Hundstage

Ein Bericht

Alles döst, Götter, Menschen und Maschinen, nur die Sonne nicht, deren Kraftwerk auf Hochtouren läuft, während sie ihre Strahlen glühend über das Land und die Städte schleudert. Auf den Straßen ist kaum was los, einige wenige Autos kriechen träge durch oder über den aufgeweichten Asphalt, die meisten haben sich in Parkbuchten, Garagen oder auf Abstellplätzen zur Ruhe begeben. Ohne Murren verdorren auf den Mittelstreifen der Fahrbahn die Gräser und Blumen, hier und da sieht man einen Passanten, der im Schatten der Platanen verschwitzt nach Luft schnappt. Alles döst.

Der Schienenverkehr wurde vor Tagen bereits eingestellt. Die Weichen haben sich verzogen, außerdem gibt es keine Klimaanlage, die es mit der Hitze aufnehmen könnte. Es werden Schadensersatzforderungen befürchtet. In den Kaufhäusern dösen die Ladenmädchen zwischen den Regalen und Ständen, einige liegen halb entblößt und schlummernd auf den Tresen, andere haben die Kleider abgeworfen und sich, ohne ein Wort zu verlieren, in die Umkleidekabinen zurückgezogen. Kunden gibt es so gut wie keine. Ab und an fällt irgendwo ein Vogel vom Himmel, zu schlapp, um einen weiteren Flügelschlag zu tun. In den Fabrikhallen und Betrieben herrschen nachgerade tropische Zustände. Alle Bänder stehen still, derweil die Arbeiter, Handwerker und Ingenieure schlaff in ihren Seilen hängen und sich wechselseitig mit eiskaltem Bier bespritzen. Auf den Büros der Versicherungsagenturen und Großhandelshäuser surren in einem fort die Ventilatoren, ohne es doch verhindern zu können, dass die Mitarbeiter im eigenen Saft schwimmen und einer nach dem anderen sein Smartphone abgibt. Das Wild ruht entkräftet im Unterholz, Hunde und Katzen sträuben sich, einen Schritt vor die Tür zu tun, selbst die Ameisen sind nicht mehr emsig; faul liegen sie im Schatten von Erdkrumen und wünschen dem Herrgott einen schönen Tag.

 

Hundstage

Massimo Vitali: Animalacci | 1995

 

In den Kommunalverwaltungen ist es den Beamten freigestellt, unter den Schreibtischen Schüsseln mit Eiswasser aufzustellen, um mit den Füßen darin zu planschen und sich so ein wenig Kühlung zu verschaffen. Vergeblich. Die Nachrichtenagenturen wissen lange nicht mehr, worüber sie berichten sollen, bei den Zeitungen und Fernsehanstalten stehen die Ticker seit Tagen still. An der Börse tut sich auch nicht viel, die Kursausschläge tendieren gegen Null, unter Brokern und Bankern heißt es, es sei nur eine Frage der Zeit bis der Handel entlang der Flatline surft. Auf den Feldern wartet das Korn vergeblich, geerntet und eingefahren zu werden, die Mähdrescher spielen einfach nicht mit und die Bauern haben im Moment auch keine Lust, daran groß etwas zu ändern. Das Parlament hat sich locker in die Sommerpause verabschiedet; der Wahlkampf wurde im Einvernehmen aller auf unbestimmte Zeit verschoben. An den Schulen und Universitäten herrscht »Hitzefrei«, in den Stadien und Konzerthallen die große Leere. Wer es sich leisten kann, lungert im Freibad rum oder an der See.

Alles döst, schläft, träumt, selbst die Zeiger an den Uhren hängen lustlos und matt in den Gewinden. Einzig die Sirenen der Rettungswagen sind pausenlos im Einsatz. Die Alten, scheint es, sterben wie die Fliegen.

tado ink | 29.07.2013 | Stichijows Papiere
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