Rolf Dieter Brinkmann

Zum Gedächtnis (iii)

Aus Anlaß des Geburts- und Todestages von Rolf Dieter Brinkmann haben wir einen Aufsatz aus Stichijows Papieren herausgefischt und bringen ihn in mehreren Folgen. Zwei sind bereits auf Sendung. Heute also der 3. Teil. In ihm geht es um die Frage, wie das Leben Brinkmanns genau verlief und von wo aus er eigentlich die Dinge und die Welt observierte, von der Provinz her oder aus der Metropole.

Hält man sich an die Geschichten, die über Brinkmann im Umlauf sind, dann beschreibt dessen Karriere eine Kurve, deren Verlauf und Fluchtpunkt sich haargenau mit dem deckt was in der ästhetischen Moderne von einen Künstler oder Schriftsteller verlangt wird. Sie führt aus den engen provinziellen Verhältnissen, in denen Brinkmann seine Kindheit und Jugend verbracht hat, heraus, auf ihr kommt es zum Kontakt und zum Austausch mit dem, was sich in urbanen Zentren wie Köln, Amsterdam oder London intellektuell abgespielt und künstlerisch ereignet hat, nicht zuletzt dank seiner Hinwendung zu den Metropolen gelingt Brinkmann etwas, das nicht unbedingt jedem gelingt: auf der Höhe der Zeit zu operieren, in Tuchfühlung mit dem, was in den literarischen und künstlerischen Zentren der westlichen Welt zeitgleich erprobt und entwickelt wurde: eine Poetik und Ästhetik, die entschieden der Jetztzeit Tribut zollt –, und damit einer Kultur oder Zivilisation, in deren Herzkammer nicht länger die Literatur den Ton vorgibt, sondern die Neuen Medien. Es sind deren auf den flüchtigen Konsum berechneten, ungemein verführerisch arrangierten, nicht selten allerdings auch hypertroph leerlaufenden, Überdruss und Ekel erzeugenden Bild- und Klangwelten, denen Brinkmann die aufregendsten Seiten seiner Poesie und Prosa abgewann.

Keine Frage, die Karriere Brinkmanns lässt sich so rekapitulieren, wie sie gerade in Anlehung an die Forschung rekapituliert worden ist. Faktisch stellt sie sich natürlich um einiges verwickelter dar: es gibt Rückschläge, Anflüge von Nostalgie, Sentimentalität und Widerwillen, Seitensprünge und Ausweichmanöver, dazu immer wieder Schübe von Ressentiment, unkontrolliert –, alles in allem aber haben wir es mit einem mehr oder weniger erfolgreichen oder erfüllten Bildungsgang zu tun, mit einer „Erziehung des Herzens", die dem entspricht, was wir von einem wahrhaft (post)modernen Schriftsteller erwarten.

Es liegt mir fern, an einer zum Forschungsparadigma avancierten Legende zu kratzen. Es fragt sich allerdings, ob sie einer Überprüfung am Material standhält. Erinnern wir uns an die oben angeführte Passage aus den Erkundungen [vgl. Zum Gedächtnis (i)]. Auf der einen Seite skizziert Brinkmann in ihr den provinziellen Erfahrungshintergrund, der ihn prägte: die Zumutungen, Bedrängnisse und Torturen, denen er sich als Kind ausgesetzt sah, die beengten und ärmlichen familiären Verhältnisse, der Leistungsdruck und die Zwänge der schulischen Erziehung, die, wenngleich spektakulär aufgezogenen, so doch auch wieder deprimierenden, da mit der ewigen Verdammnis drohenden Rituale der katholischen Kirche, schließlich die als „besinnungslos" empfundene Fixierung der Bevölkerung Vechtas aufs Prinzip Arbeit –, als ob sich dadurch, so Brinkmann, die Schuld abtragen und vergessen machen ließe, die man durch die Begeisterung und den Einsatz für Adolf Hitler und den Nationalsozialismus auf sich gezogen hat. Abgesetzt von diesen negativ konotierten Elementen erinnert sich Brinkmann dagegen an die Faszination, die alles Bunte und Schöne früh schon auf ihn ausübte, der Stoppelmarkt vor allem, die vor den Toren Vechtas alljährlich stattfindende Kirmes, dem es, so Brinkmann, für kurze Zeit wenigstens gelang, die über der Provinz lastende, „drückende Atmosphäre" aufzuhellen. Gleißende Lichterketten, jäh und rasant aufheulende Musik, der Strom der Passanten – „da fängt Leben an, da sind Bewegungen, da ist viel Freundlichkeit". Während der Alltag Vechtas sich aus Zwängen, Demütigungen und Torturen zusammensetzt, umspielt den Stoppelmarkt die Aura und Atmosphäre der großen weiten Welt. Er lockt mit tausenden von Dingen, winkt mit dem Versprechen, es gebe da noch etwas anderes, eine unbekannte Form des Daseins, ein Leben, das, wie das der großen Metropolen voller Vitalität und Intensität steckt.

