Rußland, politisch betrachtet

Karl Marx

Der überwältigende Einfluß Rußlands hat Europa zu verschiedenen Epochen überrascht, hat die Völker des Westens aufgeregt, und sie haben sich darein wie in ein unvermeidliches Schicksal ergeben oder sich ihm lediglich in Krämpfen widersetzt. Aber mit der Faszination, die Rußland ausübt, geht eine immer wieder auflebende Skepsis einher, die Rußland wie ein Schatten verfolgt, mit seinem Wachstum wächst, schrille Töne der Ironie in die Schreie der gequälten Völker mischt und seine tatsächliche Größe als theatralische Pose verspottet, die nur dazu diene, zu blenden und zu täuschen.

Andere Reiche sahen sich in ihren Anfängen ähnlichen Zweifeln ausgesetzt; Rußland ist zum Koloß geworden, ohne sie auszuräumen. Es liefert uns das in der Geschichte einzige Beispiel eines ungeheuren Reiches, dessen tatsächliche Macht, selbst nach weltweiten Leistungen, nie aufgehört hat, als eine Sache des Glaubens und nicht als eine Tatsache zu erscheinen. Vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis zu unseren Tagen hat kein Autor umhingekonnt, einerlei ob er Rußland preisen oder rügen wollte, zunächst seine Existenz zu beweisen.

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Der blutige Schlamm mongolischer Sklaverei und nicht die rüde Herrlichkeit der Normannenzeit war Moskaus Wiege, und das moderne Rußland ist nur eine Metamorphose dieses mongolischen Moskaus.

Das Tatarenjoch währte mehr als zwei Jahrhunderte, von 1237 bis 1462; es war nicht nur zerdrückend, sondern auch entehrend und verdorrte die Seele des Volkes, das ihm zum Opfer fiel. Die mongolischen Tataren begründeten eine systematische Schreckensherrschaft, zu deren Einrichtungen Verwüstung und Massenmord gehörten. Da ihre Zahl, gemessen an ihren gewaltigen Eroberungen, gering war, suchten sie sich zur Befestigung ihrer Macht mit einem Schein des Schreckens zu umgeben und durch gewaltige Metzeleien die Völker zu dezimieren, die sich hinter ihrem Rücken erheben könnten. In den von ihnen geschaffenen Verwüstungen wurden sie übrigens von dem gleichen ökonomischen Prinzip geleitet, das das schottische Hochland und die römische Campagna entvölkert hat – Menschen durch Schafe zu ersetzen, fruchtbares Land und volkreiche Ansiedlungen in Weideland zu verwandeln.

Das Tatarenjoch hatte bereits hundert Jahre gedauert, ehe das Moskauer Reich aus seinem Dunkel empor stieg. Um Zwietracht unter den russischen Fürsten zu säen und sich ihres sklavischen Gehorsams zu versichern, hatten die Mongolen die Großfürstenwürde wiederhergestellt. Der Streit unter russischen Fürsten um diese Würde war, wie es ein neuerer Autor ausgedrückt hat, »ein niedriger Streit, ein Streit von Sklaven, deren Hauptwaffe die Verleumdung war; die jederzeit bereit waren, einander bei ihren grausamen Herrschern anzuschwärzen; die um einen herabgewürdigten Thron haderten, daher unfähig sich zu rühren, es sei denn mit plündernden, vatermörderischen Händen, die mit Gold angefüllt und mit Blut besudelt waren; um einen Thron, den sie nicht zu besteigen noch zu behalten wagten, es sei denn auf den Knien kriechend und auf dem Bauche liegend und unter dem Krummsäbel der Tataren zitternd, stets bereit, jene versklavte Krone vor dessen Füßen rollen zu lassen, wie auch die Häupter, die sie trugen.« In diesem schändlichen Streit blieb schließlich die Moskauer Linie Sieger. Im Jahre 1328 wurde die Großfürstenkrone, die der Tver-Linie durch Verleumdung und Mord entrissen worden war, von Juri, dem älteren Bruder des Iwan I. Kalita, zu Füßen des Usbek Khan aufgelesen. Iwan I. Kalita und Iwan III., der Große genannt, verkörpern das mit Hilfe des Tatarenjochs emporgekommene Moskau und seine durch das Ende der Tatarenherrschaft gewonnene unabhängige Macht. In der Geschichte dieser beiden Männer ist die ganze Politik Moskaus seit seinem Eintritt in die historische Arena zusammengefaßt.

