Kalifornisches Tagebuch

Mitte Oktober

Lese gerade William T. Vollmanns Rainbow Stories, Reportagen und Geschichten aus Downtown, San Francisco. Leben in der Bay Area – die Tenderloin als Modell. Schlaglichter aus der Welt multikulturellen Elends, Streifzüge auf der Kehrseite des postmodernen Spektakels, grelle und irrwitzige Bilder aus der Welt der Huren und Zuhälter, der Skins, Gangs und Homeless.

Röntgenaufnahmen des Bösen, wie man sagen könnte, von fern verwandt mit Bret Easton Ellis oder James Ellroy, schwarze Literatur auf jeden Fall, schwarze Literatur amerikanischer Machart. Edgar Allan Poe läßt grüßen: »Es war Nacht. Der Zombie ging die Haight Street hinunter, seine Hosen gebläht wie dunkle Segel. Barlow stand fluchend neben Cala Foods, denn seine Füße juckten während sie verfaulten, und er wünschte, daß es aufhören möge. Da er betrunken war, hatte er vergessen, daß Geräusche in der Nacht bedeutsam sein können, hatte er den bedächtigen und steten Schlag des Rohrstocks nicht gehört, mit dem sich der Zombie von Shrader Street aus näherte, noch auch hatte er den langen, dünnen Schatten bemerkt, der unter dem Vordach hervorkam, ihn zu holen. Es war nicht einmal nötig, ihn mit dem Rohrstock zu überrumpeln. Der Zombie ging einfach zu ihm hin, sah sich kurz um, und nahm Barlow unter den Arm. Er würde ihn in die Dunkelheit des Parks bringen. Barlow begann zu schreien und zu fluchen, aber niemand nahm Notiz davon. Der Zombie holte mit seinem linken Arm aus, beinahe in Barlows Gesicht, und dann erhob sich die linke Hand des Zombies in die Vertikale wie der Schlund einer lauernden Viper, und als Barlow in die dunkle Ärmelhöhle des Zombies starrte, sah er die gezackte Klinge der Säge, mit der ihm der Zombie den Kopf abschneiden würde. Der Zombie lächelte. Barlow lehnte gegen die Mauer des Supermarktes, grinsend, zwei schmutzige Finger zu einem aberwitzigen Peace-Zeichen aufgerichtet.« (»Barlows letzte Nacht«).

 

Kalifornisches Tagebuch

 

Frage mich, was Victor Hugo wohl zu solchen Szenen gesagt hätte, zu einer Literatur wie der Vollmanns. Die Welt der Misérables, wie Hugo sie in dem gleichnamigen Roman mit Blick auf Frankreich ausgemalt hat, ist gar nicht so weit entfernt von der, die in den Rainbow Stories aufscheint. Und doch, welch ein Unterschied: Hugos Erzählweise ist tröstend wie ein Beichtvater, William T. Vollmanns verstörend wie der Anblick einer Horde unversehens auftauchender Zombies. Bei Hugo bricht sich das Elend; es wird durch Mitleid verklärt; noch einmal kommt bei ihm eine der schönsten Seiten alteuropäischen Christentums zum Tragen: Barmherzigkeit. Bei Vollmann springt das Elend dem Leser nackt ins Gesicht. Über weite Strecken bewegt man sich in seinen Geschichten wie auf einem Schrottplatz; eingeklemmt zwischen verrottenden Gerümpel, sucht man verzweifelt nach einem gangbaren Weg. Vollmann scheint von Müll und Abfall nachgerade besessen. Seine Skizzen ähneln denn nicht zufällig den vielen herrenlos in der Gegend herumstehenden, Obdachlosen gehörenden Einkaufswagen. Sie stinken vor Unrat, und was man darin findet, ist nicht weiter der Rede wert: Garbage, Trash, Junk – abominable auf alle Fälle, unerträglich. Und doch: indem das Elend der Gegenwart, wie es sich in der Tenderloin verdichtet, bei Vollmann drastisch literarische Gestalt angenommen hat, halten seine Geschichten die Erinnerung an all jene fest, die verschleppt oder ermordet wurden, an all die, die verschollen sind, verschwunden, gefangen, besiegt, und, wie es in einem Gedicht Charles Baudelaires heißt: » ... à bien d'autres encor!«

Highways, Freeways, Expressways, Skyways, Runaways – in Arbeit: der Super Information Highway. Viel Wind um nichts? Das ist nicht gesagt. Amerika ist stets für ein Wunder gut.

tado ink | 23.10.2011 | Stichijows Papiere
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