Lord Byron in Albanien

Aus Childe Harolds Pilgerfahrten (v)

Rauh sind Albaniens Söhne, dennoch schmücken
Auch Tugenden dies wilde Berggeschlecht.
Wo sahn die Feinde jemals ihren Rücken?
Wer trägt die Last des Kriegs so ungeschwächt?
Fest wie die Berge stehn sie im Gefecht
Und in der ungewissen Zeit der Not:
Ihr Zorn ist tödlich, ihre Freundschaft echt;
Treibt Ehr und Dankbarkeit sie in den Tod,
Stürzen sie blind zum Kampf auf ihres Herrn Gebot.

 

lxvi

So sah sie Harold in des Herrschers Turm,
Zum Krieg sich drängend, in Triumph und Pracht;
Er sah sie später, als, ereilt vom Sturm,
Er selbst in Not war und in ihrer Macht,
In dunkler Stund, die Schlechte frecher macht.
Sie aber schützten ihn an ihrem Herd,
Wo minder Wild' ihn minder zart bewacht
Und Briten hätten ihm ihr Haus verwehrt:
Wo man die Herzen prüft, kaum einer sich bewährt!

 

lxvii

Es fügte sich, daß heft'ger Wind sein Schiff,
Als alles öd und finster war umher,
Hintrieb auf Sulis wildes Küstenriff;
Das Land war drohend und die See noch mehr.
Doch zögerten die Schiffer auf dem Meer
Zu landen, wo Verräter mochten dräun;
Sie wagten's endlich, aber sorgten sehr,
Daß dort das Volk, das Türk und Franke scheun,
Sein altes Mordhandwerk noch einmal werd erneun.

 

lxviii

Nein! grüßend reicht der Suliot die Hand,
Gibt ihnen über Riff und Sumpf Geleit,
Weit herzlicher als Höfling und Trabant,
Und schürt den Herd und wärmt ihr feuchtes Kleid
Und füllt den Krug und hält das Mahl bereit,
So gut er's hat und steckt die Lampe an.
Das trägt den Stempel seltner Menschlichkeit!
Wer Müde laben, Arme trösten kann,
Belehrt den Glücklichen, beschämt den schlechten Mann.

 

Lord Byron in Albanien

Kneeb Wenedikt Kommandor: Ehrenmal, kommunistisch | 2018

 

lxix

Es traf sich, als er diesem Felsenlande
Am Ende seinen Abschiedsgruß entbot,
Da war von einer räuberischen Bande
Weithin der Weg mit Schwert und Brand bedroht;
Ihm aber folgt' ein treues Aufgebot
Durch Akarnaniens waldbedeckten Raum,
Im Krieg gestählt, gehärtet von der Not,
Bis er des Acheloos weißen Schaum
Begrüßt' und dämmern sah Ätoliens wald'gen Saum.

 

lxx

Wo in Uträkis abgeschiedner Bucht
Schimmernde Flut der trägen Ruhe pflegt,
Wie braun das Laub der grünen Hügelschlucht
Nachts überm Schoß der Wasser still sich regt,
Wenn flüsternd es der leise West bewegt
Und küßt die blaue Tiefe sanft und sacht!
Hier ward er als willkommner Gast gehegt,
Und fühllos nicht ließ ihn die milde Pracht;
Denn Freuden pflückt' er noch vom holden Reiz der Nacht.

 

lxxi

Die Feuer loderten auf glattem Kies;
Rot floß der Wein, der Abendschmaus war gar;
Wer plötzlich jetzt auf diese Gruppe stieß,
Stand wohl verdutzt vor so seltsamer Schar;
Denn eh die tiefste Nacht vorüber war,
Fing sein Gefolg den Tanz der Heimat an;
Weg warf den Säbel jeder Palikar,
Und Hand in Hand sich schwingend, Mann an Mann,
Heulte sein wildes Lied der Albanesen-Clan.

 

[und hier der Schluß]

 

 

tado ink | 05.07.2018 | Kunstkammer
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