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Zu Beginn seiner Herrschaft (1462-1505) war Iwan III. noch ein Vasall der Tataren; die Lehensfürsten machten ihm seine Macht noch streitig; Novgorod, oberste der russischen Republiken, beherrschte den Norden Rußlands; Polen-Litauen war bestrebt, Moskau zu erobern; die livländischen Ritter waren noch nicht entwaffnet. Am Ende seiner Regierung sehen wir Iwan III. auf einem unabhängigen Thron, ihm zur Seite die Tochter des letzten Kaisers von Byzanz, ihm zu Füßen Kasan, und die Reste der Goldenen Horde um seinen Hof geschart; Novgorod und andere russische Republiken unterjocht – Litauen geschwächt und sein König ein Werkzeug in Iwans Händen –, die livländischen Ritter besiegt. Das erstaunte Europa, das zu Beginn von Iwans Herrschaft kaum etwas von der Existenz des zwischen Tataren und Litauern eingeklemmten Moskauer Reiches ahnte, war vor dem plötzlichen Erscheinen eines so ungeheuren Reiches an seinen östlichen Grenzen geblendet, und selbst Sultan Bajazet, vor dem Europa erzitterte, vernahm zum ersten Mal die hochmütige Sprache des Moskowiters. Wie aber hatte Iwan diese großen Taten vollbracht? War er ein Held? Selbst die russischen Geschichtsschreiber entlarven ihn als einen erklärten Feigling.

 

Rußland, politisch betrachtet

Russische Panzereinheit in Georgien | 2008

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Einige der stehenden Redensarten der modernen russischen Diplomatie, wie zum Beispiel die Großmut, die verletzte Würde des Herrschers, sind den diplomatischen Weisungen Iwans III. entlehnt.

