Lord Byron in Albanien

Aus »Childe Harolds Pilgerfahrt«

Der Morgen graut, Albaniens Felsenzinnen,
Das Horn des Pindus, Sulis Klippenbau,
In Dunst gehüllt, betaut von Gletscherrinnen,
Gestreift mit Purpur und mit dunklem Blau,
Tauchen empor. Nun birst der Wolken Grau,
Die Dörfer im Gebirg' erscheinen klar;
Hier streift der Wolf, der Adler wetzt die Klau,
Hier hausen Männer, wild wie Wolf und Aar,
Und Sturmgewölk umzuckt das bald entschwundne Jahr.

 

 

xliii

Jetzt endlich fühlte Harold sich allein,
Christlichen Zungen fern, doch ohne Reu;
In unbekanntes Land zog er nun ein,
Das mancher preist und meidet doch voll Scheu.
Sein Herz war schicksalsfest, genügsam, treu;
Kampf sucht' er nicht, doch er bestand ihn kühn.
Wild war die Szene, aber sie war neu;
Das machte süß des Wegs endlose Mühn,
Harmlos des Winters Frost, willkommen Sommers Glühn.

 

Lord Byron in Albanien

Kneeb Wenedikt Kommandor: Kisha e Marmiroit | 2018

 

xliv

Das blut'ge Kreuz, denn noch ist das Kreuz hier,
Wenngleich von den Beschnittenen arg entweiht,
Entblößt von priesterlicher Machtbegier;
In gleicher Schmach lebt Mönch und Geistlichkeit.
Fluchwürd'ger Aberglaub, in jedem Kleid,
Was für Symbole man dir auch gesellt,
Kreuz, Halbmond, Jungfrau, Götze, alle Zeit
Gewinn der Priester und Verlust der Welt,
Wie hat dein taubes Erz der Andacht Gold entstellt!

 

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»Lord Byron in Albanien« beruht auf Auszügen aus Byrons »Childe Harolds Pilgerfahrt« (1812ff.) in der von Siegfried Schmitz redigierten Übersetzung Otto Gildemeisters. Genauer handelt es sich um die Strophen xlii - lxxi des 2. Gesangs, die Pop ’em up in Fortsetzungen bringen wird. Der Text folgt der von Schmitz besorgten Fassung: George Gordon Lord Byron: Sämtliche Werke. Band I: Childe Harolds Pilgerfahrt und andere Verserzählungen, München 1977, S. 54-63. Ich habe mir erlaubt, im Rückgriff auf das englische Original die eine oder andere Kleinigkeit, wo es mir ratsam schien, zu ändern. W.L.

 

 

tado ink | 10.05.2018 | Kunstkammer
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