Kalifornisches Tagebuch

Anfang November

Unter mir der Andreas-Graben, über mir das Blau des Himmels, in der Ferne der Pazifik. Kein Regen. »It never rains in (southern) california« – nicht einmal jetzt, Anfang November. Um Los Angeles herum brennen die Wälder, Teile Malibus sind von den Feuerstürmen bereits verwüstet und nicht einmal Michael Jacksons »Neverland«-Ranch, heißt es, zollten die Flammen Respekt. Auch sie sei bedroht. Apocalypse as usual. Sage ich mir. Es gehen Cherubin um im Garten des Herren.

Kalifornien ist ein bezauberndes Land, voll seltsamer Dinge, merkwürdiger Menschen und betörender Aussichten. Man kann nicht anders als es lieben. Allein die Küste Kaliforniens ist ein Gedicht, ein Wunderwerk von Gottes freier Natur. Wild zerklüftete, steil aufragende Felsen und Klippen, durchsetzt mit Sandbuchten, die wie Mondsicheln aus dem stetig und gelassen ans Ufer brandenden Pazifik ausgeschnitten scheinen. Über den Wellenkämmen Möwen und Pelikane, auf und unter den Wogen Surfer, die das Duell und den Tanz mit der Brandung suchen. Grausamkeit und Liebreiz, sich eng aneinander schmiegend, in unterschiedlichen Stellungen einander umfangend. Nie wird es einem beim Anblick der kalifornischen Küste langweilig. Unmerklich ändert sich ihr Rhythmus, wechselt die Landschaft ihr Gesicht.

 

Kalifornisches Tagebuch

Yorba Linda, California | 15. November 2008

 

Elegant im Auftritt und eruptiv in ihrem Gestus, scheint es, als ob es der Natur gefallen hätte, an der Küste Kaliforniens einen aristokratischen Stil auszubilden, wie ich bei Henry James las: »as "aristocratic"» freilich, »as the comprehensive American condition permits anything to be«. Amerika ist in der Tat alles andere als aristokratisch. Keine Spur von Vornehmheit und angestammter Würde, so mondän man sich in gewissen Kreisen der Gesellschaft auch gibt. Man ist gleich mit jedem auf Du, spricht sich mit Vornamen an, egal, ob es sich um den Versicherungsagent handelt oder einen Gelehrten höchsten Ranges. Herkunft zählt so gut wie gar nicht, Auftreten und Leistung sind entscheidend. Natürlich sollte man sich zu benehmen wissen; allein, man kann auch primitiv und ungeniert überleben, sofern man sich traut. Man pflegt – vordergründig jedenfalls – eher einen kooperativen Stil denn einen individualistisch-aggressiven. Selbst bei Sportveranstaltungen geht es äußerst zivilisiert und demokratisch zu. Gewalt ist verpönt; wo sie auftritt und zelebriert wird, wie beim Football insbesondere, sorgen Show- und Unterhaltungseinlagen dafür, daß deren Aufführung weniger an eine blutige Feldschlacht oder ähnliches erinnert denn an einen Ausflug zum Picknick. Kommt es dennoch zum Ausbruch offener Gewalt, wie unlängst im Lokalderby zwischen den Teams von Stanford und Cal (Berkeley), wird dies in den Gazetten als eine üble Schandtat gerügt. $3000 Sachschaden, ein paar Festnahmen und leichtere Blessuren, das ergibt in Amerika bereits einen handfesten Skandal. – Hooliganismus ist und bleibt ein europäisches Phänomen.

tado ink | 13.11.2011 | Stichijows Papiere
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