Pfingsten an der Flämischen Kappe

14./15. Mai 2016

Wir hängen weiter an der Flämischen Kappe ab. Unsere Lage: 44 Grad 10' nördlicher Breite, 66 Grad 2' westlicher Länge. Die Mannschaft ist wohlauf, das Offizierskorps nicht minder. Die Fischgründe sind derart üppig, dass es nicht den geringsten Grund für uns gibt, die erreichte Position zu ändern. Überhaupt, je länger wir hier an der Kappe kreisen, um so weniger verstehe ich, weshalb man glaubt, einzig und allein in und durch die Veränderung aller Dinge und Verhältnisse käme die Menschheit voran. Was für eine Idiotie! Nichts gegen Goethes ›Stirb und werde‹, aber der auf dem Festland herrschende Zwang, sich und die Welt jeden Tag neu zu erfinden, ist ebenso aberwitzig wie der primitiver Gesellschaften, alles so zu belassen, wie es die Ahnen eingerichtet haben. Auf den Augenblick kommt es an und das rechte Maß, versteht sich.

 

Pfingsten steht vor der Tür, und ich lese, wie es sich gehört, die ›Apostelgeschichte‹, gerade eben den Anfang des 2. Kapitels:

»Als der Tag für das Pfingstfest gekommen war, waren sie alle beisammen am gleichen Ort. Da erhob sich plötzlich vom Himmel her ein Brausen wie von einem daherfahrenden gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie weilten. Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten und einzeln herabsenkten auf einen jeden von ihnen; und alle wurden erfüllt vom Heiligen Geist und fingen an, in anderen Zungen zu reden, so wie der Geist ihnen zu sprechen verlieh. In Jerusalem aber hielten sich gottesfürchtige jüdische Männer auf, aus jedem Volk unter dem Himmel; als sich nun dieses Brausen erhob, lief die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn es hörte ein jeder in seiner eigenen Sprache sie reden. Sie gerieten außer sich und sagten voll Staunen: „Sind denn nicht alle, die da reden, Galliläer? Wie aber hören wir, ein jeder von uns in der eigenen Sprache, in der wir geboren sind: Parther und Meder und Elamiter, die Bewohner von Mesopotamien, von Judäa und Kappadozien, von Pontus und Asia, von Phrygien und Pamphylien, Ägypten und den Gegenden Lybiens nach Cyrene hin; auch die hier weilenden Römer, Juden wie Proselyten, Kreter und Araber – wir hören sie in unseren Sprachen die Großtaten Gottes verkünden!" Alle staunten und waren ratlos und sagten zueinander: „Was soll das sein?" Andere aber spotteten und sagten: „Sie sind voll süßen Weines."

Da trat Petrus mit den Elfen vor, erhob seine Stimme und sprach zu ihnen: „Jüdische Männer und alle, die ihr in Jerusalem wohnt! Dies sei euch kundgetan: hört auf meine Worte! Denn nicht betrunken sind diese, wie ihr meint, – es ist ja erst die dritte Stunde des Tages; sondern hier trifft ein, was gesagte wurde durch den Propheten Joel: 'Es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich werde ausgießen von meinem Geist über alles Fleisch und eure Söhne und Töchter werden prophetisch reden, eure jungen Männer werden Gesichte schauen, und eure Alten Traumgesichte haben; ja, über meine Knechte und über meine Mägde will ich ausgießen in jenen Tagen von meinem Geist, und sie werden prophetisch reden. Ich werde Wunder kommen lassen am Himmel oben und Zeichen auf der Erde unten, Blut, Feuer und Rauchqualm. Die Sonne wird sich in Finsternis wandeln und der Mond in Blut, ehe kommen wird der Tag des Herrn, der große und glanzvolle. Und es wird geschehen: Jeder, der anruft den Namen des Herren, wird gerettet werden.' (Joel 3,1-5).«

 

Pfingsten an der Flämischen Kappe

Kneeb Wenedikt Kommandor: Lukas’ Mauer | 2016

 

Aber wer im Westen, frage ich mich, flehte noch um Rettung angesichts der Zumutungen, die das Leben für einen bereithält, wer verstiege sich dieser Tage dazu, den Namen des Herren anzurufen, um erlöst zu werden? Die protestantische Kirche jedenfalls nicht. Sah gestern auf dem Schirm zufälligerweise ›Das Wort zum Sonntag‹. Es fand – wohlgemerkt, wir zählten den Tag vor Pfingsten – seinen Höhepunkt darin, einer tv-bekannten Tunte – man frage mich nicht nach ihrem Namen – das letzte Wort zu lassen. Erst musste ich geschlagene drei Minuten Phrasen über mich ergehen lassen, wie »Musik kennt keine Grenzen« und dass alle sich auch ohne eine gemeinsame Sprache verstünden und wie wichtige es sei, dass Europa multinational und multikulturell bleibe –, ganz so, als ob Frau Pastorin sich ihre Predigt vom Regierungssprecher hätte diktieren lassen. Und dann kam die Tunte und erklärte vor großem Publikum, schrill und bunt und pervers, dass Toleranz immer wieder erkämpft, immer wieder neu definiert werden müsse, und dass Pfingsten eine große Party sei und ein »Fest der Toleranz«. Uuuuuuuh.

– Eines steht fest: wenn die Kirche so weit ist, dass sie den Zeitgeist nicht mehr vom Heiligen Geist zu unterscheiden weiß, dann wird es höchste Zeit, dass sie sich selbst abschafft. Amen.

 

tado ink | 15.05.2016 | Logbuch
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