Geharnischter mit roter Armbinde

Ein Porträt Anton van Dycks

Es gibt Bilder, die einen nicht wieder loslassen, die einen verfolgen und, obgleich über Jahre vergessen, plötzlich erneut in der Erinnerung auftauchen. Zwanghaft gleichsam, obsessiv. So erging es mir unlängst mit einem Porträt Anton van Dycks, an das ich eine halbe Ewigkeit nicht gedacht hatte, das aber plötzlich wieder da war und von mir verlangte, ihm ein paar Worte zukommen zu lassen: Van Dycks »Bildnis eines Geharnischten mit roter Armbinde« (1625-27).

Begegnet bin ich dem Gemälde erstmals vor bald 30 Jahren, 1986 muss es gewesen sein, bei einem Besuch der Sammlung Alter Meister in Dresden. Ich weiß noch, dass das Bild mich, als ich es entdeckte, ausserordentlich beeindruckt hat. Fasziniert war ich nicht allein durch die kühne Farbgebung, durch den Kontrast zwischen der stählern glänzenden Rüstung und den goldbraunen Tönen, in denen Haar, Gesicht und Hand gehalten sind, nicht zu vergessen: die roten Armbinde –, nein mehr noch als die Farben erregte die Positur und das Antlitz des Porträtierten meine Aufmerksamkeit. Ein Blick, als ob ihm die Augenlider weggeschnitten wären –, um mich einer romantischen Formel zu bedienen. Schräg von der Seite gemalt, schaut der junge Mann mit einem Anflug von Entsetzen über die linke Schulter auf etwas, das sich ausserhalb des Gemäldes befindet. Was seine Aufmerksamkeit erregt, erfahren wir als Betrachter nicht, aber es scheint, als ob sein Blick dem augenscheinlich bedrohlichen oder unheimlichen Etwas, das er sieht, eben noch standzuhalten vermöchte. Die Souveränität oder Noblesse, die seiner Erscheinung eigen ist, beruht geradezu darauf. Es schien mir, oder vielleicht erscheint es mir auch erst heute so, als ob Van Dyck einen Mann porträtiert hätte, der es gewohnt ist, dem Tod auf Augenhöhe zu begegnen und nicht die geringste Scheu trägt, dem Schrecken, der mit ihm einhergeht, kühn ins Angesicht zu blicken. Mit innerer Reserve und gehöriger Distanz, versteht sich. Kein Traumatisierter also, wie es offizielle Stellen heute gerne nahelegen, das Idealbildnis eines Kriegers vielmehr, das Bild eines Kriegers schlechthin.

 

Geharnischter mit roter Armbinde

Anton van Dyck: Geharnischter mit roter Armbinde | 1625-27

 

Um wen genau es sich bei dem Porträtierten handelt, ob eine historisch nachweisbare Person dahintersteckt oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Durchaus möglich, dass es sich bei dem abgebildeten jungen Mann gar nicht um einen Kommandeur handelt, der sich, wie es scheint, in etlichen Schlachten ausgezeichnet und dabei seinen linken Arm eingebüßt hat, sondern um ein Modell oder einen Schauspieler, der als Geharnischter posiert. Die Rüstung, die er trägt, war jedenfalls, wie Experten versichern, zur Zeit, da das Porträt entstand, bereits veraltet und überholt. Einigermassen gewiss ist, dass er nicht zum Kreis der oberen Befehlsträger zählte oder zählen sollte, sonst fände sich sein Name in der Legende des Bildes verzeichnet. Wir haben es, so die Vermutung, nicht mit einer Auftragsarbeit, sondern mit dem Porträt eines unbekannten Soldaten oder Kommandeurs zu tun, an dem Van Dyck selbst gelegen war, mit dem Bild eines Mannes, der die Schlacht und das Schlachten nicht nur von ferne her, vom Feldherrenhügel aus, sondern aus nächster Nähe kennt. Um so beeindruckender, wie Van Dyck den Mann in Szene gesetzt hat. Die rechte Hand ruht gelassen auf einem Stab oder vielleicht auch dem Stiel einer Streitaxt, der Kopf ist ein wenig zurückgeworfen und verrät einen gewissen Stolz, um den Hals trägt er ein schwarzes Tuch, das mit dem Schwarz des Raumes korrespondiert, in dem er steht. Nicht zuletzt durch den tiefschwarzen Hintergrund, vor dem er abgebildet ist, hat Van Dyck ihn in die Sphäre versetzt, die, sofern man das sagen darf, die ihm eigene ist, die des Todes. Sein Blick freilich, gefasst, distinguiert, nobel, wie seine Erscheinung überhaupt, richtet sich auf einen Punkt, der in der gleichen Richtung, aber ein wenig unterhalb der Stelle liegt, aus der das Licht auf ihn fällt. Was genau der Geharnischte dort erblickt oder aber ob er einfach nur auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne schaut, werden wir, wie gesagt, nie erfahren. Von Bedeutung insbesondere mit Blick auf das Kriegshandwerk, dem dieser Mann nachgeht, ja, als dessen Inkarnation er betrachtet werden muss, ist etwas anderes, etwas, das einem erst bei näherem Hinschauen auffällt: der von einem Narren- oder Jokerhaupt gekrönte Knauf des Schwertes, das er am Gürtel trägt. Zwischen seiner rechten, beinahe übergroß gezeichneten Hand, dem Zeichen der Stärke, und dem fehlenden linken Arm, dem der Schwäche, platziert, ragt dieser Knauf von unten wie ein Emblem ins Bild hinein und stellt, in gerader Linie zum Haupt des Porträtierten, eine Art zweites Gesicht dar. Für einen Betrachter unserer, „pazifistisch" eingeschworenen Tage dürfte die Versuchung nicht gering sein, den Narrenknauf sozialkritisch zu interpretieren, als Eingeständnis sei es des Kommandeurs, sei es des Malers, dass es sich beim Kriegshandwerk um eine ganz und gar närrische oder unsinnige, wenn nicht gar lächerliche Angelegenheit handelt. Allein wer den Knauf so deutet, verkennt, worauf die Souveränität des Geharnischten beruht, nicht allein auf der Erfahrung des Todes, sondern auch auf dem Wissen, dass die Partie im Krieg offen ist und es am Ende stets ein Joker ist, der darüber entscheidet, ob man den Tod bringt oder ihn erleidet. – Honi soit qui mal y pense.

 

tado ink | 15.01.2014 | Kunstkammer
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