Krise, welche Krise?

Flaschenpost (aus dem 19. Jahrhundert)

Lassen wir uns nicht täuschen. Bei dem, was sich auf den Finanzmärkten abspielt, blickt keiner so recht durch. Am wenigsten die, die am lautesten schreien. Hat man von diesen und anderen Experten je eine vernünftige Antwort auf die Frage erhalten, wo all das Geld geblieben ist, das gestern noch da war? Warum sind all die Spareinlagen, Aktien, Fonds, Immobilien und Firmenwerten, die es verteilt auf dem Globus gibt, plötzlich nurmehr die Hälfte wert, wenn überhaupt? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Aber ja doch. Man lese nur, was Honoré de Balzac über die Vorteile und das verbrecherische Treiben der Finanzmagnaten zu sagen wußte. Ein Bericht, der gerade eben formuliert sein könnte.

Wenn die reichen Leute nach der Art des Barons Nucingen auch mehr Gelegenheiten, Geld zu verlieren, haben als andere Menschen, so haben sie doch auch wieder mehr Gelegenheiten, welches zu verdienen, selbst wenn sie ihren Neigungen die Zügel schiessen lassen. Obwohl die Finanzpolitik des berühmten Hauses Nucingen anderswo erläutert ist, mag es doch auch hier nicht unnötig sein, zu bemerken, daß so beträchtliche Vermögen in all den kommerziellen, politischen und industriellen Revolutionen unseres Zeitalters nicht erworben, gesichert, vergrößert und bewahrt werden können, ohne daß anderswo riesenhafte Kapitalverluste vor sich gehen oder, wenn man das so sagen will, den Vermögen vieler Einzelner Abgaben auferlegt werden. Es kommen sehr wenig neue Werte zum Gesamtvermögen der Erde dazu: jedes neuerworbene Vermögen bringt eine neue Ungleichheit in der allgemeinen Besitzverteilung mit sich. Was der Staat einhebt, gibt er zurück, aber was ein Haus Nucingen an sich zieht, das behält es. An diese großen Verbrechen reichen die Gesetze aus dem Grunde nicht heran, aus dem Friedrich der Große ein Jacques Collin oder ein Mandrin geworden wäre, wenn er statt in Schlachten um Länder zu kämpfen, ein Schmuggler gewesen oder in Wertpapieren spekuliert hätte. Die europäischen Staaten zu zwingen, daß sie Anleihen zu zehn oder zwanzig Prozent aufnehmen, diese zehn oder zwanzig Prozent durch die Gelder der Bevölkerung hereinzubringen, sich der Rohstoffe zu bemächtigen und dadurch im Großen Erpressungen an den Industrien auszuüben, dem Gründer eines Geschäftes einen Strick hinzuwerfen und ihn gerade so lange über Wasser zu halten, bis man sein schon ersticktes Unternehmen an sich gerissen hat, kurz, alle diese gewonnenen Geldschlachten machen zusammen die hohe Politik des Geldes aus. Selbstverständlich muß der Bankier ebenso wie der Eroberer manches wagen: aber es gibt sehr wenige Männer, die imstande sind, derartige Schlachten zu liefern, und die kleinen Leute haben dabei nichts zu suchen, denn diese großen Dinge machen die Großen untereinander ab. Da nun zudem diejenigen, die von der Börse ausgeschlossen werden, sich des Fehlers schuldig gemacht haben, daß sie zu viel verdienen wollten, wird im allgemeinen von dem Unglücke, das Leute der Art Nucingens durch ihre Geschäftspraktiken verschuldet haben, wenig Aufhebens gemacht. Mag ein Spekulant sich erschießen, ein Bankier Bankrott machen, ein Wechselagent durchbrennen, ein Notar (was schlimmer ist als ein Mord an einem Menschen!) die Vermögen von hundert Familien veruntreuen: all das sind Katastrophen, die in Paris in wenigen Monaten vergessen und von dem Wogengange dieser großen Stadt verschlungen werden. Früher einmal konnten ungeheure Vermögen wie die der Jacques Coeur, der Medici, eines Ango von Dieppe, der Aufreddi von La Rochelle, der Fugger, der Tiepolo, der Corner auf ganz gesetzliche Weise durch Privilegien erworben werden, die in Unkenntnis über die Herkunft aller kostbaren Erzeugnisse erteilt worden sind. Heutzutage aber sind die geographischen Kenntnisse bereits so tief in das Volk gedrungen, und andererseits hat der freie Wettbewerb die Gewinnmöglichkeiten so sehr eingeschränkt, daß Vermögen nur noch durch Zufälle oder durch eine Entdeckung rasch erworben werden können – sonst rühren sie immer von einem gesetzlich geschützten Diebstahl her. (Glanz und Elend der Kurtisanen, in: Honoré de Balzac, Werke II, Stuttgart o.J., S. 212ff.)

Krise, welche Krise?
tado ink | 03.01.2010 | Frontberichte
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