Noch einmal Berlin

Vom Nullpunkt aus

Tageslicht. Wir sind in Berlin. Durch eine zerbröckelte Bahnhofshalle gelangt man ins Freie. Dieses hier war immer eine graue, armselige und unsichere Gegend. Und da stehen also die bekannten, alten finsteren Mietskasernen. Ich sehe sie wieder, am Bahnhofsplatz. Ja, das ist Berlin.

Hinten die Seitenstraßen, in denen es die Lokale mit den roten Laternen gab. Dieselbe Faust, die ganze Fabriken von oben nach unten zerquetscht hat, hat auch diesen schmutzigen Bauwerken furchtbar mitgespielt. Den alten verrotteten Vetteln sind die Zähne eingeschlagen worden. Aber das steht noch herum, in der Mitte und im Innern zusammengesunken, ohne Eingeweide. Aber es steht Gerippe, hat noch die Gestalt von Häusern und gibt sich nicht auf. Lange Straßenreihen, ein jämmerlicher Zustand, tot und nicht tot.

 

 

Manches Haus trägt noch außen Bilder, Ankündigungen, Plakate – Erinnerungen an die Zeit, wo man noch lebte – eine Leiche, die noch eine bunte Schürze und ein Armband trägt. Wie ich mich vor dem Bahnhof umsehe, schallt eine gewaltige Stimme aus einem Lautsprecher, der hier irgendwo angebracht ist, an der Haltestelle der Elektrischen hier, wo sich viele arme Leute sammeln und auf die Elektrische warten, die sehr selten kommt. Was ruft diese Stimme? Ein billiger Conférencier trägt seine Späße vor, in trauriger Umgebung. Es soll die Leute erheitern. Und nachher singt jemand aus dem Lautsprecher Verdi. Ja, am Stettiner Bahnhof singt er laut Verdi, vor diesen Fensterhöhlen, in denen, wie es im Gedicht heißt, der Schrecken und das Grauen wohnen. Der Gesang ist grauenhaft. Wir machen, daß wir weiterkommen.

Alfred Döblin, Berlin, Juli 1947 [Auszug], in: Schicksalsreise. Bericht und Bekenntnis, Frankfurt/M. 1949.

tado ink | 09.11.2011 | Lichtspiele
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