Heinrich von Kleist

✝ 21. November 1811

Alle Blätter sind an diesem Wochenende voll mit seinem Namen, ganz Deutschland schwelgt in Erinnerungen an einen, der vor 200 Jahren erst der Freundin, dann sich selbst eine Kugel in den Leib und Kopf jagte. In einem seiner letzten Briefe hatte er der Schwester geschrieben, die Wahrheit sei, daß ihm auf Erden nicht zu helfen ist. Kurz darauf ließ er für sich und Henriette vom Gasthof, in dem sie logierten, eine Kanne Kaffee am Ufer des Wannsees auftragen. Es war ein grauer, kalter Tag.

Man konnte ihn nicht brauchen, so viel stand fest, er war nicht zu gebrauchen, taugte nichts. Er bekam es allerorts zu spüren, meinte es wenigstens zu verspüren, nein, man ließ es ihn spüren. Worin immer er sich auch versuchte, ob im Soldatenstand oder dem des Studenten, ob als Geheimagent, Bauer, Gesellschafter, Schriftsteller oder Zeitungsmacher, irgendwas ging immer schief. Das Leben – ein Scheitern auf ganzer Linie, das einzige was ihm am Ende gelang, war die Orchestrierung des Refrains, auf den dieses, wie er früh erkannte, stets wieder zurückkam: der des Todes.

Und jetzt, heute, stimmen sie Lobgesänge auf ihn an, ein Hohelied erklingt auf allen Kanälen: Kleist, Kleist, Kleist. Man möchte sich die Ohren verstopfen, will nichts von alledem hören. Verdammtes Pack. Sind es nicht eben die Kreise, eben die Leute, in deren Fängen Kleist sich heute, stiege er aus dem Grab, erneut die Läufe blutig risse, schrie, sänge, erzählte, und scheiterte? »Das Leben«, so der Prinz von Homburg, während er »sich nachlässig auf ein, auf der Erde ausgebreitetes Kissen« niederließ, das »Leben nennt der Derwisch eine Reise, / Und eine kurze. Freilich! Von zwei Spannen / Diesseits der Erden nach zwei Spannen drunter. / Ich will auf halben Weg mich niederlassen! / Wer heute sein Haupt noch auf der Schulter trägt, / Hängt es schon morgen zitternd auf den Leib, / Und übermorgen liegts bei seiner Ferse. / Zwar, eine Sonne, sagt man, scheint dort auch, / Und über buntre Felder noch, als hier: / Ich glaubs; nur schade, daß das Auge modert, das diese Herrlichkeit erblicken soll.« (IV.3)

 

 

Heinrich von Kleist

Iwan I. Schischkin: Der Teutoburger Wald | 1865

 

Östlich von hier, zwischen zwei Höhenzügen des Teutoburger Waldes, liegt, eingebettet in einem entlegenen Tal, ein altes, noch aus Holz gezimmertes, wohl aus dem letzten Jahrhundert stammendes Guts- oder Forsthaus mit einer mächtigen, nicht erst im Herbst blutrot aufleuchtenden Ulme davor. Ob noch Menschen in dem Hause wohnen, kann ich nicht sagen. Es sieht leicht abgetakelt aus, aber keineswegs verwahrlost oder ruinös. Immer wenn ich mich, auf einer meiner Wanderungen dorthin verirrte, schien es, als ob der Hof verlassen im Wald läge. Kein Mensch, kein Vieh, bis in die Ferne Stille. Ich bin dort oben nie jemanden begegnet, habe auch nie das Verlangen verspürt, irgendwen zu treffen, geschweige denn heraus zu finden, ob auf dem Anwesen noch jemand wohnt, wem es gehört oder gehörte. Als ich das letzte Mal dort oben war, es ist schon einige Zeit her, entdeckte ich auf einer Anhöhe, dem Gutshaus links gegenüber, einen kleinen Friedhof, ein Familienfriedhof, wie es schien. Die Namen derjenigen, die auf ihm begraben liegen, habe ich mir nicht gemerkt, wohl aber was auf einer verwitterten Holztafel stand, die dort an einer Eberesche angebracht worden war: »In Erinnerung an Karoline, die uns diese Locke derer von Kleist 1866 aus Berlin mitbrachte.«

tado ink | 21.11.2011 | Frontberichte
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