Kalifornisches Tagebuch

Heiligabend, morgens

Zurück aus Southern California und Las Vegas, Nevada. Unfaßbar, einfach unfaßbar, von der wüstenartigen Landschaft über das gleißende Licht und die trockene Luft bis hin zu den urbanen Environments, die sich darin krebsartig ausbreiten. Südlich von Tehachapi hört Europa einfach auf. Jenseits von Santa Barbara beginnt das wahre Amerika. West of the west: Los Angeles und sein Trabant Las Vegas, Traumstädte der Postmoderne und Höllenkreise des real fortschreitenden Kapitalismus. Ich könnte weder in der einen noch in der anderen Stadt leben (für einen Geistesmenschen schon deshalb unmöglich, weil es keine Promenaden oder sonstige Orte gibt, an denen man ungestört nachdenken oder lesen kann). Aber sie kurzfristig zu bereisen, wie man ein fremdes, unbekanntes Land bereist, das elektrisiert. »It kicks ass«, mit Beavis and Butt-head zu sprechen.

Los Angeles (mehr noch als Las Vegas) ist reine Elektrizität. Ich weiß nicht, ob es Einbildung oder Wirklichkeit war, aber wenn man mit dem Auto durch die Straßen und über die Freeways dieser alle Maßstäbe sprengenden Stadt fährt, gerät man -– unweigerlich beinahe – in einen rauschähnlichen Zustand; nicht auszuschließen, daß dieser bei sensiblen Gemütern Panik auslöst. Es ist, als ob all die Impulse, Spannungen und Konflikte, die in Los Angeles als Metropole eines anderen, eben transeuropäischen Amerika über die Jahre auf- und ausgebrochen sind, sich unmittelbar in der Atmosphäre niedergeschlagen hätten, die an diesem Ort herrscht. Im Verein mit dem Smog zeitigt das toxische Wirkungen. Ähnliches ließe sich natürlich auch von Paris, London oder Berlin behaupten. Mit dem Unterschied allerdings, daß Los Angeles, um im Bild zu bleiben, wie eine geballte Ladung Crack wirkt –, wohingegen Paris, London oder Berlin bestenfalls wohldosierte Amphetaminpillen bereithalten, wenn überhaupt. Los Angeles berauscht in kürzester Zeit und verblödet. Wie immer es das macht.

Ein merkwürdiges Gebilde, dieses Los Angeles. Als Stadt – wenn sich denn diese »Wüste Gobi der Vorstädte« überhaupt als Stadt bezeichnen läßt – scheint Los Angeles weder einen Anfang noch ein Ende zu kennen, kein Zentrum, keine exakt zu bestimmende Peripherie. Über 100 Meilen im Durchmesser, fast so groß wie Irland, verläuft L.A. County sich in alle Himmelsrichtungen. Selbst vom Flugzeug aus wirkt die Stadt unüberschaubar. Kein Weichbild mehr zu erkennen. Was sich in der Bay Area andeutete, das Ineinanderwuchern von Stadt und Land bis hin zur Auflösung des Gegensatzes von Provinz und Metropole – , das findet in der vereinzelt nur großstädtisch sich aufspreizenden »Gartenstadt« Los Angeles seine Bestätigung. Ohne ein urbanes Zentrum und (sieht man von den hier und da eingestreuten Shopping Malls und Wolkenkratzern einmal ab) markante Punkte, sprengt Los Angeles die Erfahrung, die man von Städten in Europa gewonnen hat. Konstanter Eindruck: gar nicht in einer Großstadt gelandet zu sein, sondern in einem megalomanischen Suburb, der wie ein riesig auseinandergezogener Kaugummi fad und zäh in einer Landschaft klebt, die immer noch Wüste ist. Selten ein Hochhaus, so gut wie keine erkennbaren industriellen Komplexe. Bungalows, nichts als Bungalows, so weit das Auge reicht, »garden city« eben. »There is no place like home«. Hier und da Einkaufsmeilen oder Tankstellen, dazwischen ein öffentliches Gebäude, eine Firmenniederlassung, dann wieder nichts als Bungalows, Einfamilienhäuser, mal größer, mal kleiner, einförmig aneinandergereiht wie all die Palmen, welche noch in den heruntergekommensten Bezirken die Straßen von Los Angeles säumen. Das also ist der amerikanische Traum: jedem seine Garage, eine Schlafstatt und im backyard der Swimming-pool. Kaum zum Aushalten, gäbe es nicht von einem Teil der Stadt zum anderen die verschiedensten Bevölkerungsgruppen, deren kaum auf einen Nenner zu bringenden Sprachspiele und Lebensformen Farbe und Dynamik (aber auch eine gehörige Portion Gewalt) in die von ihrer Anlage und Struktur her äußerst monochrome Stadtlandschaft bringen.

