-Aktionen verweisen auf die von Fiat bewusst gesuchte Verbindung zur Kunst. So engagiert sich der „Cinquecento" seit September 2010 für „Contemporary Art", wie die Website des Unternehmens verkündet. In verschiedenen Europäischen Städten werden Vernissagen zeitgenössischer internationaler Künstler präsentiert, die mit Promo-Aktionen für neue Modelle des Fiat 500 verknüpft werden: „Denn mit zeitgenössischer Kunst kennt sich der Fiat 500 ja ohnehin bestens aus. Schließlich ist er selbst nicht nur in Designbüros entstanden, sondern auch vom urbanen Lifestyle geprägt wie kaum ein anderes Auto", behauptet man bei Fiat selbstbewusst [http://www.fiat500.de/de/content_news.asp?ID=58.]. Die Entstehung in einem Designbüro und die Prägung durch urbanen Lifestyle werden hier als Voraussetzungen für „Kunst" definiert. Dabei ist es doch umgekehrt: Nicht die Kunst ist im Design, sondern das Design erklärt (naturalisiert) sich selbst zur „Kunst". Und der Fiat hofft, durch seine Kampagnen den urbanen Lifestyle selbst zu prägen – nämlich durch den ansteigenden Verkauf der Ware Fiat 500.

„Werbung, Mode und Design [...] schaffen Oberflächen, Projektionsflächen für die gesellschaftlich relevante Visualisierung von Wünschen (Werbung), Distinktionen (Mode) und Funktionen (Design). Diese Oberflächen sind semiotisch nutzbar, insofern sie nicht nur sind, was sie sind, sondern zugleich auf etwas verweisen, was sie selbst nicht sind aber anschaulich zu machen verheißen" (Zurstiege/ Schmidt: „Werbung, Mode und Design", 12).

Barthes würde sagen: Die Oberflächen, die der Werbespot „Everyday Masterpieces" und die Kampagnen um den neuen Fiat 500 schaffen, bieten optimalen mythischen Nährboden. Sie eignen sich bestens als Form, die vom Mythos rhetorisch parasitiert werden kann. Letzten Endes geht es nicht darum, etwa im Sinne Baudelaires die Kunst im Alltäglichen zu suchen, sondern das Alltägliche – und damit die Konsumwelt von Mode, Werbung & Design mit ihrem Produkt, dem neuen Fiat 500 – zu Kunst zu erklären. Indem Konsumgegenstände zu Meisterwerken („Masterpieces") werden, wird die Distanz zur Kunst aufgehoben und der gesellschaftliche Geltungsbereich des stuff ausgedehnt. Der Werbespot „Everyday Masterpieces" wird somit selbst als Signifikant für den Mythos „Allmacht der Konsumgegenstände" erborgt.

 

Stephanie Bretz

 

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1) Für Barthes ist der Mythos ein sekundäres semiologisches System. Es lehnt sich an das System der Sprache an, das in der Verbindung von Signifikant und Signifikat ein sprachliches Zeichen entstehen lässt. Der Mythos als semiologisches System „erborgt“ den Sinn, der so im sprachlichen Zeichen entsteht und lässt ihn zu seinem eigenen Bedeutungsträger werden. Der Gehalt des sprachlichen Zeichens bleibt dabei bestehen, wird jedoch vom Mythos instrumentalisiert. Das sprachliche Zeichen mit seinem Sinngehalt aus der Verbindung von Signifikant und Signifikat – Barthes bezeichnet es im mythischen System als Form – wird im semiologischen System des Mythos mit einem neuen mythischen Signifikat, dem Begriff versehen; so entsteht im Mythos als neuem Zeichen die Bedeutung (vgl. Barthes: Mythen des Alltags, 251-316, insbes. 253-262). 

2) So eignet sich der Fiat-Werbespot in seiner Gesamtheit bestens als Zeichen, um seinerseits von einer „Catholic Parody" gekapert zu werden: Vor der gleichen Hintergrundmelodie, im gleichen Takt und in der gleichen Darstellung wie im „Everyday Masterpieces"-Spot werden in dem Video Insignien des katholischen Glaubens dargestellt, z.B. Kruzifixe, der Rosenkranz, Madonnen, Weihwasser, die Mitra, die Bibel. Als eingeblendete Slogans fungieren „Catholic" und „God's will be done", die Schlusssätze lauten „You fare, we care" und „Thy will be done" MT 6:10 unter dem Logo „Fiat Voluntas Tua"(http://www.youtube.com/watch?v=RYbIGS67xC0).

 

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Literatur / Quellen:

Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Berlin 2010.

Baudelaire, Charles: „Der Maler des modernen Lebens". In: Ders.: Sämtliche Werke/ Briefe, Bd. 5. München 1989, S. 213-258.

Miller, Daniel: Stuff. Cambridge (u.a.) 2010.

Miller, Daniel: Der Trost der Dinge. Berlin 2010.

Oliver, Jamie: Genial italienisch. München 2006.

Quintavalle, Arturo Carlo: „Mythologien des Fortschritts: Darstellungsformen des Automobils". In: Wandschneider, Andrea (Hg.): Il Manifesto Fiat 1899-1965. Paderborn 2002, S. 13-27.

www.caroftheyear.org (Homepage zur gleichnamigen Auszeichnung); Stand: 07.01.2011 (alle URLs).

www.dkdl.de/content/everyday-masterpieces (Kampagne „Everyday Masterpieces" der Nürnberger Agentur „Krieger des Lichts").

www.fbi-milano.com (Homepage der italienischen Fiat-Werbeagentur mit Werbespot „Everyday Masterpices").

www.fiat500club.ch (Homepage des Schweizer Fiat-Fanclubs).

www.fiat500.de (Deutsche Homepage des Fiat 500).

www.youtube.com/watch?v=RYbIGS67xC0 (Video „Catholic Fiat 500 Commercial Parody").

www.500er-fiat.de/Pics/Bilder/Werbung/gauloises.jpg (Gauloises-Werbung „10 Blonde in einer Packung").

Zurstiege, Guido/ Schmidt, Siegfried J.: „Werbung, Mode und Design". In: Dies. (Hg.): Werbung, Mode und Design. Wiesbaden 2001, S. 9-16.

 

 

tado ink | 25.02.2011 | Kunstkammer
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