Rolf Dieter Brinkmann

Zum Ged├Ąchtnis (ii)

Vor 35 Jahren, am 23. April 1975, kam Rolf Dieter Brinkmann durch einen Autounfall ums Leben, am 16. April dieses Jahres wäre er, hätte der Tod ihn nicht in London kalt erwischt, 70 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlaß bringen wir einen Aufsatz aus Stichijows Papieren, und zwar in mehreren Folgen: »Rolf Dieter Brinkmann oder Die Allgegenwart der Provinz«. Heute Teil 2. Eine Zwischenbemerkung. Es geht um Grundsätzliches, genauer um die Semantik der Provinz über Geschichte und Gegenwart hinaus, es geht ums Wort und um den Begriff, es geht um die Sache.

Aber langsam. Was heißt eigentlich Provinz, was Provinzialität? Wovon reden wir, wenn wir vom Provinziellen oder gar von Provinzialismus reden, und mehr noch, wie reden wir darüber, in was für einen Tonfall und mit welchen Konsequenzen? Folgt man dem gängigen Sprachgebrauch, dann indiziert das in der Regel ja doch abwertend benutzte Prädikat „provinziell" Verhaltens- oder Denkweisen, gewisse Zustände und Sachverhalte, Atmosphären, Verkehrs- und Kommunikationsverhältnisse, die weit unter Niveau sind, mit anderen Worten: um einiges hinter dem zurückfallen, was in den Ballungszentren oder Metropolen als zivilisatorischer Standard gilt. Näher betrachtet werden mit dem Etikett, genauer Stigma „provinziell" Eigenschaften aufs Korn genommen, die sich im Umgang mit den tonangebenden Kreisen dieser Welt als fatal erweisen: Kleinkariertheit, Naivität und Weltfremdheit, alles, was hinterwäldlerisch, bieder und rückständig wirkt, „out of time" eben, borniert erscheint oder spießig, irgendwie primitiv, ungehobelt oder aber peinlich epigonal. Kurz: alles, was in zivilisatorischer oder intellektueller Hinsicht als defizitär einzustufen ist.

Wer etwas als provinziell abqualifiziert, unterstellt zugleich, er kenne sich in der Welt aus, gehöre dazu, wisse Bescheid über das, was in der Welt gerade angesagt ist. Unter einem dezidiert urbanen oder metropolitanen Blickwinkel scheint alles, was nur im mindesten nach Provinz riecht, peinlich, beschämend, es stellt eine Art Unding dar, etwas, was im Grunde gar nicht sein dürfte, auch wenn es einem fortdauernd über den Weg läuft. Nicht viel anders verhält es sich mit dem, was man Provinz nennt. Sie wird als Nährboden oder Quellgrund all jener angesprochenen, als defizitär betrachteten Eigenschaften eines Menschen vorgestellt. Die Provinz gilt als Unort, als eine in Maßen zwar harmlose, aber doch auch Abscheu und Ekel erregende Dystopie, eine Gegend, in der es für einen jeden, der etwas auf sich hält, unmöglich ist, auch nur eine Minute länger als nötig zu verweilen.

Nichts einfacher, als die unter dem Leitstern von Mode und Moderne operierende, das Provinzielle und die Provinz als minderwertig abfertigende Rede gegen den Strich zu bürsten und mit einem gewissen Trotz die Vorzüge des Winkels wider die Härten, Unbilden und Nöte ins Feld zu führen, denen man sich in der großen weiten Welt ausgesetzt sieht. Allein damit ist nicht viel gewonnen, eine Verkehrung der diskursiv eingespielten Rang- oder Wertordnung nur, kaum mehr. Der Abstand zwischen Provinz und Metropole bleibt bestehen. Dichotomisch aufgebaut und hierarchisch organisiert, behauptet sich die auf eine scharfe Distinktion von Provinz und Metropole pochende Denk- und Redefigur auch dort noch, wo man sie auszuhebeln versucht. Eine Verkehrung der Vorzeichen in ihr Gegenteil bringt gar nichts. Eine Apologie der Provinz erweist sich am Ende als unmöglich.

Rolf Dieter Brinkmann

Times Square, New York

Ein Fehler wäre es, die Provinz, das Provinzielle und den Provinzialismus mit dem zu verwechseln, was das Wort Heimat assoziiert. Auch wenn das eine Wort mitunter synonym mit dem anderen verwandt wird, so gehen beide doch semantisch keineswegs ineinander auf. Wie im Falle der Region oder dem des Lokalen, ist die Rede von der Heimat in der Regel wenigstens positiv getönt. Nicht selten wird das Wort mit einem zärtlichen Akzent ausgesprochen. Anders das der Provinz. Mit ihm wird, näher betrachtet, geradezu die Kehrseite dessen akzentuiert, was Heimat ausmacht: die Provinz stellt in gewisser Weise nichts anderes dar als deren negative, entfremdete Form. Die Heimat steht ganz für sich. Als Topos oder Gemeinplatz assoziiert sie ein Idyll, verkörpert eine Art Mikrokosmos, stellt eine in sich harmonisch ausbalancierte Welt dar – die sich freilich jederzeit in einen locus terribilis verwandeln kann. Siehe Thomas Bernhard. Und doch: die Heimat ist und bleibt, idealtypisch betrachtet, eine vollendet in sich ruhende, allem Fremden und Urbanen stets noch trotzende Größe. Nicht so die Provinz. In der Sprache, und damit in den Köpfen, zehrt diese von den Winken, Losungen und Parolen, die in der Metropole ausgegeben werden; ohne die Metropole hörte die Provinz auf Provinz zu sein. Stets noch definiert diese sich in Relation zu dem, was in den Metropolen oder Kapitalen je vorgegeben wird –, ähnlich übrigens „den antiken provinciae, die zwar unter römischer Herrschaft standen, denen die vollen Bürgerrechte jedoch verweigert wurden".

Die Provinz bezieht mithin geradezu ihre Existenzberechtigung daraus, ein Trabant der Metropole zu sein.

tado ink | 16.05.2010 | Stichijows Papiere
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