Nach der Übergabe von Kasan machte er [»Iwan der Große«] sich zu dem seit langen geplanten Feldzug gegen Novgorod auf, der obersten der russischen Republiken. War in seinen Augen das Abwerfen des Tatarenjochs die erste Bedingung für Moskaus Größe gewesen, so war die Unterdrückung russischer Freiheit die zweite. Da sich die Republik Vjatka gegenüber Moskau und der Horde neutral erklärt hatte und die Republik Pleskau, mit ihren zwölf Städten, Zeichen der Abneigung an den Tag gelegt hatte, schmeichelte Iwan der letzteren, gab vor, erstere nicht zu beachten, und zog seine gesamte Kraft gegen das große Novgorod zusammen,mit dessen Untergang, wie er wußte, auch das Schicksal der übrigen russischen Republiken besiegelt sein würde. Mit der Aussicht auf einen Anteil an dieser reichen Beute köderte er die Lehensfürsten, während er die Bojaren durch den Appell an ihren blinden Haß auf die Novgoroder Demokratie auf seine Seite brachte. So gelang es ihm, mit drei Armeen gegen Novgorod vorzurücken, um es mit einer solchen Übermacht zu bezwingen. Dann aber, um sein Wort gegenüber den Fürsten nicht halten zu müssen, sein unveränderliches vos non vobis nicht zu verwirken und zugleich aus Sorge, Novgorod könne ohne vorherige Behandlung ein recht unverdaulicher Brocken sein, hielt er es für angebracht, sich plötzlich maßvoll zu zeigen und sich mit dem Lösegeld und der Anerkennung seiner Oberhoheit zu begnügen. In die Unterwerfungsurkunde geheimnißte er jedoch einige doppeldeutige Worte, die ihn zum obersten Richter und Gesetzgeber machten. Dann begann er, die Zwistigkeiten zwischen Patriziern und Plebejern zu schüren, die in Novgorod ebenso gang und gäbe waren wie in Florenz. Einige Beschwerden der Plebejer nahm er zum Anlaß, sich abermals in die Stadt zu begeben, ihren Adel, der ihm, wie er wußte, feindlich gesinnt war, in Ketten nach Moskau zu schaffen und das uralte Gesetz der Republik zu brechen, wonach »keiner ihrer Bürger je außerhalb ihrer Landesgrenzen vor Gericht gestellt oder bestraft werden darf«. Von diesem Augenblick an wurde er oberster Richter. »Niemals«, so berichten die Chronisten, »niemals seit Rurik war solches geschehen, niemals hatten es die Großfürsten in Kiew und Vladimir erlebt, daß die Bürger von Novgorod zu ihnen kamen und sich ihrem Richtspruch unterwarfen. Iwan allein vermochte es, Novgorod so tief zu erniedrigen.« Sieben Jahre brauchte Iwan, um die Stadt durch die Ausübung seiner richterlichen Gewalt zu verderben. Als er dann feststellte, daß ihre Kraft erschöpft war, schien ihm die Zeit reif, sich zu offenbaren. Um seine eigene Maske der Mäßigung ablegen zu können, bedurfte es eines Friedensbruchs von seiten Novgorods. Ebenso wie er zuvor besonnene Langmut vorgetäuscht hatte, täusche er jetzt einen plötzlichen Zornesausbruch vor. Nachdem er einen Abgesandten der Republik bestochen hatte, ihn während einer öffentlichen Audienz als Souverän anzureden, beanspruchte er sogleich alle Rechte eines Despoten – die Selbstzerstörung der Republik. Wie er vorausgesehen hatte, beantwortete Novgorod seine Usurpation mit einem Aufstand, mit der Niedermetzelung des Adels und der Unterwerfung unter Litauen. Hierauf klagte dieser moskowitische Zeitgenosse Machiavellis in Ton und Geste moralischer Entrüstung: »Es waren die Bürger von Novgorod, die ihn zum Souverän erwählten, und als er ihren Wünschen willfuhr und diese Würde annahm, verleugneten sie ihn und erdreisteten sich, ihn vor ganz Rußland der Lüge zu bezichtigen; sie haben es gewagt, das Blut ihrer Landsleute, die treu geblieben waren, zu vergießen, den Himmel und das heilige Rußland zu verraten und eine fremde Religion und einen fremden Herrscher in seine Grenze zu rufen.« Ebenso wie er sich nach seinem ersten Angriff auf Novgorod mit den Plebejern gegen die Patrizier verbündet hatte, ließ er sich nun in eine geheime Verschwörung mit den Patriziern gegen die Plebejer ein. Er zog mit den vereinten Heeren Moskaus und seiner Vasallen gegen die Republik zu Felde. Als diese die bedingungslose Unterwerfung verweigerte, besann er sich auf die durch Verwirrung erreichen Siege der Tatarenzeit. Einen ganzen Monat lang zog er den Kreis der Brandschatzung und der Verwüstung immer enger um Novgorod, ließ aber die ganze Zeit das drohend erhobene Schwert nicht fallen, sondern wartete in aller Ruhe ab, bis die von Parteikämpfen zerrüttete Republik sämtliche Stadien wilder Verzweiflung, düsterer Mutlosigkeit und resignierter Ohnmacht durchlaufen hatte. Novgorod wurde versklavt. Ebenso die übrigen russischen Republiken. Es ist merkwürdig zu sehen, wie Iwan den Augenblick des Sieges dazu nutzte, Waffen gegen die Handlanger dieses Sieges zu schmieden. Er vereinigte die Ländereien des Novgoroder Klerus mit denen der Krone und sicherte so die Mittel, die Bojaren zu kaufen, die er fortan gegen die Fürsten ausspielte, während er die Gefolgsleute der Bojaren bestach, und sie gegen die Bojaren ausspielte. Es bleibt noch immer bemerkenswert, wieviel Sorgfalt das Moskauer Reich sowie auch das moderne Rußland stets darauf verwendet haben, Republiken zu vernichten. Novgorod und seine Kolonien führten den Reigen an, die Kosakenrepublik folgte, Polen schließt ihn ab. Um zu verstehen, wie Rußland Polen zerfleischte, betrachte man die Zerstörung Novgorods, die von 1478 bis 1528 dauerte.

