Rolf Dieter Brinkmann

Zum Gedächtnis (v)

Noch einmal Rolf Dieter Brinkmann, der 5. und abschließende Teil von Stichijows Aufsatz über das Erbe, das dieses Enfant terrible deutscher Nachkriegsliteratur hinterlassen hat: »Die Allgegenwart der Provinz«. Keiner will es wahrhaben, jedermann wähnt, in der Metropole zu leben und das Ohr am rasenden Herzschlag der Jetztzeit zu haben. Wie eingebildet wir doch sind, was für Affen, immer noch, wie in der Urzeit. Dabei...  

Gibt es einen besseren Ort, die Provinzialität bundesrepublikanischer Verhältnisse zu studieren, als den Schnellimbiss (vor dem Aufkommen der Döner-Bude, versteht sich). Ich fürchte, nein! Curry Wurst für alle. Vom kleinen Mann auf der Straße über den Handels- und Versicherungsvertreter bis hin zum Bundeskanzleramt in Berlin.

In der Provinz sticht keiner besonders hervor, am Ende sind alle gleich, stammen alle aus dem selben Stall. In der Curry-Wurst findet die Bundesrepublik zu sich selbst, entfaltet diese sich gleichsam emblematisch. Ihre Basis bildet, was von der Tradition Kontinentaleuropas übrig blieb, die Bratwurst; in kleine Stücke zerhackt, mundgerecht dargeboten, wäre die Curry-Wurst freilich nicht, was sie ist, gäbe es den Ketschup nicht, die amerikanische Soße, die sie beinahe zur Gänze bedeckt; abgerundet wird das Ganze schließlich durch eine Prise Exotik, ein Hauch von Curry, um die weltoffene Note zu betonen, die das Land selbst noch im Ruhrgebiet oder aber in Berlin umgibt.

Vergessen wir eines nicht: der Aufstieg der Imbissbude vom Würstchenstand zur Futterkrippe der Nation verlief in etwa parallel zur Wiederauferstehung Deutschlands aus Hitlers Ruinen, die Entstehung und Ausbreitung der Imbissbude geht (im Westen wenigstens) einher mit dem Aufstieg der Bundesrepublik Deutschland zum Wirtschaftswunderland. Man wende sich in dieser Sache an die Kulturhistoriker.

Kein Zufall auch, dass die Imbissbude in der vielleicht originellsten TV-Sendung, über die wir im Moment verfügen: Dittsche – das wirklich wahre Leben, den Schauplatz für Gespräche und Begegnungen abgibt, die einen weit mehr über den Zustand des Landes verraten als jeder Politik-Talk. Gewiss, im elementaren Sinne handelt es sich beim Schnellimbiss um ein universelles oder aber globales Phänomen – von der antiken und orientalischen Garküche über den kontinentaleuropäischen Wurststand und amerikanischen Dinner bis zu McDonalds & Co. –, in der von Brinkmann vorgestellten Variante indes, mit den kalten Frikadellen hinter der fettbespritzten Glasvitrine und einer alten Frau, die in der Zeitung liest, weist er erkennbar bundesrepublikanisches Flair und Kolorit auf. Geschmack zählt so gut wie gar nicht, Hauptsache die Bude ist billig und steht einem jedem rund um die Uhr offen.

 

Rolf Dieter Brinkmann

Dittsche – das wirklich wahre Leben

 

Brinkmann hat das Phänomen des Schnellimbisses, so weit ich sehe, nirgendwo eigens reflektiert, aber wie andere Phänomene provinziellen Zuschnitts auch – Brachflächen zum Beispiel, Brandmauern und Mülltonnen, Hinterhöfe, Bauzäune und Industrieareale, Betonwüsten et cetera – mit untrüglichem Spürsinn notiert und durchaus subtil, mit einer gewissen Liebe zum Detail, als Material in seinen dem Hier und Jetzt gewidmeten Gedichten eingebaut.

Dass die Bundesrepublik Deutschland, kritisch betrachtet, geopolitisch gesehen, kaum mehr vorstellt als eine der vielen Provinzen der Vereinigten Staaten von Amerika – und das beinahe im alten, oben angeführten, römischen Sinne des Wortes –, das war Brinkmann nur zu bewusst. Nicht nur, dass er Deutschland ein „Land ohne Namen" nannte und die Zustände, auf die er in ihm allerorten stieß, als „ein verrücktes Kuddelmuddel" apostrophierte –, Brinkmann ging noch einen Schritt weiter, schreckte er doch nicht davor zurück, mit Verweis auf den massiven Einfluss, den amerikanische Filme, Soldatensender, Coca Cola, Politik, Geschäfte usw. auf das Land nehmen, von einer regelrechten „Kolonisierung" Deutschlands durch den Westen zu sprechen.

Wie immer man zu einem Befund wie diesen steht, es wäre verkürzt, reduzierte man die poetische Leistung Brinkmanns, sein literarisches Erbe, auf kulturkritisch motivierte Vorurteile oder aber lokale und lebensgeschichtliche Umstände, denen er ausgesetzt war. Mit der Auslotung und Vermessung der Welt als einem Schreckenskabinett provinziellen Zuschnitts, wie Brinkmanns Dichtung sie betreibt, ist vielmehr ein Topos avisiert, den zu entfalten sich für die Literatur weiter lohnt. Jenseits der Heimatdichtung, diesseits einer einfach nur schicken Großstadtliteratur à la Schirrmacher. So weit dies eben möglich ist. – „In dieser [unserer] gespenstischen Gegenwart."

tado ink | 26.05.2010 | Stichijows Papiere
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