Ostern einmal wieder

Wolfgang Lange

Wo soll man zu Ostern hingehen? Man ist in einer Stimmung, irgendwohin gehen zu wollen, es ist ja doch eine feiertägliche Zeit, Frühling zudem, der Winter hat ein Ende, aber man weiß bei Gott nicht, wo man hingehen soll; das einfache Volk geht in die Kirche, da weiß es, was es hat: Kerzen, Weihrauch und Gesang. Thomas Müller singt um einiges schöner als Jonas Kaufmann, der seine Launen bekommen kann und dann nicht singt, auch singt der Chor dort schön. Was stört, sind höchstens die Mädchen, die neuerdings Dienst am Altar verrichten.

Wohin aber gehen die anderen, die, die nicht zum einfachen Volk gehören? die über keine Religion verfügen? sich von jedweder Religion emanzipiert haben? Wie sie meinen. Sie starren ins Leere, den ganzen Tag, als ob es da nur das eine gäbe, das offene, leere, von Gott und der Welt verlassene Grab. Kein Fest, keine Feier, keine Auferstehung. Einzig das Grab. Leer. Wie einfallslos, wie dumm!

Die Familien – weitgehend zerrüttet; die Gesellschaft – eine Mördergrube; der Staat – eine Beute demokratischer Parteienwirtschaft. Am Abend gibt's, Ostersonntag, da bin ich mir sicher, 'nen Tatort im Fernsehen. Aus welcher Region auch immer. Sender hin, Sender her. Zum Trost für all die, die andernorts keinen finden. Tagsüber aber? ein Spaziergang vielleicht? Gut möglich. In Ermangelung eines besseren und in Erinnerung an den Faust.

Es heißt: aber »Und siehe, noch am selben Tag waren zwei von ihnen unterwegs nach einem Dorfe, namens Emmaus, sechzig Stadien von Jerusalem entfernt. Sie redeten miteinander über alles, was sich zugetragen hatte. Und es geschah, während sie redeten und sich miteinander besprachen, näherte sich Jesus und ging mit ihnen. Ihre Augen aber waren gehalten, so daß sie ihn nicht erkannten.« Erst als sie, spätabends, eingekehrt in eine Gastwirtschaft das Brot mit ihm brachen, ging ihnen ein Licht auf, »und sie erkannten ihn; er aber entschwand aus ihrer Mitte.«

 

Ostern einmal wieder

Caravaggio: Mahl in Emmaus | 1606

 

 

tado ink | 31.03.2018 | Logbuch
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