Ganz kurz vorm Ende der Ferien

Lago Maggiore, 20. August 2011

Vor mir, unten am Strand, ein Goldlöckchen, das sich auf einem Liegestuhl mit Tigerlaken räkelt, als triebe sie es mit der Sonne höchstpersönlich, hinter mir, es ist gerade erst vier Uhr nachmittags, setzt ein deutsches Elternpaar dazu an, unter furchterregenden Gebrüll seine drei Kleinen mit Sandwiches, Eiscreme und Cola abzufüttern, plötzlich, ich bin gerade dabei, mich wieder in das Buch zu versenken, das ich mitgebracht hatte, um in ihm zu schmökern, spricht mich von der Seite ein Zwerg an, weiblich, der Kleidung nach zu urteilen, italienischer, vielleicht halbchinesischer Abstammung: Ob er (oder besser sie) sich zu mir an den Tisch setzen dürfe? Bevor ich noch zu antworten in der Lage bin, sitzt sie (oder er) bereits am Tisch, zückt mit der Linken die Kamera und beginnt damit, die Sodadose abzulichten, die sie sich gerade besorgt hat, perlend frisch, in allen erdenklichen Positiuren, vor dem Hintergrund am Horizont lagernder Bergketten. – Wie schön der Lago Maggiore doch ist, denke ich, wunderschön geradezu, vom Ufer Stresas aus betrachtet, in einem Kiosk am Strand sitzend, im Schatten.

Was war es noch gleich, das ich im Urlaub bei Giorgio Agamben gelesen hatte? unter dem von Walter Benjamin eingeflüsterten Stichwort 'Kapitalismus als Religion'? »Wenn heute die Verbraucher in der Massengesellschaft unglücklich sind, dann nicht nur, weil sie Gegenstände konsumieren, die ihre Nichteignung zum Gebrauch in sich einverleibt haben, sondern auch und vor allem, weil sie glauben, über diese ihr Eigentumsrecht auszuüben, weil sie unfähig geworden sind, diese Gegenstände zu profanieren.« So zu lesen in einem Aufsatz des venezianischen Philosophen mit dem Titel »Lob der Profanierung« (2005), S. 81ff. Und weiter:

»Die Unmöglichkeit des Benutzens hat ihren topischen Ort im Museum. Die Museifizierung der Welt ist heute eine vollendete Tatsache. Die geistigen Mächte, die das Menschenleben definierten – die Kunst, die Religion, die Philosophie, die Idee der Natur, selbst die Politik –, haben sich eine nach der anderen allmählich ins Museum zurückgezogen. Museum meint hier keinen physisch determinierten Ort oder Raum, sondern eine abgesonderte Dimension, in die verlegt wird, was einst als wahr und entscheidend empfunden wurde, aber jetzt nicht mehr. Das Museum kann in diesem Sinn zusammenfallen mit einer ganzen Stadt (Evora, Venedig, die deshalb zum Allgemeingut der Menschheit erklärt wurden), mit einer Gegend (die zum Naturpark oder zu einer Naturoase erklärt wurde) und sogar mit einer Menschengruppe (insoweit sie eine Form ausgestorbenen Lebens darstellt). Aber im allgemeinen kann heute alles zum Museum werden, denn dieses Wort meint einfach, daß die Unmöglichkeit des Benutzens, des Wohnens, des Erlebens ausgestellt wird.

 

Ganz kurz vorm Ende der Ferien

Massimo Vitali: Dittico Riccione | 2001

 

Deshalb tritt im Museum die Analogie zwischen Kapitalismus und Religion deutlich zutage. Das Museum besetzt genau den Raum und die Funktion, die früher dem Tempel als Stätte des Opfers vorbehalten waren. Den Gläubigen im Tempel – oder den Pilgern, die von Tempel zu Tempel oder von Wallfahrtsort zu Wallfahrtsort durchs Land zogen – entsprechen heute die Touristen, die rastlos durch eine zum Museum verfremdete Welt reisen. Aber während die Gläubigen und die Pilger am Ende an einer Opferhandlung teilnahmen, die, indem sie das Opfer in der heiligen Sphäre absonderte, die richtigen Beziehungen zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen wieder herstellte, zelebrieren die Touristen am eigenen Leib einen Opfervorgang, der in der angstvollen Erfahrung besteht, jeden möglichen Gebrauch tunlichst zu vernichten. Wenn die Christen »Pilger«, das heißt Fremdlinge auf Erden waren, weil sie wußten, daß ihre wahre Heimat im Himmel war, so haben die Anhänger des neuen kapitalistischen Kultus keine Heimat, weil sie in der reinen Form der Absonderung verharren. Wohin sie auch gehen, sie finden vervielfacht und bis zum Äußersten getrieben dieselbe Unmöglichkeit zu wohnen vor, die sie schon von ihren Wohnungen und ihren Städten her kennen, dieselbe Unfähigkeit zu benutzen, die sie in ihren Supermärkten, ihren Malls und bei den Fernsehsendungen erlebt haben. Deshalb ist der Tourismus, insoweit er den Kultus und den Hochaltar der kapitalistischen Religion darstellt, heute auf der Welt die Leitindustrie, die jährlich mehr als 650 Millionen Menschen in ihren Bann zieht. Und nichts ist so verblüffend wie die Tatsache, daß es Millionen normaler Menschen schaffen, sich die vielleicht verzweifeltste Erfahrung, die es gibt, am eigenen Leib anzutun, daß sie nämlich unwiderruflich die Fähigkeit des Benutzens und jegliche Möglichkeit des Profanierens verloren haben.«

Vielleicht ganz gut, dass sich diese Passage Agambens vollständig verflüchtigt hatte, als ich im Kiosk am Ufer von Stresa saß. Ich hätte mich womöglich auf der Stelle bekreuzigt, die Rechnung verlangt und wäre gegangen. Wohin auch immer.

 

 

tado ink | 01.09.2011 | Frontberichte
comments powered by Disqus