’69

Ein paar Bemerkungen vorweg

Alle Welt redet von '68. Wir nicht. Pop 'em up peilt etwas anderes an: 1969, das Jahr danach. Nicht unbedingt ein »magisches« Datum wie sein Vorläufer, und doch eines, das es faustdick hinter den Ohren hat. Ein »Jahr der Irrungen und Wirrungen, der Windungen und Wendungen«, befand Dieter Kunzelmann bereits, Giacomo Feltrinelli erklärte es postwendend zu dem »Schicksalsjahr« der Nachkriegsperiode. Geläufig ist die Vorstellung, 1969 sei das Jahr, in dem die Swingin' Sixties ihr finsteres Ende fanden, um einiges weniger die, wonach nicht eigentlich '68, sondern 1969 die Schwelle markiere, mit der eine neue, bis heute andauernde Epoche anhebt: »The Year Everything Changed« (Rob Kirkpatrick). Pop 'em up wird sich hüten, dem Urteil der Leser vorzugreifen, es lädt vielmehr dazu ein, über '69 nachzudenken, über 1969 als Datum und Dinge, die mit ihm zusammenhängen.

Mit anderen Worten: Pop 'em up fordert — wie immer: alle und keinen – dazu auf, sich an einer Diskussion zu beteiligen, die seit einer Weile bereits läuft und der Klärung bedarf. Was hat es mit 1969 auf sich, was geschah im Schlagschatten von '68? Was trug sich damals zu? Wie stellt sich das Jahr von heute dar? Welche Ereignisse und Konstellationen zeichnen sich ab? Was lernt man über '68, wenn man es schräg von der Seite, oder genauer von hinten betrachtet, was über die Gegenwart, wenn man diese von 1969 her ins Visier nimmt? Willkommen sind nicht sowohl Beiträge, die sich einzelnen Phänomenen oder strukturellen Zusammenhängen widmen, sondern auch solche, die eher theoretischer oder methodischer Natur sind. Es stellt sich ja doch die Frage, ob es historiographisch überhaupt Sinn macht, ein einzelnes Jahr als epochemachendes Datum auszuzeichnen? Taugt eine abstrakte Größe wie diese wirklich als Rahmen oder Monitor, um eine Zeit ins Bild zu setzen, Geschichte auf den Begriff zu bringen? Gibt es etwas, wodurch ein Jahr im Innersten zusammengehalten wird? eine Instanz, die dem, was sich in ihm tut, den Stempel aufdrückt? Läuft dies nicht wieder auf die Annahme eines die Zeit organisierenden Prinzips hinaus und damit auf eine Form des Denkens, die wissenschaftlich längst überwunden scheint, auf so etwas wie eine geschichtsphilosophische, man könnte auch sagen theo- oder mythologische Betrachtung von Gegenwart und Vergangenheit?

 

