Nachdenken über Christa W.

Stichwort Widerstand

Man stelle sich vor: auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED, wir zählen das Jahr 4 nach dem Mauerbau, wagte es Christa W., damals gerade mal 36 Jahre alt, freie Schriftstellerin und Kandidatin des ZK, doch tatsächlich, sich zu Worte zu melden.

Im Saal habe, so die Schriftstellerin Jahrzehnte später gegenüber ihrer Enkelin Jana Simon, eine aufgeheizte Stimmung geherrscht. Es war die erste große Kontroverse zwischen Honecker und Ulbricht. Eigentlich war es als ein Wirtschaftsplenum geplant. Es sollten Wirtschaftsreformen und ein neues ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft, kurz NÖSPL, eingeführt werden. Aber es gab Schwierigkeiten. Moskau zeigte sich über die jüngsten Entwicklungen in der DDR ungehalten, hinzu kamen gravierende Engpässe bei der Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern, in Leipzig hätten Jugendliche sich obendrein erdreistet, in aller Öffentlichkeit gegen das auf Initiative Honeckers verhängte »Beatverbot« zu protestieren. Da kam die Parteiführung auf die glorreiche Idee, auf die kamen sie stets in solchen Momenten, dass die Kultur an allen Problemen schuld sei. Im Fadenkreuz der Angriffe, so Christa W. weiter, habe die Kunst und insbesondere die Filmkunst gestanden. Aber auch die Literatur sei schwer ins Kreuzfeuer geraten. So habe der erste Sekretär der Bezirksleitung Leipzig, Peter Fröhlich (ein übler Typ), den Schriftstellerverband als Petöfi-Club gescholten, als eine Vereinigung mithin, die wie die ungarische gleichen Namens auf einen eigenständigen, von den Direktiven Moskaus unabhängigen Weg zum Sozialismus poche. Mir war klar, so Christa W., wenn das unwidersprochen bleibt, können wir einpacken. Dann ist der Schriftstellerverband erledigt, und die Autoren stehen alle als »Konterrevolutionäre« da. Also nahm Christa W. all ihren Mut zusammen, begab sich am nächsten Morgen zum Tagungsleiter und informierte diesen, sie werde sehr spät eine Wortmeldung abgeben, wahrscheinlich werde sie wohl gar nicht mehr drankommen. Aber Christa W. kam dran, und das schneller als erwartet.

Wäre ich gründlicher vorbereitet gewesen, wäre alles logischer und besser gewesen. Aber es hat doch gereicht, dass sich alle sehr aufregten ... Ich fing damit an, dass der Schriftstellerverband kein Petöfi-Club sei und dass man auf keinen Fall diesen Ausdruck stehen lassen könne. [...] Dann redete ich allgemein und verteidigte auch den Schriftsteller Werner Bräunig, der wegen seines Buches Rummelplatz über die Wismut AG heftig angegriffen wurde. Es gab viele Zwischenrufe, besonders von Margot Honecker. Die riefen: „Christa, hilf uns doch, anstatt gegen uns zu sein." Ulbricht sagte: „Lasst sie doch reden." Ich sagte, dass man als Schriftsteller das freie Verhältnis zum Stoff haben müsse. Das wurde ausgelegt, als fordere ich die bürgerliche Freiheit für die Kunst. Ich zitterte und musste auch aufpassen, dass sie mich nicht selbst als „Konterrevolutionärin" abstempelten. Dann saß ich wieder auf meinem Platz, vollkommen fertig.

Im Anschluss an die Wortmeldung, so Christa W. weiter, habe es eine Pause gegeben, nach der Pause aber sei das Plenum so richtig auf sie los gegangen. Man habe auf sie eingedroschen, was das Zeug hält, ihr bedeutet, wie abweichlerisch das alles sei, und dass die Partei jetzt etwas ganz anderes brauche als dieses freie Verhältnis des Schriftstellers zu seinem Stoff. Sie, Christa W., habe daraufhin den Saal verlassen, total aufgewühlt. Der Preis, den sie für ihr Engagement habe zahlen müssen, lässt sie ihre Enkelin wissen, sei nicht der geringste gewesen. Sie habe eine richtige Depression im klinischen Sinne bekommen und infolge dessen sechs Wochen in der Psychiatrie der Charité verbracht. Danach habe sie wieder mit dem begonnen, was ihr im Leben das Liebste sei, mit dem Schreiben.

 

Nachzulesen ist dies und anderes aus dem Leben der Christa W. in dem demnächst im Ullstein Verlag erscheinenden, von Jana Simon besorgten Buch: Sei dennoch unverzagt; zitiert wurde nach dem Vorabdruck eines Auszugs, der dieser Tage im ZEIT-MAGAZIN (Nr. 40 / 26. September 2013, S. 17-20) zu lesen war.

tado ink | 30.09.2013 | Frontberichte
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