Lord Byron in Albanien

Aus Childe Harolds Pilgerfahrt (iv)

Die Zeit war eben, da der Ramadan
Dem langen Tag Kasteiung streng gebeut;
Erst wenn die dunklen Stunden zögernd nahn,
Der Kreis der Lust und Freuden sich erneut;
Dann regt sich alles emsig und erfreut;
Die Diener rüsten schon den reichen Schmaus;
Die leere Galerie scheint zwecklos heut,
Doch aus den Kammern schallt das Festgebraus,
Wenn Sklav und Page dort hineineilt und heraus.

 

lxi

Hier wird der Frauen Stimme nie gehört;
Nur selten zeigt sie sich mit Wach und Schleier;
Sie gibt ihr Herz dem Mann, dem sie gehört;
Gezähmt im Käfig, wünscht sie kaum sich freier.
Zufrieden mit dem einen Herrn und Freier
Und süßer Mutterpflicht sich froh bewußt
(O heil'ge Pflicht! o höchste Herzensfeier!),
Nährt sie ihr Kind an ihrer eignen Brust,
Und nie verläßt sie es, verlockt von niedrer Lust.

 

lxii

Im marmornen Gemach, in dessen Nische
Ein Sprudel von lebend'gem Wasser quillt
Und alles überhaucht mit holder Frische,
Wo weiches Polster, Ruhe atmend, schwillt;
Sitzt Ali, Mann des Krieges, grausam und wild;
Doch weder Blick noch Mienenspiel verrät
(Wenn Sanftmut dies ehrwürd'ge Greisenbild
Anstrahlt mit ihrer milden Majestät)
Den Grimm, der drinnen kocht und ihn mit Schmach belädt.

 

Lord Byron in Albanien

 

lxiii

Nicht, daß der lange weiße Bart sich schlecht
Mit Jugendlüsten reimt; denn Liebesglut
(Wie Hafis singt, und singt mit vollem Recht)
Besiegt das Alter auch – nein, Frevelmut,
Der taub ist für das sanfte Wort der Ruth,
Der Jung' und Alte schändet – dieser hat
Ihn mit des Tigers Zahn gebrandmarkt.
Blut Zeugt wieder Blut: der ersten roten Saat
Folgt schlimmre Blutschuld nach, gleichviel wie kurz der Pfad.

 

lxiv

Hier, unter neuen Tönen, neuem Glanz
Gönnt Harold seinen müden Füßen Rast
Und schaut die Üppigkeit des Morgenlands,
Bis ihm zum Ekel wurde der Palast,
Wo satte Hoheit einsam prunkt und praßt,
Wo nie der Staub und Lärm der Stadt erschien.
Ein schlichtes Obdach hätt er nicht gehaßt,
Doch Friede pflegt des Schwelgers Kunst zu fliehn,
Und Lust, mit Pomp vermählt, entzaubert sich und ihn.

 

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tado ink | 27.06.2018 | Kunstkammer
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