Kalifornisches Tagebuch

Jahreswechsel mit Blick auf Las Vegas

Interessant die Berichterstattung über Neujahr in den Zeitungen. New Year's Eve, das ist hier – weit mehr als bei uns – die Zeit der Großen Parties, der Augenblick der Celebrities und Stars. Die Berichterstattung darüber zieht sich über Spalten, füllt ganze Seiten. Wer wird mit wem, wie gekleidet, auf welcher Party erscheinen, was passiert wo, wenn das Jahr sich wendet und neu beginnt?

Aus geheimen Quellen verlautet, daß Mr. President, Bill Clinton himself, beim Auftritt der Streisand in Las Vegas erwartet wird, gewiß ist, daß Michael Jackson vor Neujahr bereits auf dem Strip in Las Vegas gesichtet wurde, voller Hingabe Treasure Island und einige der anderen Vergnügungspaläste bewundernd, die dort übers Jahr frisch aufgezogen worden sind. Fragt sich, was er in Las Vegas eigentlich sucht. Erlösung vom Fluch der um und über ihn schwirrenden Gerüchte vielleicht? den Segen des Präsidenten gar? oder ist es doch nur die Streisand, die nach 20 Jahren in Las Vegas erstmals wieder vor großem Publikum singt? Ich vermute, er hat schlicht die nächstbeste Gelegenheit ergriffen, um wie jeder gute Amerikaner einen Blick auf das zu erhaschen, was sich die Vergnügungsindustrie von Las Vegas an neuen Sensationen und Attraktionen hat einfallen lassen. Und das ist nicht eben wenig. – Peter Pan im Schlaraffenland.

Las Vegas, von jeher der Ort, wohin es die Ober- und Unterwelt von Los Angeles zieht, um den Teil ihres Kapitals zu investieren, das man schmutzig nennt, ist darüber mittlerweile zu der Experimentierwiese Kaliforniens geworden, zur Repräsentations- und Reklamestätte Hollywoods, wenn nicht Amerikas überhaupt. Jüngstes Beispiel: der gerade halbwegs fertiggestellte MGM-Komplex, das größte Hotel auf Erden (5005 Betten, $1 Billion Baukosten), ein gewaltiger, in grün und türkis gehaltener Neo-Deco-Bau. Aufgeführt von einem der führenden Medienkonzerne Amerikas, Metro Goldwyn Mayer (die mit dem Löwen), scheint das Gebäude darauf ausgelegt, die über den Strip flanierenden Massen kurzerhand zu verschlingen. Diese werden an einen Ort gelockt, der jenseits von Natur und Geschichte liegt, ins Märchenreich Kino. Als Hauptportal fungiert das Firmenemblem von MGM, das überdimensionierte Haupt eines mächtigen Löwen. Durch dessen gigantisches Maul werden die Besucher in eine als Monumentalkitsch auftrumpfende Plastik- und TV-Landschaft geschleust: Judy Garlands »Neverland« als künstliches Paradies mit Plastikflora, an den Wänden Videoschirme, auf denen Schweinchen-Dick-Cartoons laufen, angeschlossen ein Themen- oder Amusement-park der feineren Art. Neben den ebenfalls gerade erst in Betrieb genommenen Treasure Island und dem Luxor zählt das MGM zu den Mega-Hotels von Las Vegas heute. In ihnen ist Walt Disneys Strategie des geballten Vergnügens architektonisch perfekt aufgegangen: das Kino ist zur Wirklichkeit geworden, die Wirklichkeit ist wie Kino.

Hotels sind in Las Vegas nicht einfach Hotels – es sind erweiterte Vergnügungsparks, in sich abgeschlossene Attraktionsmeilen, in denen das Übernachten zur Nebensache wird. Totales Entertainment, von der Vorzeit bis in die allernächste Zukunft. Man kann in Las Vegas abenteuerlich-piratesk hausen (Treasure Island) oder römisch-luxuriös (Caesar's Palace), man kann es altägyptisch (Luxor) oder mittelalterlich (Excalibur) treiben, man kann sich in der Karibik (Tropicana) oder aber, wie im MGM, direkt in einer der Keimzellen der Traumfabrik niederlassen. Hotels sind in Las Vegas eben nicht einfach Hotels. Hotels sind hier einfach alles, Hotels sind Einkaufsstraßen, sind Casinos, sind Restaurants und Bars, sind Kirmes, Nachtclub, Konzerthalle und Arena, sind Kino, Disco und Fernsehen, ein High-Tech-Karusell, auf dem einem unversehens Hören und Sehen vergeht –, das reinste Vergnügen eben, sentimental und sensationell, immer vorausgesetzt man bleibt nicht allzu lange. Dann droht auch hier die Langeweile.

