Kalifornisches Tagebuch

Mitte September

Der Schleier lüftet sich, die Dinge werden klarer, nehmen Kontur an. Von Deutschland aus glaubt man, Amerika sei ein Klacks, etwas, was sich kurzerhand in die Tasche stecken ließe. Aufgewachsen in der BRD, mit Englisch als Pflichtfach und jede Menge Pop im Kopf, glaubte ich, die Neue Welt sei etwas Altbekanntes, mir bis ins Mark Vertrautes. Allein das entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Augenwischerei.

In Amerika ist alles ganz anders, als man es sich von Deutschland aus denkt, wie man es sich, von wem auch immer, hat träumen lassen Angefangen vom Licht, das in gleißender Wut die Stadtlandschaft San Franciscos durchflutet (sofern es nicht gerade vom Nebel verschluckt wird), über das rasterförmige Netz der Straßen und Avenuen, bis hin zu der Art und Weise, wie die Menschen miteinander umgehen –, kaum etwas gleicht dem, was man von zuhause her kennt und gewohnt ist. Weder die Stadt noch die Menschen verfügen hier über das, was man in Europa Tiefe nennt, und doch sind weder die Stadt noch die Menschen als seicht und oberflächlich abzutun. Vorherrschend in San Francisco, keine Frage, jene unverbindliche Freundlichkeit, welche gerade von Deutschen gern als hohl, da bloß fassadenhaft abqualifiziert wird. Leichtfertige Charaktere, Beach Boys eben, heißt es. Späte Rache des Verlierer. Verkannt ist damit nicht sowohl der Witz und die Pragmatik, die in den Fältelungen der amerikanischen Seele stecken, als vielmehr auch deren anders geartete Anatomie und Physiologie. Amerika ist nicht auf Gemütlichkeit aus- oder eingerichtet, kennt keine Form der Geselligkeit, die dreist ins Innerste des anderen greift, weiß nichts von einem transzendental verankerten Einklang der Seelen. Jeder ist sich in der Ferne selbst der Fernste, der Nächste in ihr kaum weniger fremd wie ein gerade Zugereister. Allerorten heißt es: »You're welcome.«

Freundlichkeit und Wärme der Menschen erwachsen aus den Umständen und dem durch sie diktierten Interesse am Andern. Man trifft sich zufällig, wie Passagiere auf einem Schiff oder Gäste in einem Hotel. Gespräche ergeben sich da von selbst, mitunter auch Geschäfte und ähnliches. Alles, was darüber hinausgeht, wäre geheuchelt. Vorherrschend eine die Distanz nie verhehlende Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Nichts mehr zu spüren von jener Innerlichkeit und Familiarität, die das Klima in Deutschland bestimmen und es mit ihrem spießbürgerlichen Mief vergiften. Die amerikanische Seele ist flach, außengeleitet, kalt, wenn man will –, sie muß es sein, weiß sie doch, daß jenseits der Straßen die Wildnis beginnt, manchmal schon auf ihnen –, dazwischen übrigens auch, je nachdem.

 

Kalifornisches Tagebuch

Wayne Thiebaud: 24th Street Intersection (Twenty-Fourth St. Ridge) | 1977

 

Einige Tage später

Alles scheint in der Tat darauf angelegt, das Substantielle zum Verschwinden zu bringen, oder besser ihm überhaupt keine Chance zu geben. Substantiell, elementar genauer, ist nur das Elend, und das in jeder Form. Man überspielt es, nicht zuletzt mit chrom-, stahl und glasglänzenden Oberflächen und einer ostentativ zur Schau gestellten Gelassenheit. San Francisco – ein Netz ohne Zentrum, kein kompakter Block, wie die Städte Alteuropas, die Bewohner Nomaden im Ford oder Lincoln –, unterwegs, immer unterwegs, auf der Suche nach einem Rastplatz oder was auch immer. Jean Baudrillard hat recht: Amerika ist der Gipfel der Modernität, in eins damit ein Teil der Dritten Welt. Näher betrachtet ist es Brandung, Glamour und Gewalt: Al Capone auf Alcatrez, hinter dem vergitterten Fenster seiner Zelle, wie er auf das sanft und unablässig die Hügel überflutende Häusermeer San Franciscos starrt –, im Moment eine meiner Lieblingsperspektiven.

 

tado ink | 08.10.2011 | Stichijows Papiere
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