Grau in Grau, oder »Hurra die Zwanziger sind da«

Betrachtungen

Und so wären wir denn im Jahre 2020 angelangt, ohne uns auch nur im mindesten von der Stelle bewegt zu haben. Keine der Herausforderungen, die das vergangene Jahr für uns bereit hielt, für mich, um genau zu sein –, mit denen das Jahr also mich beschenkte –, keine einzige dieser Herausforderungen ist bewältigt, viele sind von mir nicht einmal aufgegriffen worden. Aus unerfindlichen Gründen, um ehrlich zu sein.

Es liegt alles noch so da wie zuvor, weiter dort, wo es im Jahr davor gelegen hat, immer noch, offen ausgebreitet vor aller Welt Augen – mir zur Scham –, fett auf dem Schreibtisch oder aber daneben, auf dem Boden, verstreut im Arbeitszimmer, auf Tischen und Bänken, auf dem Fußboden auch: Schloß Paaretz (eine Broschüre mit historischen Photographien), der andauernde Zauber Königin Luise', der Park von Marquardt (was geschah dort?) –, Preuszen, erneut Preuszen, seine Wiege, die Mark Brandenburg), nicht zu vergessen der Geburtstag Theodor Fontanes (der mit dem meinen zusammenfällt, wie schön): »Grüß' Gott dich, Heimat! ...«

Grüß' Gott dich, schönes Havelland!

Steinbock, er wie ich. Fontane. Sein Name? Alles. Meiner so gut wie nichts; er wäre am 30. Dezember letzten Jahres 200 Jahre, ich bin glatt 64 alt geworden. Ein alter Sack, er wie ich, eine Größe da, hier? Na ja. Die Havel aber, die er bereiste und beschrieb, die Havel zeigt sich weiter jeden Tag neu. Ich beschwöre es. Wie war das? »Und an dieses Teppichs blühendem Saum / Die lachenden Dörfer, ich zähle sie kaum: / Linow, Lindow, / Rhinow, Glindow / ...« Da schlug ich, wie anders, verschämt die Augen nieder und mein Blick verirrte sich gedankenlos in einer der dunklen Ecken der Bibliothek, gedankenlos, vollkommen gedankenlos, hilflos auch, bis die Erinnerung mich überkam und mir zuflüsterte: Kiefern. Heide. Märkisches Land.

Und dann war und ist da noch so vieles, zu dem etwas zu sagen wäre, aber wohl nicht gesagt wird: die Filme Volker Koepps, Sarmatien in bewegten Bildern und die Gedichte Johannes Bobrowskis aus dem Off, und droben, hoch oben, wie erklär ich's mir? im Norden, zum Baltikum hin, Preuszen, elegisch

Dir ein Lied zu singen, hell von zorniger Liebe –
dunkel aber, von Klage bitter,
wie Wiesenkräuter naß,
wie am Küstenhang die kahlen Kiefern,
ächzend unter dem falben Frühwind,
brennend vor Abend –

Preuszen. Pruzzen. War da was und wenn, wo ist das hin? weshalb und wieso? wer hat sie erschlagen? die Pruzzen? Und Preuszen? war da was? ach ja, das Land unserer Väter, heißt es hier und da –, auch dahin, dahin und weg – ausgelöscht. Und doch? aber nein, es existiert nicht mehr, lang nicht mehr. So scheint es. Es kommt dort draußen, wo die Diskurse gefahren werden, so gut wie gar nicht vor, lange nicht mehr. Oder? Erinnerung gleich Null. Kein Diskurs, keine Reden, keine Sendungen. Aber nein! Es gibt ja doch die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten, was immer sich dahinter verbirgt.

Kein Thema also, Preuszen. Am Ende bleibt von dem, was in der Geschichte Europas als Parvenue einst für Furore sorgte, von Preuszen, nichts weiter als ein Haufen von Gedenkstätten, mehr oder weniger prächtig und würdevoll hergerichtet, einige tot, zweifelsohne, andere lebendig, halbwegs lebendig. Von Touristen frequentiert –, Preuszen aber – machen wir uns nichts vor – ausradiert, liquidiert mit Mann und Maus, gelöscht, vom Erdboden getilgt, als hätte es das Land und die Leute nie gegeben. Kein

Linow, Lindow,
Rhinow, Glindow
Beetz und Gatow,
Dreetz und Flatow,
Bamme, Damme, Kriele, Krielow,
Petzow, Retzow, Ferch am Schwilow,
Zachow, Machow, und Groß-Bähnitz,
Marquardt an der stillen Schlänitz,
Senzke, Lenzke und Marzahne,
Lietzow, Tietzow und Rekahne,
Und zum Schluß in dem leuchtenden Kranz:
Ketzin, Ketzür und Vehlefanz.

Phöben aber, dort wo ich war, über die Jahreswende, gibt es. Auch wenn’s bei Fontane nicht dabei ist. Bei Werder. Vehlefanz?


 

Grau in Grau, oder »Hurra die Zwanziger sind da«

Franz Marc: Liegender Hund im Schnee | 1910/11

 

Nord-Nord-West also. Und immer schön Kurs halten. Hörst Du! Gen Nord-Nord-West hoch 2, Strich 57.4 mal 1001e Nacht. Dahin geht der Weg. Tiefgang ist nicht von Nöten, bleib immer schön an der Oberfläche. Raue See, so weit das Auge reicht. Wellengang der Stärke 5. Wir aber halten Kurs Nord-Nord-West. Kein Winter in Sicht. Sagt der Wetterdienst. Frage mich, wie der ausschaut, so ein wahrer Winter, unter atlantischen Bedingungen, mal ehrlich? Wie immer schon, denk ich: Grau in Grau. Ein Tiefdruckausläufer von Westen nach dem anderen. Meistens. So weit die Erfahrung reicht.

 

tado ink | 16.01.2020 | Logbuch
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