Rolf Dieter Brinkmann

Zum Ged├Ąchtnis (i)

Vor 35 Jahren, am 23. April 1975, ist Rolf Dieter Brinkmann durch einen Autounfall ums Leben gekommen, am 16. April dieses Jahres wäre er, hätte der Tod ihn nicht in London kalt erwischt, 70 Jahre alt geworden. Wir haben uns daraufhin Stichijows Papiere angesehen und sind, ob man es glaubt oder nicht, rasch fündig geworden: »Rolf Dieter Brinkmann oder Die Allgegenwart der Provinz«. Ein Aufsatz also, zweckentfremdet, von einem Verschollenen, in mehreren Folgen – zum Andenken an die Geburt und den Tod des Rolf Dieter Brinkmann und dem, was zwischendurch geschah.

Leicht verspätet allerdings, versteht sich, im Mai erst, nicht bereits im launischen April, wie es sich gehört hätte. Aber das macht nichts. Dafür haben wir einem, wenn nicht dem größten Dichter Norddeutschlands nach 1945 gleich ein Memorialpaket geschnürt, ein dickes, fettes. Wir werden es Stück für Stück entblättern und Ihnen Stichijows Aufsatz über mehrere Folgen hinweg präsentieren. Heute gibt es die erste Lieferung, den Pilotfilm, wie man im Fernsehen sagt. Es geht um die Frage, wer Rolf Dieter Brinkmann eigentlich war und wie es um sein Erbe bestellt ist. Nicht gut. Scheint es.

 

Afannassij Stichijow:

Rolf Dieter Brinkmann oder Die Allgegenwart der Provinz

Wie andere Dichter und Denker Deutschlands auch stammt Rolf Dieter Brinkmann aus der tiefsten Provinz. Geboren wurde das Enfant terrible und literarische Ausnahmetalent der 68er Generation zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, am 16. April 1940, um genau zu sein, und zwar in Vechta, eine Kleinstadt im Oldenburgeschen, die zu der Zeit, als Brinkmann dort aufwuchs, kaum mehr als 15 000 Einwohner zählte.

Brinkmann hat aus seiner Herkunft nie einen Hehl gemacht, umgekehrt: es scheint, als ob er nachgerade ein wenig stolz darauf gewesen wäre, aus kleinsten provinziellen Verhältnissen zu stammen. O-Ton: „Ich komme aus dem Moor, ich habe hinter schwarze verkohlte Bahnböschungen mir gelassen, früher Rock 'n' Roll darüber geweht, verbranntes Stangenpulver, ein ausgebleichtes Kornfeld im Sommer mit hineingetretenen verwirrenden Gängen, den Geruch von blühender zerriebener Kamille". (die verworrene Syntax geht auf Brinkmanns Kappe. A.S.)

Rolf Dieter Brinkmann

Immer wieder, zwanghaft geradezu, ist der Chefingenieur deutscher Popliteratur in seinen Schriften und Filmen auf den Ort zurückgekommen, an dem er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Das Bild oder die Bilder, die dabei entstanden, sind für Vechta allerdings nicht gerade schmeichelhaft. Gewiss, es gibt Passagen von atemraubender Schönheit, aber die sind der Natur gewidmet, dem unendlich flachen und von einem weiten, häufig bläulich fahlen Himmel überwölbten Moor- und Heideland Südoldenburgs. Sobald die Kleinstadt selbst und ihre Einwohner ins Spiel kommen, sieht man sich Erinnerungen und Assoziationen konfrontiert, die ein ziemlich finsteres, um nicht zu sagen deprimierendes Bild von Vechta bieten:

»Sehe, daß von Anfang an diese drückende Atmosphäre da war, Krieg, verdunkelte Zimmer, das ängstliche Lauschen abends, die Warnsirenen durch die Nacht, in der Dunkelheit rüber in Luftschutzkeller vom Finanzamt, schreiende, kleine Kinder, stickige Atmosphäre, Detonantionen, Zittern, Bebende Wände, und jemand sagt mir: Du muß immer Deinen Mund weit aufmachen, und dann die Panzer, die gespenstische leere Stadt eines Nachmittags, der Jeep vor dem Antoniushaus, dort erhielt ich später Nachhilfestunden, und weiter die Drohungen, durch Schule, Lehrer, Eltern, wei kann jeman darin lernen? Und dann die Nachkriegszeit, wieder Dunkelheit abends, fremde Gestalten, die auf Lastwagen kommen, und dann wieder dieses Schrumpfen, dann die irren Gesänge, Kirche, die Schau, nur daß sie wieder drohten, mich peinigten mit Sünde, Tod, Verdammnis, Marter, und auf das ganze Land diese Schuld gelegt, die nur durch abarbeiten wegzukriegen sei, also wie besinnungslos arbeiten, und wieder Geld, Wahnsinn, Nöte, das elende Rennen, und die Rutenhiebe, unten, in der Waschküche durch die Mutter, als ich völlig naiv meine neuen Sandalen auf eine Hecke stellte und zu einem kleinen Markt ging. Und überall wo ich buntes sah, dachte ich: da fängt Leben an, da sind Bewegungen, da ist viel Freundlichkeit, alles nur elektrifiziert, eingespannt in diese elektrischen Schaltkreise. Geisterbahnen, Raupenbahnen, Achterbahnen. Und ich tastete mich bis heute durch diese Gespensterschau, und erst jetzt sehe ich, daß alles eine Gespensterschau ist.« (O-Ton Brinkmann, wie gesagt. Keine Korrektur. A.S.)