Es scheint mir keineswegs überzogen, wenn man das, was Brinkmann in den Erkundungen mit Blick auf seine Kindheit notiert hat, erweitert und als Grundmotiv und -muster seiner ästhetischen Erfahrung überhaupt ansetzt. Deren Basis bilden Verhältnisse, die als beschränkt, stumpf und verlogen, für den Geist tödlich wahrgenommen werden, das Provinzielle eben, wo immer es begegnet, wo immer Brinkmann sich gerade aufhält oder herumtreibt, ob in Köln oder Vechta, in Rom oder Austin, Texas. Weg, nur weg hier. „In Rom dachte ich an London. In London dachte ich an Rom. Als ich in Köln war, dachte ich an Amsterdam."

Das wahre, die Sinne und den Verstand elektrisierende Leben ist stets woanders.

Es leuchtet, wenn überhaupt, dann momenthaft auf, im flüchtig verschalteten Augenblick, da die Pforten der Wahrnehmung sich jäh öffnen und etwas in den Blick gerät, das frappiert.

Gibt das Grau-in-Grau die Farbe ab, die den Alltag oder, anders formuliert, den provinziell geprägten Erfahrungshintergrund Brinkmanns dominiert, so flackert und flimmert an dessen Erwartungshorizont ein Film, der mit seinen bewegten Bildern und aufwühlenden Songs ein anderes, nicht unbedingt besseres, wohl aber bunteres, schöneres Leben verspricht. Auffällig allerdings, dass beim späten Brinkmann das eine nicht einfach gegen das andere ausgespielt wird, er also die mit der Metropole verknüpfte Alles-So-Schön-Bunt-Hier-Ästhetik nicht naiv als etwas vorstellt, das aus dem Einerlei und der Tristesse der Provinz herausführt. Gegen Ende seiner Karriere, als er die Arbeit an den Materialbänden und Collageromanen aufnimmt und jene unerhört starken Gedichte verfasst, die sich in Westwärts 1&2 finden, fällt eins vielmehr ins andere. Die Extreme, zwischen denen er sein Dasein bereits als Kind eingespannt sah, berühren sich jetzt nicht einfach, sie scheinen nachgerade austauschbar, bilden, wie nicht allein die angeführte Stelle verrät, zwei Seiten ein und derselben Medaille: „und erst jetzt sehe ich, dass alles eine Gespensterschau ist."

Rolf Dieter Brinkmann

Was anfangs noch einen Fluchtraum zu eröffnen schien: die Popkultur und das mit ihr verknüpfte, vor Energie sprühende Milieu der urbanen Zentren, existiert in der vorgestellten Form gar nicht, nimmt sich jedenfalls, näher betrachtet, kaum weniger albtraumhaft aus als der Alltag in der Provinz. Die Provinz wiederum und was sich in ihr abspielt, kommt Brinkmann zusehends wie eine Veranstaltung vor, die ähnlich der den Glamour- und Popwelten der Metropole durch und durch künstlich ist, im hohen Maße arbiträr und oberflächlich: „Vechta, eine Fiktion!" heißt es an einer Stelle, an einer anderen: „USA, Du bist nur eine Fiktion! [...] USA, Du bist nurn Wort!"

Phantasmen nur, hier wie dort, nichts, was als essentiell zu betrachten wäre, Untote, Gespenster, Zombies oder aber Vampire, wo hin er schaute.

Es scheint, als ob die Welt beim späten Brinkmann bereits in eben dem Zustand in den Blick geraten wäre, der den Ausgangspunkt der Überlegungen Jean Baudrillards zur condition postmoderne abgibt: eine gigantische, sich von ihren eigenen Machenschaften nährende Simulationsmaschine, eine Machination im großen Stil, eine, aus der es kein Entrinnen und für die es keine definitive Formel gibt, es sei denn der sich selbst Lügen strafende Spruch: „Alles Lüge."

Baudrillard verhält sich bekanntlich dieser seiner post- oder spätmodernen Gegenwart gegenüber theoretisch äußerst frivol, pariserisch, wenn man will, mit ironischer Reserve und einem ausgeprägten Hang zu Spott und Hohn. Ganz anders Brinkmann. Nicht nur dass er an einer philosophischen Begründung des von ihm intuitiv Erfassten wenig Interesse zeigt – aufgebracht und empört über die Jetztzeit, reagiert er auf deren Täuschungsmanöver, Verblendungen und Hypokrisien vielmehr äußerst aggressiv, mit einer ästhetisch minimal nur sublimierten Wut. Furor teutonicus – einmal mehr.

tado ink | 18.05.2010 | Stichijows Papiere
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