Integriertes Revier

Ruhr.2010

„Endlich sind wa wieder wer!", krakeelten ausrangierte Knappen und Steiger von den schlummernden Schloten des Ruhrgebietes, als am 11. April 2006 die EU-Expertenjury Essen und einen Appendix namens Pott zur Kulturhauptstadt 2010 kürte. Kein Wunder, war die sich selbst (zu Recht, bei dreimal Hasi & Mausi in der Innenstadt) mit dem Prädikat „Einkaufsstadt" versehene Metropole Essen doch mit dem Spitzenmotto „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel" in den Kampf um die kulturelle Vormachtstellung in Europa gezogen. Einziger Wermutstropfen, dass die erlangte Auszeichnung zu gleichen Teilen an die türkische Metropole Istanbul und die ungarische Kleinstadt Pécs ging.

2018 ist bekanntermaßen Schicht im Schacht, jetzt in Kultur zu machen naheliegend. „Glück auf". Gut, dass das Revier in Sachen Kultur schon einige Erfahrung hat einfahren können, verfügt es doch seit Anbeginn der Zeit über eine Kiosk- und Trinkhallenkultur, von der schnöselige Provinzen wie Weimar oder Bamberg, das Fränkische Rom und einst immerhin Mitstreiter um die Kulturkrone, nicht im entferntesten zu träumen wagen. Vor eben so einem Kiosk in Gelsenkirchen-Bismarck bringt es Frührentner Manni G. auf den Punkt: „Wir haben das Herz am rechten Fleck. Außerdem ist das Ruhrgebiet so schön grün", gemeinplatziert der passionierte Schalke-Fan und erinnert sich an eine Radtour mit Frau Gabi am ersten Mai. – „Wo ein raues Wort dich trägt, weil dich hier kein Schaum erschlägt, wo man nicht dem Schein erliegt, weil man nur auf Sein was gibt", hätte Manni G., der Frührentner, Herbert Grönemeyer zitieren können, wenn die Ruhr.2010-Hymne von Deutschlands Vorzeigebarden auch nur ansatzweise zu verstehen wäre. Ist sie aber nicht.

 

Integriertes Revier

TAS Emotional Marketing: Still-Leben Ruhrschnellweg | Ruhr.2010

 

Unfassbar im Grunde, dass das Ruhrgebiet der Welt sein schnörkelloses Menschsein und seine herzzerreißende Zechenromantik bisher vorenthalten hat. Dabei lebt in dem über fünf Millionen Seelen starken Revier ein so weltmännisches Völkchen. Schon vor Ruhr.2010 wurde hier unter Ausschluss der Öffentlichkeit tüchtig integriert und assimiliert. Und zwar Untertage. Hier war es, wo Klaus und Lorenzo schon in den 1960er Jahren trotz Sprachbarriere gemeinsam den Vorarbeiter aufs Korn nahmen und sich hinterher wechselseitig einen Doppelkorn zum Pils in der Feierabendspelunke spendierten. Was vor Jahren eine Art Selbstläufer war, Integration von unten, ist heute allerdings zur Bauchpinsel-Propaganda des Reviers verkommen: „Die Zuwanderer tragen zu einer vielfältigen Kulturlandschaft bei." Eine Erkenntnis, die in diesem Jahr ungefähr jeder Bürgermeister in seiner Local Heroe-Eröffnungsrede vom Stapel ließ – es gibt sie noch, die Helden der Arbeit! – und beim Publikum wohlwollendes Nicken evozierte. Es reicht vollkommen, wenn Hassan den Mallocherzwirn gegen einen schwarzen Rollkragenpullover tauscht und an seinem alten Arbeitsplatz, der Zeche Zollverein, seiner Frau etwas vom Baustil der neuen Sachlichkeit vorschwärmt, um daraus eine stimmungsmachende Erfolgsgeschichte zu fabrizieren. Fragt sich am Ende, was der Essener Ureinwohner zur Kulturverständigung beitragen kann, außer sich mit seinen aufpolierten Fördertürmen und dem herausgeputzten Bahnhof zu brüsten? – Soll er sich vielleicht im Baumarkt noch schnell eine Tapete Marke „Migrationshintergrund" besorgen und damit die Schrebergartenlaube ausstaffieren?

Jaqueline Fensch

tado ink | 30.11.2010 | Frontberichte
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