Paris zwischen den Jahren

Notizen

Glatt und sauber in Paris eingelaufen. Kein Stau, keine Karambolage, ein ruhiger steter Ritt bis an die Seine. Unterwegs, auf der Fahrt von Straßburg, die Mühle passiert, an der die Kanonade von Valmy stattfand, unmittelbar hinter der Grenze, kurz nach Kehl, auf dem Grünstreifen am Straßenrand eine Frau gesehen, unbestimmten Alters, die dort, leicht bekleidet mit einem roten Minirock und einer schwarzen Lederjacke, rittlings auf der kalten Erde saß, die Beine gespreizt, ausdruckslos in die Gegend stierend. Alles wie gehabt also.

Schon an der Grenze war es so. Trotz des Kriegsrechts, das nach den Anschlägen vom November über das Land verhängt worden ist, gab es beim Grenzübertritt nach Frankreich weder Wartezeiten noch Kontrollen. Das einzig Außergewöhnliche: ein neben dem Schlagbaum abgestelltes Dienstfahrzeug der Gendarmerie nationale –, in dem allerdings kein Mensch saß. Nun gut, es war gegen Mittag und die Herren dürften sich zu Tisch begeben haben.

Ankunft in Paris: Montag, 28. Dezember 2015, 16.45 Uhr M.E.Z. Unmöglich, im Quartier einen Parkplatz zu finden. Das war vor Jahren noch anders. Was tun? Es bleibt wohl nur das Parkhaus. In der Tiefgarage unterhalb des Tour Montparnasse einen halbwegs bezahlbaren Stellplatz gefunden. Nachdem ich mich mehr schlecht als recht aus dem Wagen gequält hatte und in dem dämmrigen Licht des Parkdecks den Ausgang suchte, beschlich mich kurz das Gefühl, ich befände mich in einer Kasematte Vaubans. Vauban, dachte ich, immer wieder Vauban, ich fahre nach Frankreich und auf wen stoße ich? Auf Sébastien Le Prestre de Vauban, den Festungsbaumeister Ludwig XIV. Schon komisch, ob an der Côte d'Azur, in den Pyrenäen, im Baskenland oder auf der Île d'Oleron, wo ich im letzten Sommer war –, wo immer es mich auf meinen Reisen durch Frankreich hin verschlägt, seh ich mich einer der Hinterlassenschaften Vaubans konfrontiert –, als ob das ganze Land von den sternförmigen Festungen des Monsieur Vauban umgeben wäre. Inzwischen, sagte ich mir, als ich auf den Ausgang des Parkdecks zusteuerte, reicht bereits eine tiefliegende Decke und schummriges Licht, um bei mir das Vauban-Gefühl wachzurufen, eine Mischung aus Aufgehoben- und Beschütztsein einerseits und einer gewissen Beklemmung und Verunsicherung andererseits. Muss zu Hause unbedingt der Frage nachgehen, ob und wieweit die Festungsbauten Vaubans eine Blaupause für Frankreich abgeben. Immerhin ähneln sie im Grundriss ja doch frappant der Form, die Frankreich geographisch auszeichnet: dem Hexagon.

Erste Promenade (quasi eine Serenade). Bei Freddy's 15, ein Tip, in der Rue de Seine vorbeigeschaut; sah interessant aus, weniger nach einem Restaurant denn nach einem Lokal für Tapas. Gegessen wird an der Bar. Eingekehrt aber sind wir dann doch in La Regalade, 106 rue St. Honoraire. Ganz große Küche, für mich jedenfalls als einem Mann aus der Provinz. Es gab Carpaccio vom Kalbskopf, Kabeljau auf einem Hochbett von Ich-weiß-nicht-Was, dazu einen Wein von der Loire (keinen Sancerre), als Abschluss eine Schoko-Eiskreation, die mit einigen »Snickers« versetzt war. Köstlich!

