Henri III.

Roi de France

Bisweilen stößt man beim Stöbern in alten Geschichtsbüchern auf derart bizarre und seltsam anmutende Gestalten, dass man nicht geringe Lust verspürt, einmal wieder in die Abgründe der Vergangenheit hinabzusteigen, um deren Erscheinung und Lebenswandel näher in den Blick zu nehmen. So erging es mir unlängst, als ich eine Biographie zu Philipp II. von Spanien las und dabei über Henri III. stolperte, der letzte Spross aus dem Hause Valois, der zum König von Frankreich gekrönt worden ist.

Von den Zeitgenossen als »König von Niemandsland« verspottet, von einigen auch als »Prinz von Sodom« diffamiert, huldigte Henri III., vormals Herzog von Anjou, für kurze Zeit auch König von Polen sowie Großherzog von Litauen, einem Lebenswandel und Regierungsstil, der im scharfen Kontrast zu allem stand, was in der ausgehenden Renaissance von einem klugen Fürsten erwartet wurde. Statt mit Augenmaß und etwas Sachverstand Politik zu treiben, zog der letzte Fürst aus dem Hause Valois es vor, sich bei seinen Entscheidungen von Impulsen, Stimmungen und Launen oder aber den Wünschen und Direktiven seiner Mutter, der wie eh und je umtriebigen Katharina von Medici, leiten zu lassen. Statt Leute an den Thron und den Hof zu binden, die über Erfahrung in Krieg und Frieden verfügen und ein Gespür dafür besitzen, was sich in und außerhalb des Landes tut, umgab Henri III. sich mit einem Kreis von Lebemännern, seinen »Favoriten«, allemal frivol aufgelegte, mitunter auch halbseidene Typen, die ihm als »mignons« dienten, als Lustknaben, und die er für ihre »Dienste« mit Gunstbeweisen überhäufte. Von dem, woran der männliche Teil der adligen Gesellschaft Europas Vergnügen fand, hielt Henri III. wenig. Jagdausflüge waren ihm ebenso ein Graus wie Waffenübungen und Turniere; um so größeren Wert legte er auf die Pflege des eigenen Körpers, eine ausgesuchte und raffinierte Garderobe, Käppis insbesondere, sowie auf die Veranstaltung von Lustbarkeiten und Zerstreuungen der extravaganten Art. Es heißt, er habe, sofern er sich nicht gerade auf einem Feldzug befand oder anderweitig beschäftigt war, in der Woche mindestens zwei große Bälle im Château von Blois anberaumt, und das mit allem, was am Hofe eines Königs von Frankreich dazugehörte.

Wer sich derart massiv über alle Regeln der politischen Vernunft hinwegsetzt, darf sich nicht wundern, von der offiziellen Geschichtsschreibung als eine Figur taxiert zu werden, die zuletzt des Amtes nicht würdig war, das zu bekleiden ihr bestimmt war. Es gibt zwar Historiker, die es unternommen haben, Henri III. gegen die Anwürfe in Schutz zu nehmen, die wider ihn und seinen Regierungsstil bereits zu Lebzeiten laut wurden, allein die zur Verteidigung des letzten Valois vorgebrachten Argumente stehen auf tönernen Füßen. Gewiss, die zeithistorischen Umstände waren nicht gerade die besten: Frankreich war bis ins Mark von Glaubens- und Machtkämpfen zerrissen, die Anhänger Roms und Calvins standen einander in unerbittlicher Feindschaft gegenüber und nutzten jede sich bietende Gelegenheit, um, angestachelt vom Fanatismus des rechten Glaubens, mit Waffengewalt und äußerster Grausamkeit übereinander herzufallen. Überall in Frankreich wurde geschlachtet und gemordet, wurden Intrigen angezettelt, Verrat geübt, Giftmorde begangen. Nicht einmal im eigenen Hause konnte man sich des Lebens sicher sein. Die Zeit selbst schien in Aufruhr, die über dem Land dräuende Atmosphäre geschwängert von Hass und Blutrunst. Und doch, es wäre zu billig, die Erscheinung Henri III. damit zu entschuldigen, er sei am Ende nichts weiter gewesen als ein Exponent oder die Ausgeburt einer aus den Fugen geratenen Zeit.

