Pruzzische Elegie

Johannes Bobrowski

Dir ein Lied zu singen, hell von zorniger Liebe –

dunkel aber, von Klage bitter,

wie Wiesenkräuter naß,

wie am Küstenhang die kahlen Kiefern,

ächzend unter dem falben Frühwind,

brennend vor Abend –

deinen nie besungnen Untergang,

der uns ins Blut schlug einst,

als die Tage alle vollhingen noch

von erhellten Kinderspielen, traumweiten –

 

damals in Wäldern der Heimat

über des grünen Meeres schaumigem Anprall,

wo uns rauchender Opferhaine Schauer befiel,

vor Steinen, bei lange eingesunknen Gräberhügeln,

verwachsnen Burgwällen, unter der Linde, nieder vor Alter, leicht -

wie hing Gerücht im Geäst ihr!

So in der Greisinnen Lieder tönt noch,

kaum mehr zu deuten, Anruf der Vorzeit –

wie vernahmen wir da modernden, trüb verfärbten Nachhalls Rest!

 

So von tiefen Glocken bleibt, die zersprungen,

Schellengeklingel –

 

Pruzzische Elegie

 

Volk

der schwarzen Wälder, schwer andringender Flüsse,

kahler Haffe, des Meers!

Volk

Der nächtigen Jagd,

der Herden und Sommergefilde!

Volk

Perkuns und Pikolls,

des ährenumkränzten Patrimpe!

Volk,

wie keines, der Freude!

wie keines, keines! des Todes –

Volk

der schwelenden Haine, der brennenden Hütten,

zerstampfter Saaten, geröteter Ströme –

Volk,

geopfert dem sengenden Blitzschlag,

dein Schreien verhängt vom Flammengewölke –

Volk,

vor des fremden Gottes Mutter

im röchelnden Springtanz stürzend –

 

Wie vor ihrer erzenen Heermacht sie schreitet,

aufsteigend über dem Wald !

wie des Sohnes Galgen ihr nachfolgt! –

 

Namen reden von dir,

zertretenes Volk, Berghänge,

Flüsse, glanzlos noch oft,

Steine und Wege –

Lieder abends und Sagen,

das Rascheln der Eidechsen nennt dich

und, wie Wasser im Moor,

heut ein Gesang, vor Klage

arm –

 

arm wie des Fischers Netzzug,

jenes weißhaarigen, ew'gen am Haff,

wenn die Sonne herabkommt.

 

1955

tado ink | 24.10.2012 | Stichijows Papiere
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