Gänse

Nach Brehms Tierleben

Die Gänse (Anserinae), eine über die ganze Erde verbreitete Unterfamilie der Gänsevögel, unterscheiden sich von den Schwänen durch gedrungenen Leib, kurzen Hals, kürzeren Schnabel und höhere, mehr in der Mitte des Leibes eingelenkte Beine. Der kaum kopflange Schnabel ist oben und unten in einen breitgewölbten, scharfschneidigen Nagel ausgezogen, seitlich mit harten Zähnen bewaffnet, der Fuß mit vollen Schwimmhäuten ausgerüstet und mit kurzen starken Krallen versehen. Das Kleingefieder ist außerordentlich weich und dicht, das Dunengefieder sehr entwickelt. Die Geschlechter unterscheiden sich wenig.

Jeder Erdteil besitzt ihm eigentümliche Gänsearten. Gänse leben weniger als die übrigen Zahnschnäbler im Wasser, bringen vielmehr einen Teil ihres Lebens auf dem Festlande, einzelne Arten selbst auf Bäumen zu. Sie gehen vortrefflich, schwimmen zwar minder gut und rasch als die Enten und die Schwäne, aber doch immerhin noch gewandt und schnell genug, tauchen in der Jugend oder bei Gefahr in beträchtliche Tiefen hinab und fliegen leicht und schön, weite Strecken in einem Zuge durchmessend, regelmäßig in Keilordnung, unter sausendem Geräusch.

Im Gehen tragen sie den Leib vorn etwas erhoben, den Hals aufgerichtet, gerade oder sanft gebogen, setzen einen Fuß in rascher Folge vor den andern, ohne dabei zu watscheln, und können nötigenfalls so schnell laufen, daß ein Mensch sie kaum einholen kann. Im Schwimmen senken sie den Vorderteil des Leibes tief in das Wasser, während der Schwanz hoch über demselben zu stehen kommt; beim Gründeln kippen sie sich vornüber und versenken den Vorderleib bis zur Oberbrust; beim Tauchen stürzen sie sich mit einem Stoß in die Tiefe. Mehrere Arten stoßen brummende, andere gackernde, einzelne endlich sehr klangvolle und auf weithin hörbare Töne aus; im Zorn zischen die meisten. Beim Männchen pflegt die Stimme höher zu liegen als beim Weibchen.

Weshalb man die Gänse als dumm verschrien hat, ist schwer zu sagen, da jede Beobachtung das Gegenteil lehrt. Alle Arten, ohne jegliche Ausnahme, gehören zu den klugen, verständigen, vorsichtigen und wachsamen Vögeln. Sie mißtrauen jedem Menschen, unterscheiden den Jäger sicher vom Landmann oder Hirten, kennen überhaupt alle ihnen gefährlichen Leute genau, stellen Wachen aus, kurz, treffen mit Überzeugung verschiedene Vorsichtsmaßregeln zu ihrer Sicherheit. Gefangengenommen, fügen sie sich bald in die veränderten Verhältnisse und werden bereits nach kurzer Zeit sehr zahm, beweisen überhaupt eine Würdigung der Umstände, welche ihrem Verstande nur zur Ehre gereicht. Eine gewisse Zanklust läßt sich bei einigen nicht in Abrede stellen; die Mehrzahl aber ist höchst gesellig.

 

Gänse

Kneeb Wenedikt Kommandor: Gänse (Anserinae) | 2016

 

Während der Paarungszeit geht es ohne Kampf zwischen den Männchen nicht ab; wenn aber jeder einzelne sich ein Weibchen erworben, tritt Frieden ein, und die verschiedenen Paare brüten nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu behelligen. Das Männchen beweist seinem Weibchen gegenüber unwandelbare Treue, hilft zwar nicht brüten, dient aber später den Jungen zum Führer und der ganzen Familie als Wächter. Eine einmal geschlossene Ehe währt für die ganze Lebenszeit.

Die meisten Arten versammeln sich im Frühling ihrer betreffenden Heimat an sicheren, selten betretenen Orten, in ausgedehnten, pflanzenreichen Sümpfen z.B., und erbauen hier einzeln auf kleinen Inseln oder Schilfkufen große, kunstlose Nester aus Pflanzenstoffen verschiedener Art, die innen mit Daunen ausgekleidet werden; einzelne wählen Bäume, und zwar Höhlungen ebensowohl wie Astgabeln, zur Anlage der Nester, benutzen in letzterem Falle auch einen Raubvogel- oder ähnlichen Horst und richten ihn in der ihnen passend erscheinenden Weise her.

Das Gelege enthält sechs bis zwölf eigestaltige, starkschalige, mehr oder weniger glanzlose, einfarbige Eier. Nach etwa vierwöchiger Bebrütung entschlüpfen die in ein weiches, schönes, grauliches Daunenkleid gehüllten Jungen und springen, wenn sie auf Bäumen geboren wurden, von oben herab auf den Boden. Sie laufen vom ersten Tage ihres Lebens an rasch und gewandt, wissen sich ebenso im Wasser zu benehmen und beginnen nun, unter Führung der Alten ihre Nahrung zu suchen. Ihr Wachstum fördert so rasch, daß sie bereits nach ungefähr zwei Monaten, wenn auch nicht die volle Schönheit und Größe der Alten erreicht haben, so doch ihnen ähneln und selbständig geworden sind; demungeachtet verweilen sie noch lange in Gesellschaft ihrer Eltern und bilden mit diesen eine enggeschlossene Familie.

Alle Gänse sind vorzugsweise Pflanzenfresser. Sie weiden mit Hilfe ihres harten, scharfschneidigen Schnabels Gräser und Getreidearten, Kohl und andere Kräuter vom Boden ab, schälen junge Bäumchen, pflücken sich Blätter, Beerentrauben, Schoten oder Ähren, enthülsen die letzteren rasch und geschickt, um zum Kern zu gelangen, gründeln in seichten Gewässern ebenfalls nach Pflanzenstoffen und verschmähen keinen Teil einer ihnen zusagenden Pflanze. Einzelne Arten nehmen auch Kerbtiere, Muscheln und kleine Wirbeltiere zu sich. Da, wo sie massenhaft auftreten, können jene Schaden anrichten, nutzen aber auch wieder durch vortreffliches Wildbret und reiches Federkleid. Allen Arten wird eifrig nachgestellt, insbesondere während der Mauserzeit, die auch viele von ihnen einige Wochen lang flugunfähig macht.

Wenn man bedenkt, daß die meisten Gänsearten sich selbst dann noch zähmen lassen und zur Fortpflanzung schreiten, wenn man sie alt einfing, muß es uns wundernehmen, daß bisher nur wenige Arten zu Haustieren gemacht wurden, und daß von diesen nur zwei Arten weitere Verbreitung gefunden haben. Gerade auf diese Vögel sollte man sein Augenmerk richten; denn jede einzelne Gansart belohnt die auf sie verwendete Mühe reichlich.

 

tado ink | 13.11.2016 | Kunstkammer
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