Lord Byron in Albanien

Aus Childe Harolds Pilgerfahrt (iii)

Die Berge schwinden an Epirus Grenze;
Das Auge ruht von des Emporschauns Mühn
Im sanftesten Gefilde, das die Lenze
Mit Rasenschmelz geziert. Schönheiten blühn
Auch in der Ebne, wenn sich breit und kühn
Ein Strom durch weitgedehnte Flächen schmiegt,
Und hoch vom Ufer nickt das Waldesgrün,
Des Schatten sich im klaren Wasser wiegt
Und mit dem Mondenstrahl in nächt'gem Schlummer liegt.

 

lv

Hinter dem ungeheuren Tomerit
Versinkt die Sonne, Nacht beginnt zu grauen;
Der Laos tobt und schäumt durch sein Gebiet.
Nun folgt ins Tal der Pilger seinem rauhen
Bergpfad und sieht, wie Meteor' im Blauen,
Die weißen Minaretts in Tepalen,
Des Mauern in den Strom herniederschauen;
Ein Schall von Waffen tönt von den Moscheen,
Wann seufzend durch das Tal die Abendlüfte wehn.

 

lvi

Am stillen Turm des heil'gen Harems zieht er
Vorbei zum weitgewölbten Tor hinan;
Und nun den Sitz des mächt'gen Herrschers sieht er;
Und alles kündigt Stolz und Hoheit an.
In nicht gemeinem Pomp thront der Tyrann,
Indes Eunuchen, Sklaven, Krieger, Gäste
Der lärmdurchhallte Hof kaum fassen kann –
Palast im Innern, draußen Burg und Veste,
Die Volk aus jeder Zon in ihren Kriegsdienst preßte.

 

lvii

Stolz aufgezäumt, mit Waffen reich geziert,
Stehn Pferde, kriegsgerät und Feuerrohr
Im weiten Hof, und drüberhin stolziert
Fremdart'ges Volk im offenen Korridor.
Und manchmal durch des Vorhofs hallend Tor
Spornt ein hochmütziger Tatar sein Roß,
Und Türke, Grieche, Albanes, Mohr
Vermischen sich zu farbenbuntem Troß,
Wenn dumpf die Trommel mahnt, daß sich der Tag beschloß.

 

Lord Byron in Albanien

Svetislav Ivanowitch: Albanischer Krieger | 19. Jhdt.

 

lviii

Der wilde Albanes' im langen Hemd,
Den Schal ums Haupt, mit goldgesticktem Kleide,
Die reichverzierte Flint aufs Knie gestemmt;
Mazedons Volk mit Schärpen roter Seide;
Der Deli mit der der Schreckensmütz und Schneide
Gekrümmten Stahls; der Grieche, schlau und fein,
Und Nubiens entmannter schwarzer Heide;
Der bärt'ge Türke, Herrscher er allein,
Zu stolz, um sehr beredt, zu stark, um sanft zu sein,

 

lix

Sind hier vermischt. In Gruppen kauern viele
Und schauen der Szenen bunten Wechsel an;
Die einen rauchen, andre sind beim Spiele;
Andächtig kniet ein ernster Muselman;
Hier schreitet ein Albanier stolz heran;
Der Grieche plaudert, aber flüsternd bloß;
Und feierlich vom Minarette dann
Des Muezzins Nachtgesang wie Windesstoß:
»Es ist kein Gott als Gott! – Zur Andacht! – Gott ist groß!«

 

 

[Fortsetzung folgt hier]

tado ink | 19.06.2018 | Kunstkammer
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