Lord Byron in Albanien

Aus Childe Harolds Pilgerfahrt (ii)

Von Zitzas schattenreichem Klosterbau,
Im Tale drunten, über uns, feldein,
Welch reicher Zauber zeigt sich unsrer Schau!
O Regenbogenpracht! o Sonnenschein!
Fels, Fluß, Gebirg und Wälder im Verein,
Vom reinsten Blau harmonisch überspannt!
Des Gießbachs fernes Rauschen tönt darein,
Wo schäumend zwischen schroffer Klippenwand
Der Katarakt die Seel in Wonn und Grausen bannt.

 

xlix

Auf busch'gem Hügel, aus dem Hain hervor
(Der wohl erhaben schien' an seiner Stelle,
Wenn rings nicht hoch und höher noch empor
Die Berge türmten ihre Riesenwälle),
Blinkt weiß ins Land die klösterliche Zelle
Des Kaloyer: getrost begrüßet ihn;
Er labt den Wandrer gern an seiner Schwelle,
Und auch der Wandrer wird nicht mürrisch fliehn,
Wenn Reize der Natur ihm je Genuß verliehn.

 

l

Hier mag er rasten in des Sommers Schwüle;
Frisch ist das Grün in diesem alten Hain;
Hier fächelt ihn der Fittich sanfter Kühle,
Vom Himmel selbst saugt es den Atem ein.
Weit unten liegt die Ebne – voll und rein
Genießt solang ihr könnt! Zu diesen Bäumen
Dringt nie der seuchenschwangre Mittagsschein;
Hier mag ins Gras gestreckt der Pilger säumen
Und Tag und Abendzeit in süßem Schaun verträumen.

 

li

Dämmrig und hoch und schwellend, der Natur
Vulkanischer Amphitheaterbau,
Umschließt Chimäras Alpenzug die Flur.
Dort unten ist's, als lebten Tal und Au
Von Herden, Wald und Strom; darüber grau
Bergtannen nicken. Schwarz hinflutend, sieh,
Der Acheron im grabgeweihten Gau!
Pluto! ist deine Hölle so wie die
Dann schließ Elysiums Tor – mein Schatten sucht es nie.

 

Lord Byron in Albanien

Kneeb Wenedikt Kommandor: Friedhof, Rradhimë | 2018

 

lii

Nicht Stadt und Turm entstellt den schönen Raum;
Jannina, wenn auch nahe, liegt verdeckt
Vom Wall der Hügel; Menschen siehst du kaum,
Nur selten Hütt und Dorf, im Busch versteckt;
Die Berggeiß aber graset hochgereckt
Am Abgrund; über seiner Herde liegt,
In weißer Kapotte schläfrig ausgestreckt;
Der Hirtenbube, oder kauernd schmiegt
Er in die Kluft sich, bis der Sturm vorüberfliegt.

 

liii

Wo ist Dodonas alter Eichenwald,
Der Seherquell und des Orakels Hain?
Wo hat im Tale Jovis Wort gehallt?
Wo blieb vom Sitz des Donnrers Spur und Stein?
Dahin ist alles! Mensch, und dir macht's Pein,
Daß deines Dasein lockres Band sich löst?
Schweig, Tor! ist nicht das Los der Götter dein?
Marmor und Eiche bricht, und du entkämst
Dem Streich, der Sprachen, Völker, Welten niederreißt?

 

 

tado ink | 09.06.2018 | Kunstkammer
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