Kalifornisches Tagebuch

Ende September

Gestern, als wir mit dem Wagen von der Bay zurück nach Hause kamen (Frisbeewerfen an der Marina), gellten unmittelbar hinter der Mission, unweit Naples, plötzlich Schreie los. Dinge flogen durch die Luft, Tüten, Klamotten, nichts, was man hätte identifizieren können. Eine Rotte von Kids stob in heller Panik auseinander, aufgescheucht von Cops, die sich – augenscheinlich – mal wieder genötigt sahen, etwas gegen Gangs, Drogenmißbrauch und andere Übel der Straße zu unternehmen. Die Gegend ist heiß, so oder so. Excelsior eben.

Montag, 20. September

Eine gewisse Routine stellt sich ein, ein mehr oder weniger gleichförmig sich abspielender Tagesablauf, vorgegeben durch die Verhältnisse, in denen ich mich bewege und auf die ich mich eingelassen habe. Viktorianisch beengt – so großzügig und zuvorkommend meine Gastgeber auch sind. Eins ist klar: Ich muß so schnell wie möglich raus hier, was immer auch kommen mag. War die letzten beiden Tage bereits auf Wohnungssuche, ohne großen Erfolg allerdings. Ich hasse das, würde mich am liebsten einfach in einem Hotel einquartieren, egal wo, um meinen eigenen Rhythmus zu finden. Weiß allerdings nicht einmal, ob meine Idee, mir downtown was zu suchen überhaupt die richtige ist. Vielleicht wäre es doch besser in Klausur zu gehen, irgendwo in der Nähe von Stanford, abgeschieden leben, arbeiten, spazierengehen, weiß der Teufel –, eine Art besseres Klosterleben eben: Campus, Stanford University. Ich hasse es, Entscheidungen treffen zu müssen, so wie jetzt. Ja, nein, Wohnung, wo, Auto, was, wie? OK? OK! No! No!

 

Kalifornisches Tagebuch

 

Ich fürchte, das Tagebuch beginnt mich bereits zu langweilen. Es taugt bestenfalls als Schreib- oder Fingerübung. Wozu sonst? Vielleicht um Eindrücke festzuhalten, Gedanken? Quatsch. Was wäre vom Financial District noch zu sagen, was nicht bereits gesagt worden ist, was über North Beach, über Chinatown, was nicht bereits geschrieben worden wäre? Am Befremdlichsten bleiben die suburbs, das zum Beispiel, in dem ich wohne: Excelsior for ever – and nothing else. OKAYOKAY!

 

Tage später

Was für ein Land, mein Gott, was für ein Land. Hat man sich ein wenig an San Francisco gewöhnt, kommt es einem gar nicht mehr so fremd vor. Ähnlich London, Paris oder Amsterdam – nur um etliche Längengrade nach Westen verschoben. Allein der Verdacht bleibt, daß das mehr als vordergründig ist, der touristische Blick eben, fixiert auf Pittoreskes oder Vertrautes. Dahinter lauert wahrscheinlich alles mögliche Andere, der Wilde Westen vor allem, eine unausrottbare Brutalität, die in den Machenschaften der Geschäftsleute und den skrupellosen Praktiken hiesiger Banken nicht weniger zum Ausdruck gelangt wie in den Gewaltakten, die man Tag für Tag auf der Straße beobachten kann. Sind Penner bei uns harmlose Trottel, die, vom Alkohol vergiftet, in den Gossen rumliegen, so verfügen sie hier – allen Drogenexzessen zum Trotz – über ein nicht zu unterschätzendes Potential an Aggressivität. They can rip you up, anytime, anyhow. Waschbären ähnlich, sind die amerikanischen Homeless ungemein zäh und anpassungsfähig. Zumal da es wirklich ums nackte Überleben geht, ums Fressen und Gefressenwerden, gebärden sie sich kaum weniger aufdringlich, skrupellos und hinterhältig wie ihre entfernten Verwandten aus dem Tierreich, die racoons. Außerdem stinken sie. – Cool bleiben, nicht wahr, immer schön cool bleiben. Klink mich jetzt besser aus. – – – Bye-bye.

 

tado ink | 12.10.2011 | Stichijows Papiere
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