Für Lana del Rey

Die gerade eben vorübergeht

Plötzlich stand sie da, einfach so in der Tür –, und es gab kaum einen im Saal, dem es nicht die Sprache verschlagen hätte. Sie stand nur so rum, die Schulter lässig am Türrahmen gelehnt, sich eine Locke aus den Augen streichend, herausfordernd, ein wenig verängstigt auch, auf die vielen Leute schauend. Dann setzte die Musik aus, Stille im Saal, Scheinwerfer irrten durchs Dunkel, bis einer ihrer Strahlen sie erwischte. Und da griff sie zum Mikrophon und begann, in ein tiefblaues Licht getaucht, zu singen, sich dabei leicht in den Hüften wiegend, Lana del Rey – ein Lächeln wie das eines Engels, eine schlangengleiche Figur, ähnlich der eines Pin-ups, ein Kostüm, derart süß und glitzernd, als ob die Diva es höchstselbst gerade eben aus einem Hochglanzmagazin der 60er Jahre bezogen hätte.

Wenn Lana del Rey singt und dabei leicht die Lippen schürzt oder schmollt, könnte man meinen, Rita Hayworth sei wieder zum Leben erwacht oder Ava Gardner. Einige fühlen sich an Filme aus der großen Zeit des David Lynch erinnert, an Blue Velvet oder Wild at Heart, andere würden einen ihrer Songs gern im nächsten Quentin Tarantino-Film sehen. Ein jeder träumt davon, eine Nacht mit ihr zu verbringen. Let me be your fantasy. Hollywood noir oder das unschuldig ruchlose Weib als obskures Objekt der Begierde, eine Art Lolita, die die Femme fatale gibt:

»I was born bad / But then I met you / You made me nice for a while / But my dark side 's true. /[...] / Femme fatale, always on the run / Diamonds on my wrist, whiskey on my tongue / Before I give back, I gotta get drunk / So get over here, pour me a cold one. / [...]/ Babe you can see that I'm danger / Glamorous, but I'm deranged, yeah / Teetering off of the stage, yeah / I said it really nicely so can you be my savior? / [...] / I was a dangerous girl / You were too nice for this world / And now I'm back on the prowl / Who wants to give it a whirl?« (Kinda Outta Luck)

 

Für Lana del Rey

Aus Lana del Reys Fotoalbum | Facebook 2011

 

Ein Hype – keine Frage, Retro auch. Aber was heißt das schon. Ist das ein Argument oder Kriterium, mit dem sich Lana del Rey und ihre Songs als minderwertig abfertigen lassen? Vorsicht. Was betreibt Pop schließlich von jeher, wenn nicht eine Art Recycling des jeweils Neuesten. Machen wir uns nichts vor. Wenn es auf dem Sektor populärer Musik (und dem, was mit ihr zusammenhängt) überhaupt je so etwas wie einen Innovationsschub im starken Sinne gab, dann verdankte dieser sich in erster Linie technischen Neuerungen, den Hochwattverstärkern etwa, Elektroistrumenten und Mehrspurtonaufnahmen, wie sie in den 60er aufkamen, oder aber wie im Zuge von Techno dem Einzug des Computers ins Studio und auf die Bühne. Man komme mir bloß nicht mit Punk. Eine Rückkehr zu den anarchischen Anfängen ist zwar immer möglich, erschöpft sich aber auch rasch. Oder gibt es da draußen noch jemanden, der die Sex Pistols auflegt. Abgesehen davon, ist nicht auch Punk eine Art von Retro?

Was am Ende zählt ist die Intensität der Einspielung, das Material ist ja doch zumeist das gleiche: sentimentale Klischees und aufreizende Stereotypen. Die freilich geschickt arrangiert sein wollen. Von daher kann es einem auch egal sein, ob es sich im Falle Lana del Rey um ein spontanes Ereignis handelt, das wie ein Blitz im Globalen Dorf eingeschlagen ist, oder aber, wie gemunkelt wird, um eine perfide, das Publikum qua Netz manipulierende Machenschaft der Musikindustrie. – Es gibt die Songs, es gibt die Videos, es gibt die Stimme, so rau, so kieksend. Was geht es uns an, ob Lana del Rey Musikgeschichte schreiben wird. Und was das Verhältnis von Kunst und Kommerz anlangt –, reden wir nicht drüber. Nicht an dieser Stelle.

tado ink | 30.11.2011 | Kunstkammer
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