Rolf Dieter Brinkmann

Zum Ged├Ąchtnis (iv)

Hier nun der 4. Teil von Stichijows Aufsatz, den wir anläßlich des 70. Geburts- und 35. Todestages von Rolf Dieter Brinkmann bringen. Drei sind bereits auf Sendung. In diesem Teil überprüft Stichijow die bislang angestellten Überlegungen an einem Gedicht des so gut wie vergessenen Schriftstellers aus Vechta. Es stammt aus Westwärts 1&2 und trägt den schönen Titel „Nach Shakespeare". Der Versuch einer Positionsbestimmung Brinkmanns auf dem weiten Feld der Literatur.

Voll Ingrimm registrierte Brinkmann, was um ihn herum geschah, mit Wut im Bauch fasste er das um ihn tosende Spektakel diffus irrlichternder Erscheinungen in eine Sprache, die ihre Intensität und Evidenz – paradox genug – aus Attacken auf eben das bezieht, was recht eigentlich ihr Nährgrund ist, die Welt als Provinz und Spektakel. Einmal mehr wird die Poesie zu einer Art Gegenzauber. – Anti-Kunst als Kunst –. Apotropäisch gehandhabt, dient sie Brinkmann, die Gespenster oder Dämonen zu bannen, von denen er sich nach seinem Rückzug aus der literarischen Öffentlichkeit mehr und mehr umlagert sah. Ich denke hier zuerst und vor allem an die ausschweifenden, aus disparaten Fundstücken collagierten, überfallartig die polymorph-irreale, von Kontingenz durchlöcherte Faktur der Jetztzeit auf den Punkt bringenden Simultangedichte, die neben den eher einfachen, an Popsongs oder japanischen Haikus angelehnten kleineren Gedichten in großer Zahl im Spätwerk Brinkmanns begegnen.

Da ein jedes dieser zum Poem ausgewachsenen Gedichte aber sich nur äußerst umständlich erläutern lassen, begnüge ich mich an dieser Stelle, Brinkmanns Entdeckung und Vermessung der Welt als einem Schreckenskabinett provinziellen Zuschnitts an einem Gedicht zu erläutern, das eher konventionell scheint, aber doch zu den schönsten zählt, die es in Westwärts 1&2 gibt. Sein Titel lautet: „Nach Shakespeare".

 

 

Die Winterhand fällt ab

und liegt im Garten, wo nun

ein hölzernes Gerüst errichtet

ist. Die dunklen Sommer

 

fallen wie die Hand.

Du frierst im Kopf.

Der Herbst mit seinen

toten Fischen auf dem

 

Grund der Flüsse ist

wie die Bude mit der alten

Frau, die sitzt und liest

die Tageszeitung, bis jemand

 

kommt und eine von den kalten

Frikadellen kauft, die in der

fettbespritzten Glasvitrine

liegen. Der Passant zahlt,

 

ißt, wirft den Knochen

nach dem unsichtbaren Engel.

Und Frühling kommt, verstreut

die Autolichter durch

 

blechernes Laub am Abend,

der mit den hölzernen Gerüsten

niedersinkt am Fluß.

 

 

Brinkmann hat das Gedicht noch auf dem Cambridge Poetry Festival vorgetragen, bei seiner letzten öffentlichen Lesung, am 20. April 1975, wenige Tage vor seinem Unfalltod in London. Zuerst auf Deutsch, dann in einer von Hartmut Schnell besorgten englischen Übersetzung. Er hat sich bei dieser Gelegenheit auch zu der Frage geäußert, inwieweit seine Dichtung von der anderer Dichter beeinflusst sei, dabei aber die Sache selbst mit Verweis auf die zunehmend gleichförmigeren Erfahrungen und Probleme heruntergespielt, denen man sich als Dichter und Schriftsteller in einer von Industrie, Technik und Bürokratie organisierten Welt konfrontiert sehe.

„Nach Shakespeare" straft die von Brinkmann fallen gelassene Bemerkung Lügen. Über den Titel räumt das Gedicht bereits freimütig ein, von der Dichtung eines anderen abhängig zu sein; es wirft so ein Licht auf den Standort überhaupt, den Brinkmann in der Welt der Literatur bezogen und zeitlebens nicht wieder verlassen hat. Es ist der eines Nach- oder Spätgeborenen, der eines Epigonen –, mit anderen Worten der eines Provinzlers –, von England aus betrachtet jedenfalls, oder von Amerika her, den Kommandozentralen und Designschmieden dieser unserer globalisierten Welt.

 

Rolf Dieter Brinkmann

Mick Rock: Camden Town, London (1972)