Zweite Promenade (am nächsten Tag). Über den Jardin du Luxembourg zum Panthéon, von dort über die Mouffetard zur Avenue des Gobelins, wo ich unversehens über die Bièvre gestolpert bin. Nicht als ob es das Flüsschen, das es einst von hier zur Seine trieb, noch gäbe, sichtbar gäbe, meine ich. Man hat es unter das Pflaster verbannt, in der Kanalisation versteckt. Es war ein Stolperstein auf dem Trottoir, der an sie erinnerte. Bièvre stand da auf einer kleinen Messingplakette. Wäre der Name mir nicht von J.-K. Huysmans her geläufig, ich wäre wohl vorübergegangen. So aber blieb ich stehen und versuchte mich an das erinnern, was ich über die Bièvre von meinem Lieblingsschriftsteller erfahren hatte. Ein schmutziger kleiner Fluss, der durch die Pariser Vorstadt dümpelt, schwarz wie Ruß, hier und da giftgrüne Bläschen aufwerfend, nach Morast und altem Leder stinkend, verdreckt, korrumpiert durch Handel und Gewerbe, schon zu Zeiten Huysmans »nichts als ein Misthaufen in Bewegung«, eine Kloake on the run –, überreif, ausgehoben, kanalisiert und planiert zu werden. Huysmans war von der Bièvre und der Gegend, durch die es die Kleine zur Seine trieb, fasziniert, wie er von allem fasziniert war, was abseitig, bizarr und trostlos daherkommt. Gleich mehrmals im Laufe seiner Karriere kam er auf die Bièvre und den Missbrauch zu sprechen, den Gerbereien und andere Betriebe der Textilindustrie mit ihr trieben. Am Ende avancierte das Flüsschen bei ihm gar zum perfekten Sinnbild für das weibliche Elend, wie es sich im Zuge der Moderne ergibt, das heißt in Folge seiner Ausbeutung durch die große Stadt Paris. Huysmans wußte, dass die Stunde für die Bièvre längst geschlagen hat, dass es keine Zukunft für sie und das Areal gibt, durch das sie mäandert. Dieser »Fluß in Lumpen«, diese »Ebene in Fetzen« –, von der Stadtverwaltung waren sie lange schon auserkoren, »einer hübschen Blödelei Platz zu machen, einer Gala brandneuer Häuser«. Und so kam es. Außer besagtem Stolperstein erinnert vor Ort nichts mehr an die Bièvre; der Fluß ist vollständig in der Abwasserkanalisation aufgegangen, versenkt und begraben tief unter dem Pflaster. – So sieht er also aus, der Fortschritt urbaner Zivilisation: ein Stolperstein, ein Messingblock mit Gravur, un lieu de mémoire.

Nach zwei Jahren S. und J.P. wiedergesehen. Wie schön! Es war, als ob man sich gerade erst vor einer Woche gesehen hätte: entspannt, unterhaltsam, kurzweilig. So was soll es geben, so was gibt es. Gemeinsam mit den beiden die Nachbarschaft erkundet, gut gespeist, und dann gegen 12 Uhr nachts auf der Terrasse meines Lieblingscafés gelandet, unbeabsichtigt im »Deux Magots«. Eine Flasche Beaujolais stand auf dem Tisch, als mir einfiel, dass es nicht mehr lange hin ist, bis ich Geburtstag habe. Draussen, auf der Straße eine junge Frau, die mit wirren Zügen und nervösem Gestus ein Pärchen porträtiert, das dort ihren Champagner zu sich nimmt und, wie ich bei einer Zigarette herausfand, aus Griechenland stammt. Obgleich nicht unbedingt die jüngsten, wirkten die beiden doch, als ob sie ziemlich verliebt ineinander wären. Aber was kann man Griechen schon glauben. So trat ich ins neue Jahrzehnt meines viel zu langen Lebens. »Wen die Götter lieben«, so die Alten, »den raffen sie jung dahin.« Das ist bei mir erkennbar nicht der Fall. Seit Paris habe ich es schwarz auf weiß.

Es gibt sie noch die Clochards von Paris, selbst in St. Germain des Prés –, nur dass sie mir vor Jahren fröhlicher vorkamen. Aber vielleicht liegt das auch einfach nur daran, dass wir Winter haben.

Nachts, wenn die Strassen leer sind und die Touristen das Quartier verlassen haben, sieht man bisweilen alte Männer über das Trottoir trotten. Vereinzelt. Leicht gebeugt, mit einem Spazierstock ausgerüstet und in Anzügen, die bereits bessere Zeiten gesehen haben, flanieren sie gemächlich durch die Gassen und Straßen links der Seine. Seltsam traurige Gestalten, Geister einer Zeit, die vorüber ist, alte Männer, geknickt, aber ungebrochen in ihrem Stolz. »Gehen wir, endgültig«, so J.-K. Huysmans,» das Beste gibt es eben nicht für Leute ohne einen Sou in der Tasche; auf sie wartet allein das minder Gute.«

Die Geldscheine zerfliegen mir wie Nichts zwischen den Fingerkuppen. Als ob ich es mir leisten könnte, das bißchen Vermögen, das mir geblieben ist, aus dem Fenster zu werfen. Wenn es nur nicht so viel Spaß und Freude bereitete.

