Kalifornisches Tagebuch

Ende Oktober

In San Francisco scheint die Alte Welt wie gebannt, schemenhaft, verloren im Nebel, der sich vom Meer her jeden Tag von neuem über die Stadt legt und sie unsichtbar macht. Dazwischen aber, zumal jetzt, jede Menge lichter Momente, ein überhell strahlender Sonnenschein, als läge die Stadt nicht am Meer, sondern im Hochgebirge.

Der Blick, den ich von meinem Zimmer aus habe, geht auf's Meer und verliert sich dort in der Weite des Pazifik. Was beyond liegt, sehe ich nicht. China? Rußland? Japan? Keine Ahnung. San Francisco ist eine eigentümliche Stadt, sie hat die halbe Welt in sich versammelt und wirkt doch irgendwie immer noch europäisch. – »It's an odd thing, but anyone who dissappears is said to be seen in San Francisco.« (Oscar Wilde) – Von Heimweh keine Spur, trotz Nebel. Hier gibt es alles, was ich brauche. Ich habe französische Baguette, italienische Pasta und kalifornischen Wein, des öfteren auch einen Hamburger bei Mel’s. Mitunter gehe ich ins Café, Steps of Rome, North Beach, Zeitungen aus der alten Welt lesen oder ein Buch. Dazu einen Espresso, ein Glass Wasser sowie die eine oder andere Zigarette.

Every Night, / at the end of America / We taste our wine, looking at the Pacific. / How sad is it, the end of America! (Louis Simpson)

 

Kalifornisches Tagebuch

Don Worth: Rocks and Surf, San Francisco | 1969

tado ink | 26.10.2011 | Stichijows Papiere
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