Ein Gedicht in der Art Shakespearescher Sonette also, eines, das sich einmal nicht – wie sonst im Falle Brinkmann – an Mustern mehr oder weniger zeitgenössischer Dichter orientiert, an denen eines Frank O'Hara zum Beispiel oder eines Walter Carlos Williams, sondern an dem eines Dichters, der weit über England hinaus, nicht zuletzt in Deutschland den Status eines Über-Dichters einnimmt: Shakespeare. Auffällig an der Art und Weise, wie Brinkmann mit dessen Gedichten umgeht, ist zuerst einmal, dass er das Sonett als lyrische Form nicht einfach übernimmt, um ihm dann, unter Beibehaltung des Strophenaufbaus etc., durch den Einbau aktueller und lokaler Elemente eine spezifisch deutsche Note zu verleihen. Keine einfache Kopie also, mehr und anderes als ein der Pop-art und dem Underground abgeluchster Akt der Marken- oder Produktpiraterie. Zwar wird der Tradition des Sonetts über das die Strophen abschließende Terzett die ihm gebührende Reverenz erwiesen, allein „Nach Shakespeare" geht um einiges über das Sonett hinaus; statt der strengen Form zu huldigen, überbietet es diese mit dem offenen Charakter eines romantischen Liedes. Kein Akt simpler Appropriation also –, ein Brückenschlag eher, eine Verbindung getrennter Ufer. Von einem Austausch oder einer Substitution Shakespearscher Requisiten, Masken und Gewänder kann bei Brinkmann nicht die Rede sein; diese werden nicht einfach durch ein Ensemble zeitgenössischer Bilder und Figuren ersetzt oder angereichert. Mit anderen Worten: die literarischen Import/Export-Regulative, wie sie Franco Moretti mit Blick auf die Verbreitung des europäischen Romans ausgemacht hat, greifen in diesem Falle nicht.

Folgt man dem Kommentar Brinkmanns, dann bestünde der Clou des Gedichts einfach darin, sich an einem so gewöhnlichen Ort wie ner „olle[n] Pommesfritesbude in'ner Seitenstrasse" „Shakespearsche Gestalten" vorzustellen. „Alles schäbig, du fluchst, wirfstnen Knochen ... usw." Nicht genug damit. Was das Gedicht mit den Sonett-Zyklus des großen Elizabethaners darüber hinaus verbindet, ist der melancholische Ton, auf den es gestimmt ist, und die mit ihm einhergehende Tendenz zur Allegoriebildung. Von der Schule her mit der schwermütig-manierierten Diktion Shakespeares ein wenig vertraut, scheint Brinkmann sich ihrer erinnert zu haben, als er das Gedicht verfasste. Wie die Sonette des Mannes aus Stratfort on Avon so gravitiert es auf einen Topos auf, der so alt wie Kunst und Poesie selbst ist, im Zeitalter Shakespeares jedoch, dem des Barock, zu besonderen Ehren gelangte, ja zu einer Art Hyper-Topos aufstieg. Vanitas vanitatem. Es ist alles eitel, Schein nur, Trug und Illusion. Wenn es auf Erden etwas gibt, das als gewiss anzusehen ist, dann dies: was ist, ist bestimmt, dem Untergang und Tod zu verfallen. Der Rest verdampft im Ungefähren.

In den Sonetten Shakespeares wird der Vanitas-Topos über das Motiv der Liebe, genauer das der erotischen Passion entfaltet und auf vertrackte Manier durchgespielt –, so das Thema der von Petrarca über das Sonett inaugurierten europäischen Liebeslyrik aufgreifend und fortführend. Anders Brinkmann. Hier geben die an Shakespeare sich anlehnenden Figuren und Bilder der Vergänglichkeit – die abfallende Winterhand, die dunklen Sommer, die toten Fische auf dem Grund der Flüsse, das blecherne Laub, die hölzernen Gerüste – den Rahmen für einen Wut- oder Hassausbruch sondergleichen ab: „Der Passant zahlt, // ißt, wirft den Knochen / nach dem unsichtbaren Engel." Von Liebe oder einer amourösen Leidenschaft nicht die geringste Spur, das Gegenteil: ein Ausbruch des Hasses vielmehr und unsäglicher Wut. – »Urmensch und Spätkultur«. Noch einmal nimmt Jakob, der Gotteskrieger, den Kampf mit dem Engel auf, wieder einmal sieht man, wie Stanley Kubrick in »2001« dem Affen Zucker gibt und dieser einen Knochen in die Weite des Himmels katapultiert. Schnitt. Ein acte gratuit, unmotiviert, unwiderstehlich. Eher surreal als prophetisch. Zorn wäre das falsche Wort.

Schauplatz des Geschehens ist eine „olle Pommesfritesbude in'ner Seitenstrasse" von Köln (wie anzunehmen ist). Das hat einen guten Grund. Es gibt schließlich keine bessere Einrichtung, um die unsäglich dumpfe, schleichend Furcht und Schrecken einjagende Banalität provinzieller Verhältnisse in Szene zu setzen, als ein von Fett starrender, im Neonlicht vor sich hin dämmernder Schnellimbiss. Rhetorisch gesehen, figuriert dieser in Brinkmanns Sonett als Metonymie oder Synekdoche für die Allgegenwart der Provinz. Wie die Provinz so stellt der Imbiss eine Art Unort dar, nicht anders als diese wirkt er stets ein wenig aufdringlich, peinlich, beschämend, irgendwie. Sachlich, funktional eingerichtet und technisch auf den massenhaften Publikumsverkehr einer Großstadt zugeschnitten, prätendiert der Imbiss auf der Höhe der Zeit zu stehen, ohne dies doch wirklich zu sein. Mag er sich von seinem Interieur, der (in der Regel nicht vorhandenen) Bedienung und dem stereotyp standardisierten Angebot an Speisen auch von einer Bauernstube oder dem Landgasthaus abheben, die delikaten Genüsse und die exquisite Bedienung eines Gourmetlokals oder einer Lounge Bar bleibt die Imbissbude ihren Gästen ewig schuldig. Ob auf dem Dorfe oder in der Stadt, am Ende landet man beim Besuch eines Schnellimbiss stets noch in der Provinz. Brinkmann wußte dies sehr genau.

tado ink | 25.05.2010 | Stichijows Papiere
comments powered by Disqus