Um ein wenig anmassend zu sein: als Geburtstagsgeschenk hatte die Stadt Paris eigens für mich eine Ausstellung im Musée du Luxembourg vorbereitet: »Fragonard. Amoureux«. Schöne Bescherung. Ein Parcours durchs Rokoko, wie für mich gemacht, der Versuch, die bewegte Karriere Fragonards zu dokumentieren, einer meiner Lieblinge aus dem Zeitalter galanter Aufklärung, mit Boucher und Baudouin als Randfiguren. Unter all den herrlichen Bildern, die in der Galerie versammelt waren, gefiel mir eines am besten, ein kleines, ein ganz kleines. Es ist oval und zeigt inmitten einer großartigen Landschaft, wie ein Hirte, den Hund zu seinen Füßen, einer Hirtin etwas auf der Flöte vorspielt. Ich war gerührt!

Und der Rest des Tages? Verging damit, das Louis Vuitton Magazin zu suchen. Wieder ging es die Rue de Seine hinab zum Pont Neuf, wo ich das Magazin vermutet hatte. Aber dort war es nicht, das LV-Magazin, hier, gegenüber dem Samaritaine, das, entkernt und demoliert bis auf die Fassade, im Um- oder Neubau begriffen ist, hier, der Baustelle gegenüber war nur der Firmensitz, in dem wir, wie mir der Türsteher bedeutete, nichts zu suchen hätten. Das Magazin befände sich auf den Champs Élysées. Also weiter, die Rue de Rivoli runter, links der Louvre, rechts das Palais Royal, dann, mit einem Abstecher über den Place Vendôme, den ganzen Faubourg St. Honoré hinunter und hinab, eine Boutique nach der nächsten, liefen wir, als ob es um eine Pilgerfahrt handelte, eine hadsh durch die Welt des Luxus und der Moden, bis wir zum Café Montaigne kamen, wo wir eine kurze Pause einlegten, um hernach mit frischen Kräften die Champs Élysées in Angriff zu nehmen. Und dort fanden wir endlich, was wir den ganzen Tag über gesucht hatten, das Magazin des „Monsieur" Louis Vuitton. Der Einlass gestaltete sich allerdings schwieriger als gedacht; er erfolgte über eine Sicherungsschleuse. Als wir diese glücklich passiert hatten, traten wir in eine Welt ein, die sich nicht anders ausnahm wie erwartet: trés chic.

 

Paris zwischen den Jahren

Kneeb Wenedikt Kommandor: Paris im Winter | 2015/16

 

Geburtstagsessen. Wieder in der Regalade. Es bestand aus einem tintenfischigen Risotto, pechschwarz, mit Gambas und Chipirones durchsetzt, gefolgt von einem wunderzart kross gebratenem Stück Schweinebrust, das auf einem frischgemachten Bett von Wirsing lag. Als Nachtisch ein Grand-Marnier-Soufflé. Uuuupf. Was wir für einen Wein wir tranken, habe ich vergessen, sicher aber bin ich, dass ich mir zum Abschluss des üppigen Mahls einen Kaffee und einen Cognac habe bringen lassen. Herrlich!

