Kalifornisches Tagebuch

29. Oktober

Die Leland Stanford Junior University schmückt ein altdeutsches Motto: Ulrich von Huttens »Die Lüfte der Freiheit wehn«. Auf dem Campus Drive West aber sieht man kaum einen Deutschen; sie halten sich hier wie andernorts in Amerika bedeckt. Beherrscht wird der Campus Drive vielmehr von Wissenschafts-Cowboys, die mit ihren Ford Mustangs den Staub auf dem Asphalt aufwirbeln, bevor sie sich in ihren Büros oder Laboratorien an die Arbeit begeben.

Das Universitätsgelände selbst ähnelt einer Farm oder einer Ranch oder dem, was man sich als Deutscher darunter vorstellt. Auch wenn in Stanford keine Rinder mehr gehalten oder Gemüse und Korn gezogen werden, so gibt es doch jede Menge Arbeit. Die Felder wissenschaftlichen Fortschritts wollen bestellt sein, die Herden und Horden des Wissens gehütet –, eine Art Marlboro Country der feineren Art eben.

Zu Fuß kaum zu durchqueren, liegt der Campus, von zwei Höhenzügen begrenzt, unweit der Bay, 35 Meilen südlich von San Francisco. Angeschlossen Paolo Alto sowie jede Menge Elektronikkonzerne und Firmen, die sich drum herum niedergelassen haben: Silicon Valley eben – ein rhizomatisch wucherndes Gebilde, das mit dem, was einem als Stadt geläufig ist, nichts mehr gemein hat. Die Entfernungen sind riesig, Stanford und was dazu gehört selbst unüberschaubar. Als Fußgänger ist man hier ziemlich verloren. Man braucht mindestens ein Pferd, oder in Ermangelung dessen: ein Auto. In Kalifornien gibt es, wie Steinbeck bereits bemerkte, keine Wege mehr, nur noch Straßen.

 

Kalifornisches Tagebuch

Richard Prince: Untitled (Cowboys) | 1993

 

Und doch begreift man das Ganze erst, wenn man so richtig schön aufgeschmissen ist. Wenn einem zum Beispiel der Wagen unter dem Arsch verreckt, wie es mir unlängst ergangen ist, als ich auf dem Weg zu einem Vortrag von Richard Sennett war und der Ford plötzlich seinen Motor aufgab. Leicht desperat, weil aufs Elementare zurückgeworfen, entdeckte ich den Campus in seiner wahren Gestalt. Verstreut über dem Gelände wunderbar alte Bäume, wilde Eichen und anderes mehr, dazu Quartiere und Stallungen: die Versorgungs- und Forschungseinrichtungen der Universität, das Medical Center etwa, oder der Teilchenbeschleuniger. Irgendwo dann im Zentrum der Mainquad mit Hauptgebäude und Kapelle im neumexikanischen Stil, halb Hazienda, halb Kloster, mit wunderbaren Säulengängen, auf denen sich allerdings eher Touristen als Philosophen oder Geistliche zu ergehen scheinen. Ein wenig abseits davon, statt einer Kathedrale, der Hoovertower, eine Art Monolith patriarchalischer Herrschaft, wie die Feministinnen sagen dürften, ein häßlich steiler Zahn, der sich in den ewig blauen Himmel Kaliforniens schraubt. Offiziell birgt er das Geheimarchiv der Universität, ihre Dokumentenkammer: Foreign Affairs vom Ende des 1. Weltkriegs bis heute.

Hier herrschen weiterhin hochsommerliche Temperaturen, 24 Grad und mehr. Dabei ist Ende Oktober und Halloween in Sicht, das Gespensterspektakel mit illuminierten Kürbissen und andern spooky things. Ich weiß gar nicht, wie einem bei der Hitze Schauder über den Rücken laufen sollen. Macht nichts, das ist Kalifornien: Alles immer ein wenig anders. Man feiert Kostümbälle und Kinderumzüge, beinahe wie St.-Martins-Singen bei uns. Grundregel: Immer auf alles gefaßt sein – eine alte keltische Weisheit. »Trick or Treat!«, das ist die Alternative, vor die die kids einen stellen. Meine Antwort: nur nicht den Verstand verlieren, "smart" und "tough" bleiben, wie es sich für einen Westerner gehört.

tado ink | 02.11.2011 | Stichijows Papiere
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