Operation Ostpreuszen

Ein Nachbericht

Eben zurück aus Ostpreuszen – oder dem, was vor Zeiten diesen Namen trug. 13 Tage Polen, um korrekt zu sein, genauer Warmien (Ermland) & Masuren – via Danzig, das als Einfallstor oder Schleuse nach Ostpreuszen und ins Baltikum diente. Ohne Nostalgie betrachtet: eine fremde Welt (und doch auch wieder nicht). Sarmatien, postsozialistisch.

Das Kalingrader Gebiet blieb draussen vor – Sperrgebiet, wenn ich so sagen darf. Zu schwierig, zu umständlich, in die russische Enklave zu gelangen. Man benötigt ein Visum. Nicht einmal einen Blick auf oder über die Grenze haben wir riskiert. Dabei waren wir gar nicht weit entfernt davon. Zudem stand Preuß. Eylau, das heutige Bagrationovsk, fest auf dem Programm der von uns ausgeheckten Tour de Pruzzien. Aus der Ferne wenigstens, so der Gedanke, müsste es uns vergönnt sein, das Schlachtfeld in Augenschein zu nehmen, auf dem sich das Schicksal Napoleons entschied. Preuß. Eylau, 1807 bereits – fünf Jahre vor dem Brand von Moskau. »Quel massacre et sans resultat!« So einer der Generale des Kaisers, Michel Ney, nachdem die Grande Armee unter gewaltigen Verlusten versucht hatte, das russische Armee-Bollwerk aufzusprengen, das sich dort zum Schutze Preußens formiert hatte. Allein wir kamen nicht bis zur Grenze.

Kein Königsberg also, kein Sowjetsk oder Tilsit, kein Samland, keine Memel, von Kur- oder Livland zu schweigen. Warmien vielmehr, das Land der roten Erde, wie das Ermland unter den „Ureinwohnern" des Landes, den Pruzzen, bereits hieß und heute wieder heißt, dazu ein kurzer Abstecher nach Masuren. Geht in Ordnung. Schließlich waren wir nicht mit der Absicht in den Osten aufgebrochen, der Utopie des real existierenden Sozialismus den Puls zu fühlen. Wir hatten anderes im Sinn, suchten nach dem Ort, an dem für einen von uns das Leben begann, an dem er gezeugt wurde, vor beinahe 68 Jahren. Es muss sich während eines Fronturlaubs zugetragen haben, im Sommer '44, als der Krieg längst verloren war, das grosse Schlachten aber erst bevorstand. Wir fanden den Ort auch, die Strasse, in der das Elternhaus stand, das Haus selbst, wie beschrieben, gegenüber einer großen Kaserne gelegen. Und fanden den Ort doch auch wieder nicht, das Liebesnest, in dem für einen von uns das Leben begann. Wie auch? Vater und Mutter sind lange tot, im Haus wohnen fremde Menschen, die Yorck-Straße heißt nicht mehr so, wie sie einst hieß, Allee der polnischen Volksarmee (Al. Wojska Polskiego) vielmehr –, und was die Stadt Braunsberg anlangt, so ist auch sie nicht mehr das, was sie mal war. Ihr Name lautet seit geraumer Zeit Braniewo. Uns blieb mithin kaum mehr, als uns in Mutmaßungen über den Ort zu ergehen, an dem alles wirklich begann.

 

 

Ostpreuszen also, eine Reise durch ein Land, das es nicht mehr gibt. Von Danzig aus, wie gesagt, langsam, ganz langsam – mit dem Fahrrad unterm Hintern, Schlaglöchern in der Wirbelsäule und jede Menge Ostseewind im Haar. Eine Fähre trug uns behend über die Mündung der Weichsel (künstlich angelegt, wie ich später erfuhr, zum Schutze Danzigs vor Hochwassser), zwei Tage verbrachten wir auf der Frischen Nehrung (die, was Wind und Wetter anlangt, ihrem Namen alle Ehre machte), bevor wir uns von Krynica Morska mit einem Schiff über das Haff nach Frombork (Frauenburg) aufmachten. Hier, wo einst Koperikus wirkte, blieben wir nur kurze Zeit (Besuch des Domhügels), um uns dann über die Landstrasse nach Braniewo aufzumachen, wohin sich so gut wie niemand mehr verirrt. Von Braniewo oder Braunsberg aus fuhren wir über Mehlsack (Pieniezno) und Wormditt (Orneta) zum Nariensee, wo wir eine Pause einlegten, von dem unweit davon gelegenen Morag oder Morungen aus, der Geburtsstadt Johann Gottlieb Herders, ging es dann mit dem Zug flott nach Rastenburg (Ketrzyn), Masuren. Auf der »Wolfsschanze«, dem Ort, an dem Adolf Hitler sich während der »Operation Barbarossa« gut 800 Tage aufhielt, trieben wir uns zu Fuß rum, mehr als zwei Stunden im »Herzen der Finsternis«, entsetzt und gebannt, als ob es uns in ein Gemälde von Max Ernst verschlagen hätte, das Wirklichkeit war. Die Nacht darauf verbrachten wir auf einem abgelegenen Zeltplatz in der Nähe des Mauerwaldes, seiner Zeit das Hauptquartier des Oberkommandos der Wehrmacht (nicht minder schauerlich wie die »Wolfsschanze«). Unruhige Träume, schwere Zeichen, ein kryptischer Ort. Am nächsten Tag suchten wir die Gutsruine derer von Lehndorff auf (Steinort), um dann über Gizycko (Lötzen) mit dem Zug nach Malbork zu fahren, zur Marienburg, dem Stammsitz des Deutschritter-Ordens im Baltikum. Und wieder stießen wir auf eine Ruine, liebevoll restauriert zwar, keine Frage – derart liebevoll, dass man geneigt sein könnte, die Wundmale von Krieg und Zerstörung zu übersehen –, und doch, wer sich ins Allerheiligste der Burg begibt, die Goldene Pforte durchschritten hat und sich im Schiff der nur notdürftig wiederhergestellten Schlosskirche umtut, sieht sich eben dem konfrontiert, dem wir uns auf unserer Reise durch Ostpreuszen fortlaufend konfrontiert sahen: den Spuren ungezählter Schlachten, Gemetzel und Massaker. Von der Niederwerfung der Pruzzen über die Schlacht von Tannenberg bis hin zum Heiligbeiler Kessel. Ostpreuszen – »Land der schwarzen Wälder und kristallklaren Seen« – ein Land aber auch, auf dem es kaum einen Zoll Bodens gibt, der nicht von Blut getränkt ist. Ein Todesacker – zumal zwischen 1944 und ’49. Nicht zu vergessen.

tado ink | 28.10.2012 | Frontberichte
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