Silvester in Paris. Es herrscht höchste Alarmstufe. Vermeldet der Figaro am Morgen. Auf dem Titelblatt das Photo dreier schwer bewaffneter Elitesoldaten auf Patrouille. Frankreich befindet sich im Krieg. Der Rechtsstaat ist für's erste außer Kraft gesetzt. Monsieur le Président, François Hollande, gibt quasi den Diktator. Man nimmt es hin, als ob es das Selbstverständlichste von der Welt wäre. Auf dem Tagesplan steht die Église Saint-Séverin ganz oben, gefolgt von einem Besuch in den Galeries Lafayette, die Zeit danach, das heißt bis zum Silvesterdiner, steht zur freien Verfügung. Zuerst also das Gotteshaus, in dem J.-K. Huysmans getauft wurde, hernach ins Paradies der Damen. Am Portal von Nôtre-Dame de Saint-Séverin erwarteten uns Bettler, am Eingang der Galeries Lafayette Sicherheitskräfte. In den Galeries langweilte ich mich bald schon, Saint-Séverin kam mir dagegen wie eine Oase vor, in der ich den ganzen Tag hätte verbringen können. Allein an den in sich geschwungenen Säulen, die das Auge, als befände es sich auf einem Palmweg, zum Altar geleiten, konnte ich mich nicht sattsehen; sie kamen mir vor wie Wegmarken ins Spirituelle. Nichts dergleichen in den Galeries Lafayette. Die in den Abteilungen ausliegenden Schuhe, Handtaschen und sonstigen Accessoires, so reizvoll sie immer sind, verlieren doch, nimmt man sie näher in Augenschein, bald an Attraktivität; es mangelt ihnen an Tiefe, es fehlt der Bezug zu dem, was man vor Zeiten die mystische Dimension der Welt nannte, die Öffnung der Dinge auf's Ewige hin. Es bleibt mithin dabei: Der Kapitalismus gelangt, wenn es hoch kommt zum Warenfetischismus, wie Marx das nannte. Nie und nimmer aber erreicht er das, worauf der Katholizismus alter Schule sich verstand, zu einer auf den Punkt konzentrierten Geistigkeit, zu einer Mystik des Gefühls, zu einer Ahnung von Transzendenz. Als Religionsform verfügt der Kapitalismus zwar über jede Menge Kulte und damit verquickter Stories, aber mit diesen gelangt der Mensch nie über das Mondäne oder das Weltliche hinaus. Es sind mehr oder weniger individuell gestrickte, auf den Konsum spezifischer Marken basierende Andachtsformen, die sich in und durch den Kapitalismus in der Privatsphäre ausbilden, nicht aber eine die Gesellschaft insgesamt ergreifende und bewegende, ins Überweltliche ausgreifende Religiosität, wie sie das Mittelalter kannte. Das intellektuelle oder geistige Niveau des Warenfetischismus ist nicht sonderlich hoch, ein Boulevard gebrochener Träume, Klatsch und Tratsch aus der Welt der Prominenz. Theologie ist seinen Agenten völlig fremd. Letztlich zersetzt und verdampft der Kapitalismus als Religionsform im Nichts, das heißt, er findet in privaten, um nicht zu sagen perversen Sphären seine Vollendung. Eine Garderobe mit zweihundert Paar Schuhen et cetera. Bing Bling. Gipfel allen Glücks: der Rausch, der dem Konsum entspringt, die Ekstase, die mit der Inbesitznahme einer Markenware einhergeht. Leben als Kunst, nennt man das: Wollust als eine Art Erlösung auf Zeit. Ein jeder verausgabt sich, ist um der Lust am Konsum willen bereit, sich zu verschulden, pekuniär, aber auch moralisch. Und wird dafür vom Finanzsystem in Form von Niedrigzinsen belohnt. Sparen lohnt nicht mehr. Im Mittelalter, als der Geist des Katholizismus durch Europa wehte, war es gerade umgekehrt. Damals fühlte der einzelne sich aufgrund der Erbsünde immer schon verschuldet und setzte alles dran, die qua Geburt auf ihm lastende Schuld durch Taten und Gedanken abzutragen. Notfalls gar mit Geld. Ablassbriefe. Und im Unterschied zur Gegenwart, die keinen Schlüssel bereithält, um zu verstehen, was in der Welt so vor sich geht, gab es im Mittelalter nichts, was nicht in und durch die Theologie eine Erklärung gefunden hätte. Alles mündete gleichsam im Geistigen. Von daher bleibt die Église Saint-Séverin den Galeries Lafayette unendlich überlegen, auch wenn das Gotteshaus sich der Logik des Fortschritts gemäß den Tempeln des Konsums gegenüber auf der Verliererseite befindet.

Ein ungewöhnlich stiller, seltsam verdruckster Silvesterabend. Kein Feuerwerk, keine Böllersalven, nicht ein einziger Champagnerkorken, der um 12 Uhr knallte. Ein paar Umarmungen, durchaus herzlich, selbst mit den Tischnachbarn, das war's aber auch schon, bei uns jedenfalls, im Petit Marguery, Boulevard de port Royal. Paris schlich sich klammheimlich ins Neue Jahr. Als ich fragte, ob das immer so sei in Paris, Stille gegen Neujahr oder nur jetzt, ob es in der Stadt womöglich nurmehr an einem Freitag den Dreizehnten knalle, schaute ich in versteinerte Gesichter. Es kam mir vor, als wollten sie mir bedeuten, über Dinge wie diese reisse man in Paris dieser Tage keine Witze. So also, dachte ich, fühlt es sich an, wenn eine Stadt unter Belagerung steht. Nun ja, es herrscht ja auch der Ausnahmezustand, Frankreich befindet sich im Krieg, jeder Zeit lauert das Chaos drauf, erneut die Bestien des Terrors von den Ketten zu lassen. Man vergisst das als Fremder leicht.

