Petersburger Nächte – Eine Antwort an Turgenjew

Afanassij Fet

Poet! Du fragst, warum wir beide immer noch / Trotz allem unsere Heimat lieben? / Weshalb wohl droht, wenn wir von ihr getrennt, / Das Herz uns bis zum letzten Tropfen auszubluten / Vor Sehnsucht nach ihrer Schönheit ohne End'?

Was macht es schon, dass unser Frühling kurz und spät kommt, – / Allein wenn er einmal kommt: / Sind dann nicht blauer noch und noch verträumter / Die Augen, göttlich gar in weisser Nächte Dauer, / Grüner noch, schier ungeheuer des Frühjahrs süße Schauer...

Erst gestern ging ich längst der Newa nachts spazieren / Und seh sie noch die purpurgold'nen Wolken: / Unmöglich war es, klar zu scheiden, war jener helle Schein / Vielleicht noch Dämmerung, Abend und ein letztes Winken – / Oder doch bereits das Morgengrauen, der Sonne frühes Blinken?

Als sei am lichten Tag sie plötzlich eingeschlummert, / So ruhte sie, die Residenz des Nordens, / Im Zauber ihres Schlafes noch unwandelbar und stolz. / Und über ihr, von Geist erfüllt, spazierte bleich die Nacht, / Einer Hellseherin gleich hielt sie der Kapitale Wacht.

Ich glaubt' es kaum, doch Blicke ließen mich erkennen, / Als gleißten sie entlang am reinen Blau, / Der Schiffe Eigner dort an jener fernen Reede, – / Bewegungslos und glatt das Wasser, als wär's ein Wiederseh'n, / Sah ich im Newaspiegel Myriaden bunter Fahnen weh'n.

Dumpf hämmerte es – in der Brust regte sich Schmerz, / Da im Flug des Gedankens ich dich traf, Freund: / Glaub es mir, kaum je vermöchte der Süden, lüstern, / In seinen glühendsten Umarmungen uns, wie diese Nächte, / Gänzlich unverhüllt, ein süß'res Glück zu flüstern!

(1856)

 

Petersburger Nächte – Eine Antwort an Turgenjew

Pjotr Petrowitsch Wereschtschagin: Blick auf St. Petersburg | ca. 1875

 

Afanassij Fet, einer der feinsinnigsten Lyriker Russlands, wurde 1820 auf dem Gut Novoselki bei Meensk (Gouvernement Orjol) geboren. Noch während seines Studiums der Literatur in Moskau erschien sein erster Gedichtband »Lyrisches Pantheon« (1840). Ob seiner an politischen und gesellschaftlichen Angelegenheiten desinteressierten Grundhaltung geriet er bei den radikaldemokratischen Kräften rasch in Misskredit. Konsequenz: Er zieht sich auf sein Gut zurück und hüllt sich literarisch in Schweigen. Daneben arbeitet er an Übersetzungen. In den 80er Jahren feierte Fet mit hochmusikalischen, beinahe impressionistisch zu nennenden Gedichten ein glänzendes Comeback und wird zu einem der Leitsterne der russischen Symbolisten. Fet ist 1892 in Moskau gestorben. Werke u.a.: »Abendlichter« (1883-1891).

»Petersburger Nächte – Eine Antwort an Turgenjew«: Übersetzt von Wassja Rotsel und nachgedichtet von Wolfgang Lange, aus: »Stichotvorenija. Predisl L.A. Ozerova« (Moskau 1970, S. 226).

tado ink | 14.04.2012 | Stichijows Papiere
comments powered by Disqus