Hotelzimmersymphonie

William Carlos Williams

Ein Hotelzimmer ist ein Fegefeuer zwischen Begierden, ein Fenster, aus dem man springen kann, eine Gefängniszelle, die Adrettheit eines schön hergerichteten Sarges, die ans Leben erinnert ...

Ein Hotelzimmer ist ein Fegefeuer zwischen Begierden, ein Fenster, aus dem man springen kann, eine Gefängniszelle, die Adrettheit eines schön hergerichteten Sarges, die ans Leben erinnert – das gestern nacht hier war, in diesem Bett, einem Überbleibsel, das versucht, ein wenig Wärme für sich zu behalten, nachdem jenes vergangen, verschwunden ist. Ein paar saubere Laken, ein neuer Kissenbezug, das Kissen, damit es wieder einigermaßen frisch aussieht, von dem alten sauertöpfischen Zimmermädchen aufgeschüttelt – dessen Augen zu gleichgültig sind, um etwas anderes außer Pennies und Dimes zu suchen – besonders Dimes, weil sie so dünn und klein sind und leicht verlorengehen –, die aus der Tasche der achtlos ausgezogenen Hose fielen, eine gute Haarnadel, die sofort eingesteckt wird, während es schwitzt und abstaubt und Betten macht.

Selbst der Regen ist – abgesehen von seinem Prasseln – nicht mehr als Staub hier. Ohne Aussicht, etwas aufzurühren. Zu nichts mehr nutze, als Streifen auf die bereits schmutzigen Fenster zu machen – warum sich Mühe geben? dachte Joe. Wozu? Soll man es ihnen überlassen? Besonders, wenn man es so leicht bekommt. Das ist die Zeit, die Hände zu öffnen und es entgleiten zu lassen – so daß die Hände wieder rein werden können. Leer. Rein.

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Hotelzimmersymphonie

Edward Hopper: Hotel Room | 1931

 

Bei dem Text handelt es sich um den Anfang des 13. Kapitels von William Carlos Williams Roman »In the Money« aus dem Jahre 1940. Die Übersetzung stammt von Karin Graf und ist der im Hanser Verlag, München, unter dem Titel »Gut im Rennen« (1990) erschienenen deutschen Fassung entnommen. 

tado ink | 30.05.2011 | Stichijows Papiere
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