 

 

Mit Henri III. liegt vielmehr der historisch seltene Fall eines Ästheten auf dem Throne vor, eines Décadents, der durch die Zeitläufte an die Hebel politischer Macht katapultiert wurde und es sich nicht nehmen ließ, diese eigensinnig zu nutzen. Es handelt sich bei ihm um einen fernen Verwandten des römischen Kaisers Heliogabal oder aber um einen Vorläufer Ludwig II. von Bayern, dem »Märchenkönig«. Wie diese denkt und handelt Henri III. nicht nach Maßgabe politischer Vernunft, sondern in Hinblick auf das Schöne, nicht anders als Heliogabal oder Ludwig II. zog und zieht der Lieblingssohn der Katharina von Medici deshalb bis heute den Argwohn und das Missfallen all derer auf sich, für die die Geschichtsschreibung nichts anderes ist als eine Art Weltgericht. Pervers, anormal, geisteskrank, so die im Fall Henri III. notorisch repetierten Anklagepunkte.

Und ganz unrecht hat die offizielle Geschichtsschreibung nicht: Henri III. weist in der Tat Züge eines Psychopathen auf. Dubiose Motive sind es, die ihn umtreiben, kaum nachvollziehbare Aktionen, zu denen er sich im Laufe seiner Regentschaft hinreissen lässt; er scheut sich nicht, seine polymorph perversen Neigungen öffentlich zur Schau zu stellen; mal verhält er sich verschämt und skrupulös wie eine Nonne, dann wieder tritt er grausam und brutal wie ein Henker auf. Wiederholt kommt es am Hofe zum Eklat. »Liebesverhältnisse«, so Ludwig Pfandl, »hat er mit Frauen und mit Männern; bei den letzteren im besonderen bevorzugt er den Typus der athletisch gebauten Faustkämpfer und Degenfechter. Er hält sich eine Menagerie von wilden Tieren, Löwen, Elefanten, Nilpferden, mit Vorliebe aber solche, die durch ihre Größe und Stärke gefährlich sind, und er wendet für die Pflege dieser zoologischen Schau nach dem Berichte von de Thou jährlich 100.000 Taler auf. Er trägt beständig am Gürtel einen Rosenkranz, dessen Kügelchen lauter winzig kleine Totenköpfe darstellen, und mitten in den zügellosen Hoffesten zieht er sich in eine stille Ecke zurück und läßt die Totenköpfe, während er Gebete murmelt, durch die Finger gleiten. Sein Transvestitentum beherrscht ihn so sehr, daß er sich Wangen, Lippen und Brauen schminkt, sich mit wohlriechenden Essenzen überschüttet und keinen Anstand nimmt, vor die Deputiertenkammer in Frauenkleidung, mit einer Perlenkette um den Hals und einen spitzenbesetzten Fächer wedelnd, hinzutreten. Unmittelbar nach der von ihm befohlenen Ermordung des Herzogs von Guise geht er in die Messe, um sie, wie er sagt, für das Seelenheil des Toten aufzuopfern.« (Ludwig Pfandl, Philipp II. Gemälde eines Lebens und einer Zeit, München 1938, S. 460f.)

Eine unheimliche Erscheinung, dieser König Frankreichs, fürwahr, das Gegenstück, wenn ich so sagen darf, zu Ludwig IX., »dem Heiligen« auf dem Throne, eine mehr als gespenstische, eine unberechenbare, ja dämonische Erscheinung, ein Aristokrat, der die mit dem Königtum seit dem Mittelalter verbundenen Vorstellungen und Erwartungen beständig unterläuft, sie durch seine Eskapaden und Extravaganzen gegen den Strich bürstet. Ein Herrscher schließlich, der, wie es scheint, sich mit Kalkül der Hybris verschrieb und es darauf abgesehen hatte, nicht den Hofstaat und die Untertanen allein, sondern Gott selbst zu provozieren. Auf dem Wappen, das Henri III. sich anlässlich der Thronbesteigung hat anfertigen lassen, sind drei Kronen abgebildet, die erste, so der Kommentar, sei ihm als junger Mann in Polen aufs Haupt gesetzt worden, die zweite in Frankreich, die dritte warte noch auf ihn, erklärte er, und zwar im Himmel. – Eine Biographie dieses Königs, die zu lesen sich lohnt, steht, so weit ich sehe, aus.

tado ink | 16.03.2011 | Stichijows Papiere
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