Im Rekurs auf autobiographische Notizen wie diese ist die Frage aufgeworfen worden, ob die Position radikalen Außenseitertums, auf die Brinkmann sich kaprizierte, sowie die mit ihr einhergehenden, wilden, hasserfüllten Attacken auf die Wohlstandsgesellschaft bundesrepublikanischer Prägung ihren Grund nicht zuletzt in der durch den Krieg und die Nachkriegsjahre arg lädierten, wenn nicht gar traumatisierten Psyche des Schriftstellers finden.

Gut möglich, dass dem so ist, wir es im Fall Brinkmanns mithin mit einem „Werk" zu tun haben, das – ähnlich dem anderer Künstler und Schriftsteller – psychopathogener Natur ist. Es fragt sich allerdings, was mit einer Erklärung wie dieser gewonnen ist. Nicht viel scheint mir. Eine Antwort auf die in kritischer Hinsicht doch eigentlich entscheidende Frage, ob und wieweit die Dichtung Brinkmanns die Zeit, in der sie entstand, transzendiert und so etwas birgt, das auch die Leser nachfolgender Generationen noch etwas angeht, erhält man durch tiefenpsychologisch orientierte Lektüren jedenfalls nicht.

Wie sähe die Gegenrechnung aus? So zum Beispiel: Die Stärke oder spezifische Qualität der Schriften Brinkmanns erschöpft sich keineswegs darin, einfach nur Zeugnis davon abgelegt zu haben, wie ein vom Krieg und den Nachkriegsjahren gezeichneter, in der Provinz aufgewachsener und vom Rock 'n' Roll, Gottfried Benn und dem französischen Surrealismus elektrisierter Jugendlicher um 1968 herum Westdeutschland erfuhr. Provozierend und interessant sind diese vielmehr, weil in ihnen etwas entdeckt und in bizarr sich überschlagenden Momentaufnahmen festgehalten wurde, was bis heute die Köpfe der Menschen höchstens ansatzweise erreicht hat, nämlich auf einem Planeten zu leben, der aufgrund neuer Verkehrs- und Kommunikationstechniken sowie der durch sie besorgten Ubiquität von Nachrichten, Bildern und Wissensbeständen droht, in ein Schreckenskabinett provinziellen Zuschnitts auszuarten. Ein „global village" mithin oder „global theatre", wie Marshall McLuhan es bereits erahnte.

Die Rückkehr der Menschheit zur Stammesgesellschaft – einschließlich der Folgen, die sich daraus in geopolitischer und kulturökonomischer Hinsicht ergeben. Eine Vielfalt lokaler Gruppierungen auf der einen, transnational agierende Großmächte auf der anderen Seite. Urmensch und Spätkultur zugleich, um eine Formel Arnold Gehlens aufzunehmen, ein Haufen von Stammesgesellschaften auf einem polizeilich grenzüberschreitend kontrollierten Areal. Brinkmann ist einer, wenn nicht der erste, der dieses, unser Globales Dorf, Mc Luhan folgend, in den Blick nahm. Es ist keineswegs übertrieben, seine Dichtung als eine zu apostrophieren, die sich der Erde als einem „Globalen Dorf" verschrieben hat. Eine Welt, innerhalb derer es keine fixen Grenzen und stabilen Zentren mehr gibt, kein Unten und kein Oben, kein Links und kein Rechts –, in eine, in der alles unsicher ist, nicht nur das Klima, das es immer war. Eine definitiv an ihr Ende gelangte, zur totalen Provinz heruntergekommene Welt:

»Warum ist eine Stadt von 1 Millionen bis 10 Millionen Einwohnern nicht lebendig? Soviele lebendige Körper, und dieses erloschene Gelände, haben dir die grünen Bohnen heute geschmeckt, hat dir ein Gedanke geschmeckt heute, Rimbauds Trunkenes Schiff endet mit dem Kind, das in der Abenddämmerung an einem Tümpel in Europa spielt. Was für ein herzzerreißender Fakt. Und nachts wandern wir durch ein wüstes Feld voll verkrüppelter Vegetation am Stadtrand, Autolichter auf der Autobahn, Mond über geisterhaften Landschaften, vom Zugfenster aus gesehen, eine leere weißerhellte Telefonzelle dreht sich bei der Fahrt durch eine Stadt vorbei, ringsum grauverstaubte Häuser in Reihen, wer spricht zärtlich, nachdem er drei Groschen reingeworfen hat?«

Rolf Dieter Brinkmann, unterwegs. Keine Heimat, nirgends – die Großstadt auch nicht, was sie mal war: der betörend funkelnde Gegen- und Sehnsuchtspol in einem Meer von Langeweile. Die Welt – eine einzige, ausweglose Provinz, ein Unort vielmehr – das Leben selbst – „eine Gespensterschau", nicht mehr, nicht weniger. In ihr kehrt, was vermeintlich nur mehr der Vergangenheit angehört, in Form eines Spektakels wieder, das phantomartige Züge trägt, ein gespenstisches Äußeres –, und mit und in diesem Spektakel, was die Geschichte der Menschheit von jeher um- und vorangetrieben hat, der Kampf um die fettesten und komfortabelsten Futterplätze vor allem. In rasender Fahrt – ewiger Stillstand.

tado ink | 13.05.2010 | Stichijows Papiere
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