Deutscher Sonderweg

25. Oktober 1969

Ein goldener Oktober fürwahr, kalt zwar, um die 6 Grad, die Luft aber ist klar und heiter, die See liegt flach, umkost von den Strahlen der von Tag zu Tag flacher ihre Bahn ziehenden Sonne. Des Abends und am Morgen schleicht schwerer Nebel an Bord und steigt über den Ausguck hinaus bis in die Sterne, die verglimmen. Gut dass wir Amandus von N. haben; es gibt keinen besseren Steuermann als den Deutschen. Unter Deck, hörte ich, erzähle man sich des Abends bereits wieder Schaudergeschichten; die vom Fliegenden Holländer und seiner Senta sei nichts dagegen, ein Ammenmärchen, kaum mehr.

Keine Zeit mich um Bagatellen wie diese zu kümmern. Habe gestern Abend über den deutschen Sonderweg nachdenken müssen. Eine Folge des Beuys-Blogs, den Séchard eingestellt hat. Womöglich. Von den Historikern im Lande, las ich, sei das Thema inzwischen ad acta gelegt worden. Mir scheint, mit Blick auf das, was Beuys so trieb und in den Köpfen seiner Bewunderer bewegt und angerichtet hat, kann keine Rede davon sein, die Sonderwegs-Debatte bereits als erledigt zu betrachten. In den Künsten und der Literatur wenigstens kommt man schwerlich ohne einen Rekurs auf sie aus. Wie sonst auch wäre es zu erklären, dass es stets noch der Modus des die »Sau-raus-Lassens« ist, über den Kunst und Literatur in Deutschland das streifen, was früher Genialität hieß. Beuys liefert dafür nur ein Exempel. Ungebärdet, radikal, wild, als ob man sich weigerte, mit beiden Beinen aus dem Walde zu treten. Mit ungedämpft expressiver Gestik, spontan bis ins Mark, drastisch im Ausdruck. Die Farben grell und kräftig oder aber schmutzig und grau, das Denken a-methodisch, anarchisch. Kritik und Chiliastik in einem.

Deutscher Sonderweg

Joseph Beuys: Aktion Dillinger | Chicago, 14. Januar 1974

Man komme mir nicht mit Thomas Mann. Auf bürgerlich kultivierte Manier begegnet bei ihm dasselbe Muster wie bei Beuys, Goetz oder Schlingensief: der ungezügelte Exzess als Obsession. Man lese daraufhin noch einmal den den Doktor Faustus. Erstaunlich an dem von Beuys 1969 installierten Rudel immerhin die ihm retrospektiv zugewachsene prophetische Dimension. Es scheint, als ob in der Horde der dem Volkswagen entfliehenden, nur mit dem Elementarsten ausgerüsteten Schlitten sich bereits jene Flucht-, man kann natürlich auch sagen Alternativbewegung abzeichnet, von der die deutsche Mentalität über die engeren Zirkel der Grünen hinaus bis heute beherrscht wird: Zur Not pfeifen wir auf alle Errungenschaften der westlichen Zivilisation, es geht auch ohne, einfach und anders. So der Tenor. Es steht zu befürchten, dass die Deutschen mit diesem ihrem Credo am Ende noch die ganze Welt becircen. Sustainability gehört als Wort immerhin bereits zu den Richtlinien insgeheim lancierter Expeditionen wie der unseren. Wie weit wir mit dem Nachhaltigkeit kommen, wird sich zeigen.

tado ink | 26.10.2010 | Logbuch
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