Kalifornisches Tagebuch

Anfang Oktober

Lebe seit gestern im Sunset, in einem Zimmer mit Aussicht (Pazifik!). Die Gegend ist sehr Suburbia, David-Lynch-mäßig. Vor dem zweiten Weltkrieg war das Sunset noch eine riesige Pazifikdüne, Sand fast bis hoch zu den Twin Peaks. Jetzt ist es in Straßen (von Anzoa bis Wowona) und Avenuen (von der 1. bis zur Ich-weiß-nicht-Wievielten) eingeteilt. Alles schön rasterförmig.

Längs der Straßen und Avenuen kuschelt sich ein Häuschen ans andere, jedes mit eingebauter Garage und einem kleinen Vorplatz –, alles schön in Reih und Glied, als bewegte man sich durch 'ne Feriensiedlung. Dahinter zumeist verfallene, mit gewaltigen Bretterzäunen befestigte Kleingärten und Hinterhöfe. Viele Chinese-people, daneben "alteingesessene" Iren, die die Stellung zu halten suchen: »Parking for Irish only«. Hinzu kommen Juden, Chicanos, Russen und andere mehr, ein multiethnisches Konglomerat, bei dem indes die einzelnen Elemente – merkwürdig genug – alle schön beieinander bleiben und zueinander halten. Kein melting-pot also. Inter- oder transethnische Brückenschläge gibt es kaum, Fusionen sind die Ausnahme, Kontakte beschränken sich auf's Notwendigste. Ich mag mich täuschen, wieder mal ein Opfer meiner eingefleischten Vorurteile sein, aber mit Blick auf Amerika kann von einem melting-pot schwer nur die Rede sein. Sicherlich: »They're mixin' all the colors, exterminate the roots«, wie Iggy Pop auf seinem jüngsten Album singt. Andererseits aber schlägt gerade diese Entwurzelung und Vermischung immer wieder in allerälteste Wurzelbindungen zurück. Auf den Straßen San Franciscos ist dies bereits daran erkennbar, daß die einzelnen neighbourhoods wie Clans organisiert oder aber – wo es ganz schlimm kommt – von Gangs(ta) beherrscht werden. An den Universitäten entspricht dem die extreme Aufsplitterung des Studiums, insbesondere der humanities. Angesagt sind »race-, class- und gender-« Chosen. Was sich im Alltag pragmatisch oder sonstwie erledigt, wird auf dem Campus zu einem intellektuellen Problem erhoben: Identität und Geschichte, Geschlecht und Charakter, Macht und Differenz. Blacks fragen danach, Asian-people fragen danach, Frauen, Schwule und andere fragen danach. Wer fragt nicht danach? Ich ... und doch: auch ich werde hier – deterritorialisiert auf Zeit – in einem Maße auf Fragen politisch-moralischer Natur zurückgeworfen, wie dies in Deutschland zuletzt in den 70er Jahren der Fall war. Auch ich denke über mich selbst und über das Land nach, aus dem ich stamme.

Die Fremde ist eine eigentümliche Welt. Man geht hinein und weiß nicht, wie und ob man überhaupt wieder hervorkommt. Verschollen, das ist meine neue idée fixe. Kein Gedanke ans Kloster mehr, wilderness und eine Hütte drin, mehr brauch ich nicht: »O California / That's the land for me: / I'm bound for San Francisco, / With my washbowl on my knee.«

 

Kalifornisches Tagebuch

Sunset District, San Francisco | 1970s

 

Politisch haben die Amerikaner irgendwie 'nen Schlag weg. Einerseits pragmatisch kühl, sind sie andererseits von einer Moralisierungs- und Säuberungswut erfüllt, die nicht selten abstruse Züge annimmt. Beispiel: »Don't get smoked by smoke!« Obwohl der führende Tabakproduzent auf Erden, bekämpft Amerika die Zigarette wie der Papst den Teufel. Sie ist, folgt man den tonangebenden Kreisen, das Radikal-Böse. Freiwillige Selbstzerstörung wird als Sünde wider Gott ausgelegt, Prohibition als 1. Schritt einer als unumgänglich angesehenen Kollektivtherapie verschrieben. Eine Gruppe von Abgeordneten – Frauen in vorderster Front – ist bereits dabei, einen Gesetzesentwurf vorzubereiten, durch den der Großraum San Francisco zur raucherfreien Zone erklärt werden soll. Dann wäre ich nicht einfach de-, sondern exterritorialisiert, verdammt in alle Ewigkeit, stigmatisiert, und das in einem Akt puritanischer Hysterie. – Political correct? Neee, ich niemals.

Zuerst einmal aber sind die Obdachlosen dran. Die Stadtverwaltung ist wild entschlossen, sie gesellschaftlich zu integrieren. Erster Schritt: Sie müssen von der Straße verschwinden. Dafür sorgen die Cops. Zweiter Schritt: Das weiß keiner so ganz genau. Ist schließlich nicht einfach Müll, den man entsorgen oder in irgendwelchen Einrichtungen wieder aufbereiten kann. Was tun also mit dem Elend, wohin mit den Erniedrigten und Beleidigten auf kalifornischer Erde? Von der Straße sollen sie jedenfalls verschwinden, sagt die Stadtverwaltung. Aber die Straße ist doch ihr Zuhause, die Winkel und Ecken der Stadt ihre Wohn- und Schlafstätten. Sind sie nicht die eigentlichen Ureinwohner Amerikas? steht nicht auf der Freiheitsstatue: »Give me your tired, your poor, / Your huddled masses yearning to breathe free, / [...] / Send these, the homeless, tempest-tossed to me«. Warum nicht mit dem Elend leben? Heißt Leben nicht immer schon, dem Elend preisgegeben sein, ausgestossen mithin, homeless?

tado ink | 19.10.2011 | Stichijows Papiere
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