Kurz vor Ende der Fahrt: Montmartre. Neujahr. An der Place de Clichy ausgestiegen, die Rue Lepic hoch, die Rue des Abbesses quer, dann zur butte aufgestiegen, an Sacré-Cœur vorbei, naturgemäß. Als ob es nötig wäre, sich all der Wege zu versichern, die man schon einmal gegangen ist. Alles in bester Ordnung. Nur das Grab von Undine fanden wir nicht. Fast zwei Stunden haben wir gesucht, wir sind auf dem Cimetiére Montmarte herumgeirrt wie blöd, zu viert, ein jeder für sich, aber das Grab Undines, das haben wir nicht gefunden. Wie traurig. Dabei waren wir uns hundert Prozent sicher, es zu finden. Den Topf mit den verhalten rot blühenden – wie hießen sie noch gerade? – Blumen, den ich die ganze Zeit mit mir herumgetragen hatte, um sie Undine zu bringen, stellte ich am Ende am Grab von Heinrich Heine ab. As a substitute for love.

Wie es ist, in Paris kulinarisch abzustürzen, das erfuhren wir am letzten Abend. Wir irrten in St. Germain-des-Prés herum, als ich plötzlich einen Stand mit Austern und anderem Meeresgetier entdeckte. Guter Anfang, dachte ich. Ein paar Austern, einen Sancerre dazu, in Erinnerung an Undine. Gesagt getan. Vom Oberkellner verführt, sahen wir uns freilich gezwungen, die Austern im Lokal zu uns zu nehmen. Ich hatte eher an die Straße gedacht oder an einen Platz an der Theke. Aber es war Le Petit Zinc, ein alteingesessenes, feines Art-Nouveau-Restaurant. Bitte Platz zu nehmen. So fanden wir uns inmitten des Saals an einem runden Tisch als die einzigen Gäste des Hauses wieder. Gegen die Austern war nichts einzuwenden. Sie kamen von der Île d'Oléron. Dumm nur, dass wir nicht geblieben sind. Aber wir hatten nun einmal beschlossen, andernorts (wo auch immer) zu speisen. Ich überliess den Freunden die Auswahl. Und wo landeten wir? Im Café de Paris, rue de Buci. Hinter uns eine französische Kleinfamilie, am Nebentisch zwei Escort-Girls, ansonsten Touristen. Schon der Name des Lokals kam mir höchst verdächtig vor, ich sagte aber nichts, um den Frieden nicht zu stören. Die erste Bestellung ließ ich freilich gleich wieder zurück in die Küche gehen. Das sei kein Lammcarré, bestenfalls ein Lammkotelett, und das hätte ich nicht bestellt. Das Coq au vin von J. sah aus wie Hunde- oder Katzenfutter. Nun gut. Das Confit de canard, das ich statt des Carré serviert bekam und von dem ich angenommen hatte, da könne nichts schiefgehen, machte den Eindruck, als ob es gar nie angebraten worden wäre, als ob es, statt in der Pfanne oder im Ofen einem scharfen Feuer ausgesetzt, in der Mikrowelle gelegen hätte und dort ein wenig aufgewärmt worden sei. Kein bißchen knusprig, ein Entenknochen, umgeben von einem Haufen grauweißen schwabbeligen Fleisches. So schmeckte es auch. Abstoßend. Die Bratkartoffeln, die es dazu gab, setzten dem Ganzen die Krone auf. Sie waren von einem Hauch billigsten Parfüms durchsetzt und mundeten, als ob der Koch sich beim Braten rasiert und parfümiert hätte. Die Damen hatten Glück. S. war mit ihrem massigen Cheeseburger durchaus zufrieden, R. hatte bekommen, wovon sie seit unserer Ankunft in Paris träumte: ein leckeres Nierchenragout in Weißweinsauce.

Neujahr vorbei, der Alltag hat uns wieder. Auf dem Fensterbrett des Frühstückssaals sitzt eine schneeweiße Angorakatze und schreit sich die Lunge aus dem Leib, die Schöne. Es ist zum Gotterbarmen, auch wenn drinnen im Saal kein einziger Ton zu vernehmen ist. Da ist die Scheibe vor, das Fensterglas. Kurze Zeit später sehe ich, wie sie an der Schwelle des Saals auftaucht und zwischen den Hosenbeinen der Gäste herumstreicht, aber da ist sie auch schon wieder weg –, am Schlafittchen gepackt, wie ich vermute, und vom Personal nach draußen expediert, auf den Hinterhof, wo sie mit Rücksicht auf die Gäste hingehört, die Schöne. Ça, c'est Paris aujourd'hui: eine schneeweiße, wunderhübsch anzuschauende Angorakatze, die sich auf dem Hinterhof eines Hotels vor Gier und Verlangen die Lunge aus dem Leib schreit.

tado ink | 16.03.2016 | Kunstkammer
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