Wie auch immer, auffällig zunächst, dass '69 wie andere Jahre auch in Extreme zerfällt –, Phänomene generiert, die in sich ambivalent scheinen und nicht selten im eklatanten Gegensatz zueinander stehen. Furchtbare Dinge trugen sich zu, der Krieg in Vietnam dauerte an, in Kalifornien ging ein Serienmörder mit dem Namen Zodiac Killer um –, zugleich aber gab es auch eine Menge euphorischer, wenn nicht ekstatischer Momente. Im August des Jahres kamen mehr als eine halbe Millionen junger Leute auf Yasgurs Farm zusammen, um mit »Love, Peace and Music« den Namen Woodstock zur Legende zu erheben. Einige Tage vorher war die hochschwangere Sharon Tate, Ehefrau Roman Polanskis und Amerikas Baby Doll für den Augenblick, einem Ritualmord zum Opfer gefallen, einem grauenhaften Gemetzel, angezettelt, wie sich bald herausstellen wird, von einem Typen, dessen Physiognomie rasch den Status einer Ikone des Bösen erlangt: Charles Manson. Gerade eben erst, im Juli des Jahres, war Apollo XI erfolgreich auf dem Mond gelandet. Millionen saßen weltweit vor dem Fernseher, sahen die Erde von oben und fingen an zu begreifen, dass ihr Heimatplanet einer unter vielen ist, ein »globales Dorf«, so Marshal McLuhan, kaum mehr. Ende des Jahres sorgte das Massaker von My Lai für Aufsehen und Entsetzen; eine Bildreportage des „Life"-Magazins führte der Öffentlichkeit weltweit die Gräuel des Vietnamkrieges drastisch vor Augen. Nicht lange vorher, am 29. Oktober, war es amerikanischen Informatikern gelungen, wenn auch sehr kurz, ein Signal von einem Computer auf einen anderen zu übertragen; mit ARPANET wurden zentrale Voraussetzungen für die Entwicklung des Internet geschaffen. Nicht nur in Harvard streikten die Studenten, auch an anderen Universitäten des Westens kam es fortlaufend zu Tumulten und Turbulenzen. Selbst Th.W. Adorno, immerhin eine Autorität der Linken, sah sich im Laufe des Sommersemesters heftigsten Attacken ausgesetzt; während des Urlaubs in der Schweiz erliegt er einem Herzversagen. Samuel Beckett bekommt im September des Jahres den Nobelpreis für Literatur zugesprochen, derweil probt der harte Kern der im Entstehen begriffenen RAF den Ernstfall: Andreas Baader und Gudrun Ensslin kehren von einem Hafturlaub nicht ins Gefängnis zurück, sondern setzen sich nach Paris in den Untergrund ab. Kein zurück!? Großraumflugzeuge wie die Boeing 747 und die Concorde absolvierten in diesem Jahr ihre Jungfernflüge, in der Mode und im Design hielt man sich an das, was seit einiger Zeit en vogue war: »Space Age«. Dabei schlägt mit den Stooges klammheimlich bereits die Geburtsstunde des Punk. Am 28. November kommt ein neues Album der Rolling Stones heraus, »Let it bleed«, acht Tage später wird die Parole in die Tat umgesetzt: während des Konzerts der Band in Altamont, Kalifornien, stechen einige der als Ordnungskräfte angeheuerten Hell's Angels einen farbigen jungen Mann, Meredith Hunter, nieder und prügeln ihn mit Fußtritten und Schlägen neben der Bühne kurzerhand zu Tode. Jede Menge Stoff, um Geschichten zu erzählen, mehr als ein Anlass, um über die aberwitzige Faktur eines Jahres und damit vielleicht von Geschichte überhaupt nachzudenken.

Machen wir die Probe aufs Exempel. Bringen wir die Rubrik ins Rollen. Starten wir 1969 als Plattform, um miteinander ins Gespräch zu kommen, und mehr noch, um von hier aus auf dem Ozean der Erinnerung die eine oder andere Bohrung in der Tiefe der Zeit vorzunehmen. Zapfen wir ein einzelnes Jahr an, und das an den verschiedensten Stellen. Schürfrechte gibt es freihand. Sie können von einem jeden jederzeit erworben werden, auf eigene Verantwortung, versteht sich. Warum sollte es Pop 'em up in konzertierter Aktion nicht gelingen, ein Jahr wie 1969 in seinen diversen Partien, Schichten und Ablagerungen freizulegen, oder aber doch einige der zentralen Aspekte und Facetten zu illuminieren, die mit diesem Jahr von jeher verbunden werden? Es bleibt den Beiträgern überlassen, wo und wie sie die Schlaglichter setzen, über Konsequenzen dessen, Korrespondenzen und übergreifende Zusammenhänge reden wir später. Wer will, kann mitmachen. Ob mit einer Farce oder Romanze, mit einer Tragödie, einem Essay oder Melodram –, ein jeder ist willkommen, der einen Vorschlag zu unterbreiten hat, Lust verspürt, etwas zu erzählen oder zu berichten. Über was und in welcher Form auch immer. Wie gesagt. Es muss nur mit 1969 zu tun haben.

D.S.

tado ink | 09.10.2010 | 1969
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