Kalifornien, meinte Christopher Isherwood, sei ein tragisches Land, wie Palästina, wie jedes Versprochene Land. Angesichts der Eindrücke, die ich aus Los Angeles mitgenommen habe, scheint mir diese Charakteristik doch ein wenig überzogen. Eher als einer Tragödie mit apokalyptischen Ober- und Untertönen ähnelt das, was in der eigentlichen Hauptstadt Kaliforniens jeden Tag von Neuem aufgeführt wird, der Sex-, Crime- und Actionlogik, wie Hollywood sie entwickelte: das Leben als B-Movie in Endlosschleife. Ein Ereignis jagt das nächste, der Kick ist die Regel, dazu eine gehörige Portion Sentimentalität, im Grunde aber nichts als Leerlauf und Langeweile, die Handlung ohne tieferen Sinn und höheren Zweck, die Figuren wie aus einem Bilderbuch gezogen. Man denke an Ridley Scotts »Blade Runner« oder John Carpenters »Escape from New York«. Endzeitgeschichten hier wie da, aber postapokalyptischer Natur. Über ihren düsteren Aufbauten schwebt kein Engel der Gerechtigkeit, das Leben selbst ist das nackte Grauen, vom Messias keine Spur. Die Mächte des Guten und die der Finsternis spielen ineinander, der Alltag ist die zur Trivialität heruntergekommene Katastrophe. Das Theodizeeproblem stellt sich hier erst gar nicht. Eschatologische Fragen werden durch bodytalk oder drive-by-shooting erledigt.

Vom Hollywood Freeway aus manifestiert sich die »Apokalyptik« Los Angeles' als Allegorie eines anderen, transeuropäischen Amerika, wie gesagt. In der Mohavewüste am Pazifik hat die Neue Welt auf ganz und gar unspektakuläre Weise zu sich selbst gefunden. »Los Angeles ist Amerika«, so Louis Adamic: »Ein Dschungel. Los Angeles entstand plötzlich, planlos, stimuliert durch den auf Abenteuer versessenen Geist von Millionen und die Lust am Profit. Es entsteht immer noch. Für jeden gibt es hier die Chance üppig zu gedeihen – für eine Weile – für eine kurze Weile nur, das ist die Regel. Minderwertige ebenso, wie herausragende Pflanzen und Bäume blühen für eine gewisse Zeit, dann erliegen sie dem Chaos und dem Verfall. Sie müssen neuen Pflanzen Raum geben, die von unten her nachdrängen und so weiter und so fort. Das ist Freiheit unter den Bedingungen der Demokratie.« In Los Angeles erfährt Amerika seine Vollendung, im äußersten Westen kommt das Land der Pilgrim Fathers zu sich selbst, hier hat es sein unstetes, ruheloses Wesen eingeholt, um es immer wieder neu und anders aus sich herauszutreiben: frontier for ever.

 

Kalifornisches Tagebuch

Martin Schall: Los Angeles Downtown | gegen 2007

 

Obgleich unsäglich monoton und langweilig, kann in Los Angeles (und das nicht nur im Kino) an jedem Punkt und zu jeder Sekunde die Wildnis wieder aufbrechen. Kein Ende des Wilden Westens also. »Krieg der Gangs in Oakwood«, »Neues vom San-Fernando-Valley-Serienmörder«, »Die letzte Nacht des River Phoenix«. So einige der Schlagzeilen, die ich las. Agonie und Staus auf der einen Seite, Gewalt-, Drogen- und Sexexzesse auf der anderen, zwischen den Extremen eine zu härtesten Maßnahmen aufgelegte Law-and-Order-Mentalität. Etliche Stadtteile in L.A. sind ohne schriftliche Einladung gar nicht zu erreichen. Von Mauern umgeben und mit Videokameras überwacht, ähneln sie mit ihren begrenzten Durchlaßpunkten und überall postierten Sicherheitskräften Festungen; in ihnen kehrt die klein- und großbürgerliche Paranoia ihre martialischen Züge hervor. In andern Stadtteilen, in jenen, die man ungehindert durchfahren kann, sollte man vorsichtig sein, wenigstens des Nachts. Fast wie im Western: Ein Haufen durchgeknallter Gangster, eine zu Tode erschrockene neighbourhood und die harten Jungs vom LADP –, ein undurchdringlicher Dschungel, in dem sich das Radikal-Böse als die natürlichste Sache der Welt aufspielt.

Der Aufstand, der im Sommer letzten Jahres weit über South Central hinaus an den verschiedensten Punkten von Los Angeles wütete, dürfte nur ein besonders massives Zeichen dessen gewesen sein. Denn von welchen Rassen- und Klassengegensätzen die Brandschatzungen immer geschürt wurden, die Eruptivität, mit der diese sich entluden, ist im Verweis auf Reaganomics und damit einhergehende Einschnitte, insbesondere in Kreisen farbiger Haushalte, allein kaum zu erklären. Vielmehr scheint es, als sei in ihr einmal mehr jene Gewaltbesessenheit eskaliert, die in Amerika an jeder Straßenecke lauert und die zu beheben weder sozialpolitische noch polizeiliche Maßnahmen ausreichen. Los Angeles ist jung, und bleibt gerade durch die neuen Immigranten jung. Von daher seine Bereitschaft zur Gewalt, von daher die Lust, sich an dieser im Kino, aber auch andernorts zu berauschen. Amerika ist das Versprochene Land – immer noch – Los Angeles sein Utopia, ein Un-Ort, eine Fata Morgana – City of Angels eben, kein Babylon, kein Neues Jerusalem, eher schon The New Pacific Byzantium oder ein an die Küste des äußersten Westen verschlagenes, auf Sand gebautes und auf Autos statt auf Boote setzendes Venedig.

tado ink | 24.12.2011 | Stichijows Papiere
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