Kalifornisches Tagebuch

26. November

Letzte Nacht hat sich ein Mann aus Daly City von der Golden Gate Bridge gestürzt. Mit sich in den Tod nahm er seine zweijährige Tochter. Die Leiche des Mannes war schnell gefunden, die des kleinen Mädchens wird immer noch gesucht.

Franz Kafka war nie in Amerika. Aber er verfügte über genügend Informationen, Scharfsinn und Phantasie, um den Roman Amerikas zu schreiben: Der Verschollene. Der jüngst wiederentdeckte, von Kafka selbst stammende Titel verstärkt nur einen Zug, den die besseren Leser des Romans immer schon verspürt haben dürften: daß Amerika bei Kafka zuerst und vor allem das Land der Verschollenen ist, das Land der Ausgestossenen, der homeless, Ort all derer, die der Alten Welt abhanden gekommen sind und sich nun im Niemandsland einer Neuen Welt herumtreiben. Amerika ist bei Kafka die Fremde, das Exil, die Wüste. Menschen und Dinge verschwinden einfach in der Weite und Leere des Landes. Irgendwo kommen sie dann wieder zusammen (oder aber auch nicht), in einem Hotel, auf einem Rastplatz oder dem, was bei Kafka das »große Teater von Oklahoma« heißt. Alle sind willkommen, jeder findet hier Arbeit und Brot. So oder ähnlich steht es auf dem Plakat, mit dem das »Teater« im Roman um Arbeitskräfte wirbt. Über die Bezahlung stand allerdings auf dem Plakat kein Wort. Wie die Karriere des Karl Roßmann beim »Teater« verlaufen, worauf der Roman am Ende überhaupt hinausgelaufen wäre, das wissen wir nicht. Das Ende des Amerika-Romans fehlt, es gibt nur eine kryptisch anmutende Notiz, in der Kafka das Schicksal seines Protagonisten mit dem des Proceß-Romans abgleicht: »Roßmann und K., der Schuldlose und der Schuldige, schließlich beide unterschiedslos strafweise umgebracht, der Schuldlose mit leichterer Hand, mehr zur Seite geschoben als niedergeschlagen.«.

 

Kalifornisches Tagebuch

 

Faktisch waren und sind den Extremen in Amerika so gut wie keine Grenzen gesetzt. Seit Ronald Reagan sich daran begeben hat, den Sozialdarwinismus im neuen Stil zu restituieren, bluten die mittleren Klassen einfach aus. Heißt es. So viel steht fest: in Los Angeles allein, wo der weisse Mittelstand früher eindeutig die Majorität bildete, stellt dieser gegenwärtig nurmehr ein Drittel der Bevölkerung. Es gibt eine anwachsende Gruppe Superreicher, daneben aber sehr viele, wirklich arme Menschen – aller Couleur, versteht sich. Erstaunlich dabei, sie schlagen sich irgendwie durch, und das beinahe ohne jede staatliche Alimentation, bis zu dem Tag, an dem sie kurzerhand ganz beiseite geschoben werden.

tado ink | 26.11.2011 | Stichijows Papiere
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