In den Hotelkomplexen von Las Vegas hat das Credo der Postmoderne architektonisch Gestalt angenommen. Geschichte und Natur haben ausgespielt, sie dienen nurmehr dazu, den Bauherren und Unternehmern einen Fundus an Kostümen und Requisiten zur Verfügung zu stellen, dessen man sich nach Lust und Laune bedient. Das Ende der Moderne kommt Amerika entgegen, Amerika ist der Ort, an dem es sich in gewisser Weise immer schon ereignet hat. Ohne großartig über historische Stätten und klassische Orte zu verfügen und mit Naturphänomenen oder -monumenten auch nicht gerade gesegnet, gefällt sich die Neue Welt heute mehr denn je darin, Denkmale und Attraktionen zu fabrizieren, die nurmehr auf sich selbst verweisen. Ohne zwingenden Anlaß, gewissermaßen aus dem Nichts heraus, wird eine Welt aus zweiter Hand aufgeführt. Dafür steht Las Vegas, die »New All-American City«, wie das Time-Magazin titelte. Galt die von Bugsy Siegel und anderen Gangstern in der Wüste von Nevada zum Blühen gebrachte Spielerstadt bis vor kurzem noch als Sündenpfuhl – »the city of sin«, gepackt mit Glücksspiel, Alkohol und Sex –, so ist sie im Moment dabei, sich in eine Art Mekka für Touristen aller Art zu verwandeln und damit zu der Wallfahrtsstätte des amerikanischen Traums. Das dürfte weniger mit dem von konservativen Publizisten alle Nase lang beklagten Verfall amerikanischer Werte zu tun haben, als vielmehr damit, daß einer der zentralen Triebkräfte Amerikas in Las Vegas seine ästhetische Verklärung erfahren hat. In Las Vegas feiert Amerika die ihm eigene Lust am Schwindel, hier, mitten in der Wüste Nevadas, hat sich der den Westen umtreibende Wille zu Lug und Trug nicht sowohl seine ultimative Spielstätte errichtet denn vielmehr ein Denkmal, das in Form einer aus Neon und Spiegeln, Beton und Kunststoff architektonisch aufgezogenen Fata Morgana nicht nur Spielernaturen in seinen Bann schlägt.

 

Kalifornisches Tagebuch

Albert Watson: Night Drive into Vegas | 2001

 

Edgar Allan Poe hat den Menschen als ein Lebewesen definiert, das von Natur aus schwindelt. Ohne den amerikanischen Erfahrungshorizont, den Poe literarisch erst entdeckte, dürfte er schwerlich auf diesen Gedanken gekommen sein. Nicht nur beruht ja die Kolonialisierung Amerikas auf vielfältigem Schwindel, unter anderen dem, irgendwo im Westen stünde das Tor zum Paradies sperrangelweit offen –, ein Gutteil der amerikanischen Lebens- und Verkehrsformen ist ohne die Kunst, sich und anderen etwas vorzumachen, gar nicht denkbar. Schwindelei setzt Vertrauen voraus. Amerika ist damit gesegnet. »In God we trust«, liest man auf jedem Dollarschein. Von daher haben Schwindler und Betrüger, Scharlatane, Hochstapler, Falschspieler und andere Typen windigen Charakters in den Weiten Amerikas immer schon die besten Weidegründe gefunden. Ohne confidence kann in der Wildnis keiner überleben, in der Fremde ist der Glaube an die Vertrauenswürdigkeit des Nächsten, und sei er der Fremdeste, nicht minder wichtig wie Selbst- und Gottvertrauen. Davon profitiert der Schwindler. Durch die Vortäuschung falscher Tatsachen mißbraucht er das ihm entgegengebrachte Vertrauen; er versteht sich darauf, aus der Gutgläubigkeit der Leute ein Geschäft zu machen. Er verstrickt andere in eine Geschichte, die sich nicht überprüfen läßt, aber derart verlockende Ausblicke eröffnet, daß man sich ihr nur schwer entziehen kann. Schwindelei ist eine Art Falle, eine kunstvoll gebaute, deren Köder die von ihm Angezogenen in einen Rausch oder Schwindel versetzt, über die sie alle Bedenken und Vorsichtsmaßnahmen in den Wind schlagen.

In dem Maße wie die Jagd nach dem Glück durch die amerikanische Verfassung garantiert ist, hat der Schwindler leichtes Spiel. Amerikaner, so Charles Baudelaire (anläßlich Edgar Allan Poe), lieben es, düpiert zu werden. Kaum ein anderes Volk aber auch, so muß hinzugefügt werden, versteht sich so gut auf den Schwindel wie die Amerikaner, kein anderes verfügt über eine derart breite Palette an Präfixen, um noch die feinsten Nuancen der Täuschung zu markieren: »pseudo-, sham-, make-believe-, makeshift-, mock-, would-be-, fake-, phony-, semi-, near-[beer], baloney-[dollars], synthetic-, etc.« (Leo Spitzer, American Advertising as Popular Art, 1949) Die Versiertheit der Amerikaner in der Beurteilung des Schwindels sollte man nicht zu gering veranschlagen. Statt Indiz einer grenzenlosen Leichtgläubigkeit zu sein, unterstreicht der Ruhm und das Ansehen, in denen Figuren wie Ronald Reagan, Michael Jackson oder Madonna in Amerika stehen, nur die dem Land eigentümliche Lust an der Falschmünzerei. Das alles hat mit Naivität und infantiler Gutgläubigkeit wenig zu tun. – Unter diesem hier nur angerissenen Blickwinkel wäre unbedingt noch einmal Herman Melvilles Roman The Confidence-Man (1857) zu lesen, diese als Täuschungsmanöver konzipierte Allegorie und Satire auf den großen amerikanischen Schwindel! und es wäre zu überlegen, wie sich die mit ihm aufs engste verschränkten Sphären des Elends und der strengen Moral zum Schwindel als Konstante des American Way of Life verhalten?

tado ink | 04.01.2012 | Stichijows Papiere
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