Kalifornisches Tagebuch

Thursday, January 13th, 1994

Der Bobbitt-Case geht in die zweite Runde. Letztes Jahr im Herbst – sofern man sich erinnert – stand der Mann vor Gericht, John Wayne Bobbitt. Er wurde damals aus Mangel an Beweisen von dem Vorwurf freigesprochen, seine Ehefrau wiederholt sexuell genötigt zu haben. Jetzt steht sie selbst, Loreno Bobbitt, vor Gericht. Ihr wird zur Last gelegt, in der Nacht des 23. Juni vergangenen Jahres zuerst ihren Mann kastriert, sich dann ins Auto gesetzt und dessen Gemächt Meilen von zu Hause entfernt im Fahren aus dem Fenster geworfen zu haben.

»The world is really wild at heart and weird on top, Lula thought. Anyway, Sailor was out now and he was still the best kisser she'd ever known«. (Barry Gifford, Wild at Heart, 1990).

Ganz Amerika ist Zeuge des Bobbitt-Prozesses. Über CourtTV ist er landesweit direkt zu empfangen, Radio, Zeitungen und andere Nachrichtenagenturen berichten fortlaufend über den Stand des Verfahrens. Die Einzelheiten, die dabei ruchbar werden, sind in der Tat merkwürdig, und das im doppelten Sinne des Wortes. Sie schreien geradezu danach, als Elemente eines Ehedramas verwendet zu werden, in dem es um Sex und Gewalt und Amerika am Ausgang des 20. Jahrhunderts geht. Wie immer das Urteil im Prozeß auch ausfallen mag. Sie, Loreno (24), ausgesprochen attraktiv, aus Ecuador stammend und von Beruf Pediküre, er, John (26), ein starker Bursche, Ledernacken von Beruf und für jeden Spaß zu haben –, ein Traumpaar, das Wunschbild eines neuen, vorurteilsfreien Amerika. Das Drama müßte in einer einzigen Nacht spielen, konzentriert wie bei einer klassischen Tragödie. Da ist das Begehren und der Widerstand, die Nötigung und die Eifersucht, Erinnerungen an die erste Begegnung und das Zersplittern aller Illusionen in der Langeweile und im Furor einer geschlechtlich ausartenden Ehe. Im Zentrum des Geschehens Loreno, weniger eine moderne Penthiselea als die aus Naivität in tiefstes Unglück geratene Friseuse, die Frau von nebenan gleichsam: »I was in love with him. To me he represented everything. That was the beginning of starting my family here in the United States. ... It was like the beginning of my dream«. Schauplatz der Auseinandersetzung müßte das Wohnzimmer der beiden sein, Anlaß des Streits eine x-beliebige Kleinigkeit, eine schmutzige Kaffeetasse etwa, der Streit selbst ließe sich über die in der Ehe von Beginn an schwelenden race-, class- and gender-Konflikte orchestrieren und zuspitzen, bis es auf dem Höhepunkt des Dramas zu dem kommt, was kommen mußte, zum Akt der Kastration, ein verzweifelt hysterischer, wie im Wahn unternommener Versuch, den Traum, der verloren ging, durch ein Blutopfer wiederherzustellen. Der Grund allen Übels muß ausgerottet, das Böse vernichtet werden, der Feind aus dem Haus. Damit aber wird Loreno, obgleich unschuldig, selbst zu einem Agent des Bösen. Sie unterliegt der nur zu geläufigen Illusion, Gewalt sei ein Gegenstand wie andere auch, etwas, das bekämpft und ausgeräumt werden kann. Aber die Gewalt ist kein Gegenstand, kein Objekt, demgegenüber das Subjekt in der Lage wäre, sich zu postieren, nichts, was bekämpft oder ausgeräumt werden kann, es sei denn man griffe zu dem, was man beseitigen möchte, zur Gewalt.

 

Kalifornisches Tagebuch

 

PS: Um den Fall überzeugend in Szene zu setzen, dazu tut vor allem eines not: die Unterdrückung oder Dämpfung all der Faktoren, die dazu führen könnten, daß der Wahn Lorenos in einem allzu menschlichen Licht erscheint. So darf sie etwa nicht aus Rache, Eifersucht und mit Berechnung handeln, wie sie es wahrscheinlich getan hat. Dadurch wäre der Kollision nicht nur die Drastik, sondern auch die tragische Dimension genommen. Sie müßte wie Medea agieren, als Spielball der Götter.

tado ink | 14.01.2012 | Stichijows Papiere
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