Keine besonderen Vorkommnisse

19. November 1995

An Bord geht alles wie gehabt seinen Gang. Wir dümpeln auf dem Mid Atlantic Ridge so vor uns hin und wieder zurück. Das Murren und Grummeln innerhalb der Mannschaft hält sich in Grenzen, die Jungens verrichten, wie es sich gehört, ihren Dienst, halbwegs zuverlässig und präzise; des Abends gibt es eine Sonderration Rum und Spielfilme nach Wunsch und Laune. Der Einsatz des Offiziersstabes ist bemerkenswert und kann gar nicht hoch genug taxiert werden, insbesondere der von Cyborg 7.7, der beim Aufspüren und Entziffern der bizarren Signale, die uns seit geraumer Zeit erreichen, ein ums andere mal seinen Scharfsinn und sein Wissen unter Beweis stellt. – Ansonsten keine nennenswerten Vorkommnisse –, abgesehen vielleicht von einem Besuch, den ich gestern spät in der Nacht noch erhielt.

Unangemeldet stand plötzlich Florence in der Kabinentür, der Chefingenieur. Hi. Darf ich? Ich hatte ihr Klopfen oder Schellen wohl überhört, vertieft in Studien, die zu treiben mich die Expedition der Mortobello zwingt. Sie sah atemberaubend aus, umwerfend geradezu, wie sie mit einem Fuß über die Schwelle trat und sich zerstreut mit gespreizten Fingern den Pony aus den Augen wischte. Gewiss, gewiss, nimm doch Platz, stammelte ich blöde, umständlich bemüht, einen der Sessel von den Büchern zu befreien, die auf ihm zerstreut herumlagen. Du musst entschuldigen, aber... Macht nichts, keine Umstände, flüsterte sie, während eine ihrer Schulter mich im Vorübergehen streifte. Ich mache Dir Angst, nicht wahr, heute Abend? Sie hatte ihre Galauniform angelegt, einen oben eng geschnittenen, bis auf die Knöchel fallenden und sich nach vorne hin, unterhalb der Taille, einem Vorhang gleich öffnenden Mantel, den sie sich aus elfenbeinfarbenen Ziegenleder in Paris hatte fertigen lassen. Dazu trug sie rosa glitzernde, bis auf den Hacken eher rund als spitz modellierte Pumps. Stil Marie Antoinette. Als sie sich umdrehte, um auf dem Sessel Platz zu nehmen, fiel mir eine Applikation ins Auge. Auf dem Rücken ihres Mantels hatte sich Florence eine Doppelreihe schwarz abgesetzter Schlaufen setzen lassen, durch die sich ein Schnürband schlängelte, das unten hübsch verknotet war, wie bei einem Korsett. Mit einem schwach gehauchten Seufzer ließ sie sich gelöst auf den Sessel fallen. Ich mache mir auch Angst, flüsterte sie, und ich habe Angst, Angst um Dich, um das Schiff, das Unternehmen überhaupt. Es läuft alles viel zu glatt, findest Du nicht auch? Dabei schaute sie mich aus ihren dunkel umränderten, nachtblau abgesetzten Augen an, als ob sie gerade aus tiefem Schlaf erwacht wäre. Auf ihrem schwarzen Haar spiegelte sich das Deckenlicht der Kabine.

 

Keine besonderen Vorkommnisse

 

Ich schlafe schon seit etlichen Wochen nicht mehr. Träume, ja, kurz und heftig, die mich heimsuchen, aber an Schlaf ist nicht zu denken. Ein Fluch. Dabei schnurren die Maschinen wie Kätzchen. Nicht der geringste Störfall, und das seit Wochen. Tag für Tag überprüfe ich den Druck in den Kesseln, die Ventile, den Stromkreislauf, die Takelage, was weiß ich. Nichts. Und doch kann ich nicht schlafen. Ich finde keine Ruh, Träume nur, die mich überfallen, gerade wenn ich meine, in tiefen Schlaf zu fallen. Immer wieder der gleiche, in unzähligen Varianten. Eingesperrt in einer engen Zelle aus Metall, an dessen Wände sich Kondenswasser niederschlägt, das auf den Boden rinnt, leise, ganz leise. Eine Pritsche nur, ein paar Bilder, deren Konturen ich kaum erkennen kann, wenig mehr. Kein Gas im Ofen, aber brütend heiß, dann und wann höre ich von Ferne ein dumpfes Klopfen, als ob jemand mit einem Hammer auf ein Rohr drischt. Ich schrecke jedesmal auf, wenn die Schläge einsetzen, ich möchte schreien, kann aber nicht. Mein Leib windet sich, als ob er einen elektrischen Schlag erhielte, er zuckt, die Augen drehen sich für Sekunden nach innen. Disturbia. Und schon finde ich mich hellwach, aufgeschreckt in der Koje meiner Kabine wieder, der Körper schweißüberströmt. Wie ein Dieb in der Nacht, ruft es vom Traum her, der gekommen ist, Dich zu holen, so krieche ich in Dir empor und verzehre Dich, eine Störung im Kopf, die Dich kontrolliert, viel zu nah, um Dir auch nur das geringste Behagen zu bereiten. Ich fahre hoch, knipse das Licht an. Panik. Aber alles in der Kabine ist, wie es war, als ich mich schlafen legte. Nicht die geringste Veränderung, keine Störung. Das bereitet mir Angst, weißt Du, fürchterliche Angst.

Und während Florence mir mit Entsetzen im Auge von ihren Albträumen erzählte, hatte ich größte Mühe, meinen Blick von ihrer Scham zu lassen, die unter dem Saum ihres Mantels spielte, verschnürt in einem golden schimmernden Mieder, indem sie sich im verhetzten Rhythmus der Worte von Florence wölbte und senkte. ... Wann genau der Chefingenieur die Kabine verließ, habe ich übrigens versäumt zu notieren –, es schien, als ob es am Horizont draußen bereits graute.

tado ink | 18.11.2010 | Logbuch
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