Kalifornisches Tagebuch

Dienstag, 2. November

Halloween ist vorbei. Gott sei Dank. So puritanisch Amerika ist, ähnlich England, seinem Mutterland, beherbergt es jede Menge Exzentriker, die nur auf eine Gelegenheit warten, ihrer Lust am Exzeß zu frönen. Halloween bietet dazu die beste Gelegenheit.

Downtown Castro, Ecke Market, liegt der Laufsteg, auf dem die anti- oder soll man sagen ultrapuritanische Faktion sich in San Francisco der Öffentlichkeit zeigt. Jedes Jahr gibt es hier eine riesige Straßenparty, organisiert und orchestriert von der gay-community, deren Viertel an eben dieser Ecke beginnt. So viele Tunten und Schwuchteln habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Noch bevor das Zentrum der Festivitäten erreicht war, begann der Spuk bereits. Aus einem Jeep sprangen plötzlich zwei leicht bekleidete Schwule, um auf offener Straße einen Strip abzuziehen. Sich aufs Obszönste exhibitionierend, wiegten die beiden sich kurz in ihren Hüften, um dann voller Lust den Allerwertesten zu entblößen. Bevor sich noch jemand empören konnte, waren sie bereits wieder gellend mit ihrem Jeep verschwunden. Auf der Castro selbst kam es noch heftiger. Die ganze Straße schwappte vor Schwulität über: gays in excess. Umwölkt von schweren Parfums, trippelten sie einzeln oder in Gruppen übers Pflaster, den Passanten kokett ihre Reize vor Augen führend. Blonde on Blonde oder Sado-Maso, egal, nur erotisch exaltiert muß es sein, polymorph-pervers. Vereinzelt tummeln sich zwischen den Schwulen Lesben – Zungenküße im Viertelstundentakt –, als müßten sie dem Publikum demonstrieren, daß sie es nicht weniger wild treiben als ihre männlichen Kollegen. Alle Balkons und Dächer besetzt, auf der Straße so eng, daß man seine balls in Sicherheit bringen mußte. Alle hatten großen Spaß. So schien es wenigstens. Unrasiert und unauffällig angezogen, kariertes Hemd, Jeans und Stiefeletten, kam ich mir unter all den Nacktärschen allerdings wie der eigentliche Nacktarsch vor, nachgerade obszön. Persönliches Schicksal: Immer auf der falschen Seite stehen, in welchem Milieu auch immer.

 

Kalifornisches Tagebuch

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tado ink | 07.11.2011 | Stichijows Papiere
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