Nach Ostern ist vor Ostern

1. Mai 2014

Wir kreisen und kreisen und kreisen. Wie gehabt, am Flämischen Kap. Die Lage: 44 Grad 10' nördlicher Breite, 66 Grad 2' westlicher Länge. In etwa. Florence & the Machine hat mir versichert, die Energie- und Nahrungsvorräte an Bord reichten noch gut sieben Jahre. Es gäbe keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Außerdem wüsste ich ja, Cyborg 7.7 stünde kurz davor, das Problem zu lösen, an dem sich Wissenschaftler und Künstler über Jahrtausende die Zähne ausgebissen haben, das vom Perpetuum mobile. Und wenn das erst gelöst sei, nun ja ...

Mit andern Worten: alles läuft prima hier draussen. Das Wetter ist herrlich, ein Hauch von Frühling liegt in der Luft, die See ist still. Die Mannschaft scheint bester Dinge. Es wird gescherzt und gelacht, während man die Planken schrubbt. Erzählt Hawkins. Nicht anders sieht es beim Offizierskorps aus, es verrichtet seine Aufgaben mit höchster Akkuratesse und Präzision. Bisweilen beschleicht mich das Gefühl, überflüssig zu sein an Bord.

Gut so. Ich habe jede Menge Zeit, die Feder zu spitzen und am »Toteiskessel Deutschland« zu arbeiten. Wären da nicht, ja, wären da nicht die Nachrichten, die von zu Hause reinkommen. Sie treiben einem die Schamröte ins Gesicht. Warum eigentlich? frage ich mich. Sind wir nicht seit der Sezession allesamt staatenlos? Was geht es uns auf der Mortobello an, was in Europa abgeht? wen kümmert’s, wer sich dort eine blutige Nase holt oder blamiert? Allein die Herkunft wird man so leicht nicht los, es bleibt immer was zurück vom Stamm, dem man entsprossen ist. Dabei ist die Situation auf dem Kontinent zum Schießen, es ist peinlich, zugleich aber auch äußerst komisch. Nach allem, was man hört und liest.

 

Nach Ostern ist vor Ostern

Kneeb Wenedikt Kommandor: Ohne Titel | 2009

 

Ich danke Gott jeden Tag für den Entschluß, alle Bande zur Heimat gekappt zu haben. Es lebe die Freibeuterei. Lieber ein Biest auf hoher See als daheim ein Sklave von Lord Bellamonts Gnaden. Mit Leuten, wie sie jetzt an der Macht sind, ist eh kein Staat zu machen. So viel steht fest. Das reicht bestenfalls zur Komödie. Null Prinzipien, keine Tugenden, Werte, wenn's hoch kommt –, Werte aber, sag ich doch, Werte werden an der Börse gehandelt. Und so ist es denn auch: Was zählt, ist der Aktienindex und das Spiel um's Große Geld, das Zanken und Ringen um die Frage, wer am meisten vom global fluktuierenden Kapital in die Tasche steckt. Monopoly. Eine Balzacsche Komödie.

Da schwingt ein KGB-Offizier a.D. und Möchtegern-Stalin über den Weiten des Ostens die Kosakenpeitsche und die Herrschaften im Westen, wenn sie nicht gleich wie Altkanzler Schröder mit ihnen schmusen, kuschen. Können wir nicht doch verhandeln? Lieber Zarewitsch, lieber Putin, sei doch so lieb, bitte, bitte. Wir versprechen Dir auch, Schläge wird es keine geben. Das Merkel oder »Mutti«, wie sie der Volksmund nennt, vorweg, als ob es etwas anderes als plumper Populismus wäre, unter dem Beifall der Parlamentarier zu erklären, Krieg werde es auf keinen Fall geben. Wie bescheuert ist das denn, freiwillig auf das letzte, am Ende jedoch entscheidende Mittel großer Politik zu verzichten? Besteht Politik nicht gerade darin, alle Optionen offen zu halten, sie ins Kalkül zu ziehen und sich mit Blick auf das, was kommt, jeden erdenklichen Schritt vorzubehalten? Wie heißt es noch gleich bei Marx: »Dem alten asiatischen System der betrügerischen kleinen Tricks getreu, spielt Russland mit der Leichtgläubigkeit der westlichen Welt... Auf die Feigheit und Furcht der Westmächte zählend, schüchtert es Europa ein und treibt seine Forderungen so weit wie möglich, um später großmütig zu erscheinen, wenn es nur das bekommt, was es unbedingt will ... Der russische Bär ist zu allem fähig, wenn er weiß, dass die anderen Tiere zu nichts fähig sind.« Und weiter: »So sicher, wie eine Eroberung die andere, eine Annexion die anderen nach sich zieht, ebenso sicher wird es kommen, dass die natürliche Grenze Russlands von Danzig … bis nach Triest verläuft.« Und so kam es denn ja auch, so war es lange und so wird es vielleicht bald wieder sein.

Anders als Karl Marx, der politisch zu denken verstand, haben die Herrschaften, die bei uns an der Macht sind, wie es scheint, nicht den geringsten Begriff davon, was es heißt, Politik im großen Stil zu treiben. Sanktionen. Sanktionen. Europa verhängt Sanktionen. Und wen trifft es? Einige unbedeutende Kommunalpolitiker und Leute aus der vorletzten Reihe. Zum Schießen, wie gesagt, wenn es nicht so peinlich wäre. Aber was erwartet man auch. Als Präsident ein verkrachter Pastor, der statt Gott die Freiheit predigt, und darunter zuerst und vor allem das Recht auf freie Liebe versteht; eine Sauberfrau, die es allen recht zu machen sucht, und FDJ-Mamsel als Regierungschefin; der Minister für auswärtige Angelegenheiten ein höherer Kanzleivorsteher (Spezialität: Aktenauswertung), der für Finanzen ein juristisch als unzuverlässig ausgewiesener Schwabe; und was das Ministerium für Verteidigung anlangt, nun ja, eine Tochter aus besserem Hause, die den Sessel auf der Hardthöhe oder im Bendlerblock mit einem Schminkhocker in den Studios öffentlich-rechtlicher Anstalten verwechselt. Es heißt, sie befände sich gerade auf Reisen – jenseits von Afrika –, erst Dschibutti, dann der Libanon. Mit dabei Reporterinnen von Brigitte, Laura, Petra und Bild der Frau. An den europäischen Grenzen brennt es, in der Ukraine herrscht der Ausnahmezustand, vier deutsche Offiziere befinden sich in Geiselhaft russischer Soldateska, und Madame von der Leyen hat nichts besseres zu tun, als sich für den nächsten Fototermin zu schminken. Es ist zum Schießen, wie gesagt: eine Balzacsche Komödie. Wir aber, wir bleiben auf Kurs. Round and round and round we go.

 

tado ink | 03.05.2014 | Logbuch
comments powered by Disqus