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Ein einfacher Austausch von Namen und Daten wird genügen, um zu beweisen, daß zwischen der Politik Iwans III. und der des modernen Rußland nicht nur Ähnlichkeit, sondern Übereinstimmung besteht. Iwan III., für seinen Teil, vervollkommnete nur die traditionelle Politik Moskaus, die ihm Iwan I. Kalita vermacht hatte. Iwan Kalita, der Mongolensklave, erlangte seine Größe, indem er die Macht seiner Erzfeinde, der Tataren, gegen seine geringeren Widersacher, die russischen Fürsten, gebrauchte. Nur unter listigen Vorwänden vermochte er, die Macht der Tataren für sich zu nützen. Gezwungen, vor seinen Gebietern die Macht, die er wirklich erlangt hatte, zu verbergen, mußte er zugleich seine Mitsklaven durch eine Macht, die er nicht besaß, blenden. Um dieses Problem zu lösen, mußte er sämtliche Schliche des niedrigsten Sklaventums zu einen System entwickeln und dieses System dann in geduldiger Sklavenarbeit zur Anwendung bringen. Offene Gewalt ließ sich nur in Form von Intrige in ein System der Ränke, Korruption und geheimen Usurpation einbauen. Er konnte erst zuschlagen, nachdem er vergiftet hatte. Eindeutigkeit des Zieles wurde bei ihm zur Doppeldeutigkeit des Handelns. Durch betrügerische Ausnutzung einer feindlichen Macht Spielraum zu gewinnen, diese Macht durch ihre Ausnutzung zugleich zu schwächen und sie schließlich dadurch, daß sie als Mittel benutzt wurde, zu Fall zu bringen – diese Politik wurde Iwan Kalita durch das besondere Wesen sowohl der herrschenden als der dienenden Rasse eingegeben. Seine Politik war noch die Iwans III. Sie ist noch die Peters des Großen und ist die des heutigen Rußland, wenn auch Name, Land oder Wesen der ausgenutzten feindlichen Macht gewechselt haben mögen. Peter der Große ist in der Tat der Erfinder der modernen russischen Politik, doch wurde er es erst dadurch, daß er die alte moskowitische Methode der Usurpation ihres rein lokalen Charakters und aller zufälligen Beimischungen entkleidete, daß er sie zu einer abstrakten Formel läuterte, ihre Anwendbarkeit verallgemeinert und ihre Ziele über die Beseitigung bestimmter, vorgegebener Machtgrenzen hinaus zu unbegrenztem Machtstreben erweitert hatte. Er verwandelte das Moskauer Reich in das moderne Rußland durch die Verallgemeinerung seines Systems und nicht durch bloße Hinzufügung einiger Provinzen.

Um es zusammenzufassen: Das moskowiter Reich wurde in der schrecklichen und nichtswürdigen Schule mongolischer Sklaverei genährt und aufgezogen. Zu Kräften gelangte es nur, weil es in der Kunst des Sklaventums zum Virtuosen wurde. Selbst nach seiner Emanzipation spielte es die traditionelle Rolle des zum Herrn gewordenen Sklaven weiter. Peter der Große schließlich war es, der das politische Gewerbe des Mongolensklaven mit dem stolzen Ehrgeiz des mongolischen Gebieters vereinte, dem Dschingis Khan in seinem Testament die Eroberung der Erde vermacht hatte.

 

 

 

[Karl Marx: Enthüllungen zur Geschichte der Diplomatie im 18. Jahrhundert, herausgegeben uund eingeleitet von Karl August Wittfogel; Frankfurt/M. 1981, p. 103f., 108ff, 113f., 118ff. u. 124ff.]

 

tado ink | 08.05.2014 | Frontberichte
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