Kalifornisches Tagebuch

9. Dezember

Alles ist grau. Der Horizont ist verschwunden. Das Meer ist wie der Himmel, der Himmel wie das Meer. Ein Anflug von Winter in Kalifornien.

Deutschland ist mir in der Fremde fern und doch auf seltsame Weise nah. Nicht daß ich Heimweh empfände oder sonstwelchen Nostalgien nachhinge, nein. Es ist vielmehr so: alles, was ich by chance so mitbekomme: HIV-verseuchte Blutkonserven, Bestechungsskandale, Bundesligaergebnisse, all das also, worüber man daheim Bescheid wissen sollte, um mitreden zu können, läßt mich hier vollkommen kalt. Alles andere aber, das, was man zuhause durch den vereinfachenden Blick der Gewohnheit ab- oder ausblendet, tritt mir in der Ferne um so eindringlicher vor Augen, die Gesichtslosigkeit Deutschlands vor allem, das Nichtssagende, das hinter den drei Buchstaben BRD steckt. – Deutschland ist ein schwarzes Loch, das meine Phantasie verschlingt. Ich finde darin nichts, nur die von Ressentiments verzerrte Fratze des NAZIHASSES. Amerika liebt man in Amerika, Deutschland nicht einmal in der Fremde. Das ist merkwürdig. Als ob sich das Land in meiner Generation selbst neutralisiert hätte, emotional auf Eis gelegt worden wäre, ausgelöscht nachgerade. Aber vielleicht führt das noch weiter: Deutschland ist nicht ... – und nur Blödköpfe grölen, sie wüßten, was es mit diesem Land auf sich hat und was aus ihm werden wird. Die anderen, mich selbst eingeschlossen, sind wie paralysiert. Das ist nicht ungefährlich. Wer weiß ...

 

Kalifornisches Tagebuch

Christopher Wool & Peter Lindbergh: Untitled (Amber Valetta) | 1993

tado ink | 08.12.2011 | Stichijows Papiere
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